In 30 Sekunden in den Bunker

Angst, Wut, Hoffnung: Die Hamburgerin Sarah Wankum, 26, erlebt den Raketenbeschuss in Tel Aviv

Tel Aviv. "Als am Sonnabend um kurz nach 21 Uhr die Sirenen losgingen, sind wir runter in den Bunker gerannt. Es knallte mehrmals laut. Nach einigen Minuten der Ungewissheit habe ich sofort mit meinen Eltern in Hamburg telefoniert. Nicht nur um sie zu beruhigen, sondern diesmal auch, um mich selbst zu beruhigen." Sarah Wankum, 26, lebt seit sieben Jahren in Israel, doch so schlimm wie in diesen Tagen war es dort noch nie, sagt sie.

"Es ist ein Gefühl aus Angst und Wut, Trauer, Frust und Hoffnung", sagt die gebürtige Hamburgerin, die in Tel Aviv ihren Bachelor in Psychologie und in London ihren Master in Militärpsychologie gemacht hat. Vor einem Jahr ist die Tochter des Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Andreas Wankum nach Israel eingewandert.

"Ich habe mich oft gefragt, wie es für unsere Großeltern im Krieg gewesen ist. Und nun weiß ich seit fünf Tagen aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, nur 30 Sekunden zu haben zwischen dem Sirenenbeginn und dem Raketeneinfall", sagt sie. "Wie es ist, nachts aufzuschrecken, weil das Geräusch eines vorbeifahrenden Motorrads sich im ersten Moment wie eine Sirene anhört. Und wie es sich anfühlt, wenn die Stadt, die man sein Zuhause nennt, die einem Geborgenheit gibt und pure Lebensfreude ausstrahlt, plötzlich ein Ort der Gefahr ist."

Zum Glück gebe es den "Iron Dome": "Ohne das Raketenabwehrsystem wäre es kaum möglich, hier ein normales Leben zu führen", sagt Sarah. Wobei man sich in Tel Aviv noch ziemlich sicher fühle. "Die Menschen gehen in Cafés und Restaurants, nur am Strand war es am Wochenende leerer als sonst." Anders sei die Lage im Süden Israels. "Dort leben die Menschen unter ständiger Angst, es hat schon Schwerverletzte gegeben, die Kinder verbringen jetzt ihre Schulferien im Bunker."

Sarah spricht von einem Teufelskreis, der durchbrochen werden müsste. "In meinen Augen sitzen wir im gleichen Boot. So viele Menschen auf der israelischen und der palästinensischen Seite leiden unter der Situation." In Israel würden sie immerhin von der Regierung geschützt. "Die Palästinenser im Gazastreifen sind der Hamas ausgeliefert. Zivilisten werden als Schutzschilder benutzt, Waffenlager und Hauptquartiere befinden sich oft unter Schulen, Moscheen und Häusern." Die Hamas investiere einen Großteil ihres Geldes und ihrer Energie in die Zerstörung Israels anstatt in Bildung und den Aufbau ihres eigenen Territoriums.

Auch die israelische Regierung mache viele Fehler. "Aber welches Land würde es zulassen, dass die eigene Bevölkerung ständig unter Raketenbeschuss steht?" Wie geht es weiter? "Ich wünsche es mir nicht, aber es scheint kein Weg an einer noch stärkeren Reaktion Israels vorbeizugehen." Einige ihrer Freunde wurden bereits eingezogen. "Der Gedanke einer Bodenoffensive und den damit verbundenen Opfern auf beiden Seiten bereitet einem Angst."

Einen "Funken Hoffnung" habe sie noch, dass ein Zusammenleben zwischen Palästinensern und Israelis möglich sei. "Ohne diese Hoffnung wäre es furchtbar."

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