06.12.12

"Vogue"-Chefin

Anna Wintour: Diplomatie auf Stöckelschuhen

Die Chefredakteurin der "Vogue" und Spendensammlerin Anna Wintour ist im Gespräch für den US-Botschafterposten in London.

Von Thomas Frankenfeld
Foto: REUTERS
Editor-in-chief of American Vogue Anna Wintour arrives at the Metropolitan Museum of Art Costume Institute Benefit in New York
Anna Wintour, 63, gefürchtete Chefin der US-"Vogue" ist im Gespräch für den Posten der Botschafterin in London )

Hamburg. Anna Wintour ist in gewisser Hinsicht eine der mächtigsten Frauen der Welt. Die 1949 in London geborene Amerikanerin ist seit 1988 Chefredakteurin der US-Ausgabe der Modezeitschrift "Vogue". Damit gilt sie als einflussreichste Frau der in allen Farben schillernden Modebranche. Anna Wintour setzt Trends und entscheidet, welche Designer in der Vogue zum Zuge kommen.

Als diplomatisch ist die Frau mit der unerschütterlichen Prinz-Eisenherz-Frisur kaum jemals bezeichnet worden. Ihre Spitznamen - ähnlich zahlreich wie die ihrer Kleider - sind außer dem Titel "inoffizielle Bürgermeisterin von New York" selten sonderlich charmant und lauten etwa "Stalin auf Stilettos" oder "Nuclear Wintour".

Als Chefredakteurin hält Wintour herzlich wenig von kooperativem Führungsstil. Ihre redaktionelle Tyrannei wurde derart notorisch, dass die US-Autorin Laura Weisberger ihre traumatischen Eigenerfahrungen mit Wintour in dem Buch "Der Teufel trägt Prada" verarbeitete. Woraus dann 2006 mit Meryl Streep als mutmaßliche Anna Wintour ein sehr amüsanter Hollywood-Film wurde.

Ebenjene Frau mit dem gewissen Mangel an Diplomatie hat nun nach britischen und amerikanischen Medienberichten beste Chancen, Botschafterin der Vereinigten Staaten in London zu werden und in die prachtvolle Residenz am Regents Park einzuziehen.

Qualifiziert hat sie für dieses hohe Amt hauptsächlich ihre Fähigkeit, für den Wahlkampf von US-Präsident Barack Obama mehr als 500 000 Dollar zusammenzutrommeln. So organisierte sie Abendessen in den Privatresidenzen der Schauspielerin Sarah Jessica Parker ("Sex and the City") und des US-Filmmoguls Harvey Weinstein. Teilweise wurde dafür bis zu 40 000 Dollar pro Kopf verlangt. Am Ende ihrer Kampagne gehörte Anna Wintour zu den Top Ten von Obamas Spendensammlern.

Ob das für einen der begehrtesten und anspruchsvollsten Botschafterposten der Welt reicht, ist umstritten. Susan Johnson, die Präsidentin der American Foreign Service Association, des diplomatischen Auslandsdienstes, sagte vorsichtig, ganz ohne Frage sei Anna Wintour "eine intelligente, energische, fähige, attraktive und elegante Person". Aber Erfahrung im diplomatischen Dienst und in den internationalen Beziehungen sei "schon ein erheblicher Vorteil". Megan Salt, eine Sprecherin der US-"Vogue", meinte gar, Anna Wintour habe gar kein Interesse an einem diplomatischen Posten. Sie sei sehr glücklich mit ihrem gegenwärtigen Job. Allerdings hatte Wintour vor drei Jahren alle Hände voll damit zu tun, Gerüchte zu entkräften, sie sei amtsmüde. Was in Deutschland undenkbar wäre - dass ein bedeutender Botschafterposten als Gegengeschenk an einen diplomatischen Laien geht -, ist in den USA zudem seit Präsident Andrew Jackson (1829-1837) gang und gäbe.

Der jetzige Botschafter in London, der pensionierte Geschäftsmann Louis Susan, erhielt dieses Amt, weil er im ersten Wahlkampf 2008 derart heftig Spenden für Barack Obama gesammelt hatte, dass man ihm den Spottnamen "der Staubsauger" verlieh. In seiner ersten Amtszeit hat Obama 59 Botschafter nominiert - davon 40 Spendensammler, die von Diplomatie keinen blassen Schimmer hatten. Selbst die Posten in Paris und Dublin wurden auf diese Weise besetzt. Obama hat bereits jetzt mehr solche "Sammler" zu Botschaftern ernannt als Vorgänger George W. Bush in acht Jahren Regierungszeit.

Der frühere US-Botschafter in Berlin von 2005-2008, William Timken, Chef eines Rollenlagerkonzerns, brachte enorme Summen für den Republikaner Bush auf. Er hatte keine Erfahrung mit dem Auswärtigen Dienst und sprach kein Wort Deutsch, hatte aber immerhin deutsche Wurzeln im Stammbaum. Und über Obama hatte Timken dann wenig Gutes zu sagen.

Der jetzige, sehr populäre US-Botschafter in Deutschland, der In-vestmentbanker Philip Murphy, war Schatzmeister der US-Demokraten. Skandalpräsident Richard Nixon soll 1971 einmal gegenüber seinem Stabschef bemerkt haben: "Ich finde, jeder, der Botschafter werden will, sollte mindestens 250 000 Dollar zahlen." Bush hatte rund 30 Botschafterposten an Großspender vergeben, Bill Clinton hielt es ähnlich.

Bekannt wurde 2005 aus veröffentlichten Akten des früheren Gouverneurs von Nebraska und nachmaligen Landwirtschaftsministers Mike Johanns das Genörgel des Großspenders Duane Acklie im Jahre 2001. Acklie hatte offenbar von der Bush-Regierung die Zusage für einen Botschafterposten erhalten. Als sich nichts tat, ging er in die Offensive, bedrängte die Regierung massiv - und wurde mit dem Posten eines Verwaltungsratschefs der Anstalt für Studentenkredite abgespeist. Acklie war in der Hierarchie der US-Spendensammler ein "Super-Ranger", der mehr als 300 000 Dollar aufgebracht hatte. "Ranger" wird man schon für 200 000 Dollar gesammelter Spenden. Manchmal, wie im Fall des US-Botschafters in Tokio, John V. Roos, eines außenpolitisch völlig unerfahrenen Anwalts, der für Obama mehr als 500 000 Dollar eintrieb, protestiert das US-Außenministerium. In diesem Fall allerdings vergeblich, obwohl es auch in Japan für diese Wahl Obamas Kritik hagelte.

Sogar eine legendäre Politiker-Dynastie entstand aus einem solchen Deal. Der schwerreiche Unternehmer Joseph Kennedy (1888-1969) unterstützte massiv den Wahlkampf von Franklin Delano Roosevelt, US-Präsident von 1933 bis zu seinem Tod 1945. Kennedy zahlte 100 000 Dollar in Roosevelts Wahlkampfkassen und schaffte es, den Zeitungsmogul Randolph Hearst in dessen Lager zu ziehen. Dafür wurde er von Roosevelt 1934 mit dem prestigereichen Botschafterposten in London belohnt. Kennedy, der als Antisemit und Playboy galt und der bedenklich enge Kontakte zur NS-Regierung unterhielt, wurde schließlich aus politischen Gründen abberufen. Er hatte neun Kinder - unter ihnen die späteren Politiker John F. Kennedy, Robert F. Kennedy und Edward "Ted" Kennedy.

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