15.11.12

Krieg im Nahen Osten

Israel bereitet Bodenoffensive im Gazastreifen vor

Gazakonflikt eskaliert: Erstmals seit 1991 wurde der Luftalarm in der Großstadt Tel Aviv ausgelöst. Bewohner berichten von einer Explosion.

Foto: dpa

Die Stadt Gaza stand auch am Freitag unter israelischem Beschuss

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Gaza/Tel Aviv. Die Furcht vor einem neuen Nahost-Krieg wächst. Erstmals seit dem Golfkrieg 1991, als der Irak Scud-Raketen auf Israel abschoss, heulten am Donnerstag die Luftalarm-Sirenen in Tel Aviv. Zugleich war eine dumpfe laute Explosion zu hören. Nach Medienberichten ging eine Gaza-Rakete im Mittelmeer nieder.

Nach den Raketenangriffen verstärkte die israelische Luftwaffe ihre Bombardements im Gazastreifen. Binnen einer Stunde seien rund 70 Raketenabschussrampen bombardiert worden, teilte das israelische Militär mit. Radikale Palästinenser feuerten weiterhin sporadisch Raketen Richtung Israel ab. Die Zahl der Toten im Gazastreifen stieg auf 16. Ein Baby sei im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben, teilte das Gesundheitsministerium in Gaza-Stadt mit.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas brach seine Europareise ab und kehrte ins Westjordanland zurück. Die Vereinten Nationen und viele Regierungen weltweit warnten vor einer Verschärfung der Lage.

Israel begann mit der Mobilisierung seiner Reservisten, laut Militär könnten bis zu 30.000 Mann einberufen werden. Berichte über eine angeblich schon begonnene Bodenoffensive im Gazastreifen wurden aber von den Streitkräften und dem Außenministerium dementiert. Auch in dem Palästinensergebiet am Mittelmeer war von einem Eindringen israelischer Truppen nichts bekannt. Allerdings würden Soldaten in die Region verlegt, um für einen Einmarsch bereit zu stehen, sollte der Befehl kommen, sagte ein ranghoher Beamter in Tel Aviv.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Luftalarm hatte die israelische Armee den Einschlag einer Gaza-Rakete nur wenige Kilometer südlich von Tel Aviv auf freiem Feld bei Rischon Lezion bestätigt. Südliche Vorstädte wie Holon liegen nur etwa drei Kilometer entfernt. Die israelischen Streitkräfte dementierten am Abend jedoch Berichte über den Einschlag einer Gaza-Rakete im Großraum Tel Aviv.

Im Gazastreifen bekannten sich der bewaffnete Arm der dort herrschenden radikal-islamischen Hamas, die Kassam-Brigaden, und die militante Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad zum Raketenangriff auf Tel Aviv. Zwei Raketen vom iranischen Typ Fadschr-5 seien bei Rischon Lezion und in Jaffa eingeschlagen, hieß es in einer Mitteilung der Organisation, deren Kommandeur am Vortag von Israel getötet worden war.

In Tel Aviv brach zeitweise das Telefonnetz zusammen. Im Fernsehen war zu sehen, wie der Verkehr teilweise zum Stillstand kam und Menschen sich schutzsuchend flach auf den Boden legten. "Die Hamas hat den Gazastreifen in einen Vorposten des Irans verwandelt", hieß es auf der Webseite der Streitkräfte.

Nach neuen Angaben der israelischen Streitkräfte wurden seit Beginn der Offensive "Säule der Verteidigung" am Vortag 320 Ziele im Gazastreifen angegriffen. 16 Menschen starben, mehr als 150 wurden verletzt. Im gleichen Zeitraum seien aus dem Gazastreifen 306 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Dabei starben dort drei Menschen und mindestens zwölf wurden verletzt.

Einen Tag nach der gezielten Tötung des Hamas-Militärchefs durch Israel versammelten sich in Gaza Tausende Palästinenser, um Ahmed al-Dschabari das letzte Geleit zu geben. Der militärische Arm der Hamas im Gazastreifen bezeichnete dessen Tötung durch die israelische Luftwaffe als "Kriegserklärung" und kündigte blutige Rache an.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich in einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sehr besorgt. Er verurteilte die palästinensischen Raketenangriffe und forderte Israel zur Zurückhaltung auf. Der UN-Sicherheitsrat hatte zuvor vor "möglicherweise katastrophalen Folgen" einer Eskalation gewarnt.

Die USA hoffen zur Entschärfung des Konflikts auf die ägyptische Regierung. "Wir bitten Ägypten, seinen Einfluss in der Region für eine Deeskalierung zu nutzen", sagte der amerikanische Außenamtssprecher Mark Toner in Washington. Er bekräftigte die US-Position, dass die im Gazastreifen herrschende Hamas die Raketenangriffe auf Israel einstellen müsse.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich in einem Telefonat mit seinem israelischen Kollegen Avigdor Lieberman besorgt über die Lage. Zugleich betonte auch Westerwelle das israelische Recht auf Selbstverteidigung und den Schutz seiner Bürger.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi bat seinen Regierungschef Hischam Kandil, an diesem Freitag zu einem Solidaritätsbesuch in den Gazastreifen zu fahren. Am Mittwoch hatte Mursi seinen Botschafter aus Israel abgezogen.

Die neue Runde der Gewalt hatte am Samstag begonnen, als ein israelischer Jeep von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen wurde. Dabei waren vier Soldaten zum Teil schwer verletzt worden.

Israels Offensiven im Gazastreifen

 Im Jahr 2005 zog sich Israels Armee aus dem seit 1967 besetzten Gazastreifen zurück. 2007 übernahm die radikal- islamische Hamas die Herrschaft über das Gebiet und vertrieb die Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Israel erklärte den Streifen zum "feindlichen Gebiet". Auf Raketenangriffe aus Gaza und Terroranschläge reagierte Israel mehrfach mit Bodenoffensiven oder gezielten Attacken auf mutmaßliche Hintermänner.

23. Juli 2002: Bei einem israelischen Raketenangriff werden in Gaza der militante Palästinenserführer Scheich Salah Schehada und 14 weitere Menschen getötet, darunter neun Kinder. Nach israelischen Angaben war er Drahtzieher mehrerer Terroranschläge.

6. März 2003: Mit einem Panzervorstoß gegen das Flüchtlingslager Dschabalia im Gazastreifen reagiert Israel auf einen Terroranschlag in Haifa.

28. August 2003: Israelische Kampfhubschrauber feuern in Chan Junis im südlichen Gazastreifen Raketen ab. Dabei wird Hamdi Kadach getötet, der für den Mörserbeschuss israelischer Siedlungen verantwortlich gewesen sein soll.

20. Oktober 2003: Bei israelischen Luftangriffen werden mindestens 13 Palästinenser getötet. Einer der Getöteten, Chaled Masri, wird als ein führender Waffenbeschaffer der Hamas bezeichnet.

22. März 2004: Scheich Ahmed Jassin, Gründer und geistlicher Führer der Hamas, wird in Gaza von einer israelischen Rakete getötet.

17. April 2004: Jassins Nachfolger Abdel Asis Rantisi stirbt in Gaza bei einem israelische Luftangriff.

21. Oktober 2004: Adnan el Rul, ranghoher Führer des bewaffneten Arms der Hamas, wird bei einem israelischen Raketenangriff auf sein Auto in Gaza getötet.

28. Juni 2006: Die israelische Armee rückt zur Befreiung des am 25. Juni verschleppten Soldaten Gilad Schalit mit Bodentruppen in den Gazastreifen ein.

1. November 2006: Die Armee tötet bei Kämpfen von Bodentruppen in Beit Hanun im nördlichen Gazastreifen mindestens 34 Palästinenser.

5. Juli 2007: Israels Armee stößt mit Panzern auf Flüchtlingslager im zentralen Gazastreifen vor, mindestens elf Palästinenser sterben.

1. März 2008: Israel startet die Operation "Heißer Winter". Bei den Kämpfen mit Bodentruppen sterben über 100 Menschen.

27. Dezember 2008: Israel beginnt mit Luftangriffen auf Hamas- Einrichtungen im Gazastreifen, wenige Tage später beginnt die Bodenoffensive "Gegossenes Blei".   Bis am 18. Januar eine Waffenruhe in Kraft tritt sterben nach palästinensischen Quellen mindestens 1310 Palästinenser, die Israelis melden 13 Tote.

9. April 2011: Drei Hamas-Kommandeure werden in Rafah bei einem israelischen Angriff von Raketen eines Kampfflugzeugs getötet.

9. März 2012: Das israelische Militär tötet bei zwei Luftangriffen im Gazastreifen insgesamt fünf Palästinenser, darunter den Kommandeur der militanten Palästinenserorganisation Volkswiderstandskomitee, Zuher al Kesi

Eskalation der Gewalt bereitet weltweit Sorge

US-Präsident Barack Obama sicherte Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu Unterstützung zu. Nach Angaben des Weißen Hauses bekräftigte Obama in einem Telefonat, dass Israel ein Recht auf Selbstverteidigung habe. Netanjahu solle aber alles dafür tun, um Todesopfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden. US-Außenamtssprecher Mark Toner sagte, es gebe keine Rechtfertigung für die Gewalt, die die radikal-islamische Hamas und andere Terrororganisationen gegen das israelische Volk ausübten.

Die Vereinten Nationen warnten vor "möglicherweise katastrophalen Folgen". Die Situation dürfe nicht unterschätzt werden, sagte der UN-Untergeneralsekretär für Politische Fragen, Jeffrey Feltman, in einer Sondersitzung des Sicherheitsrats. UN-Diplomaten berichten, dass große Einigkeit im Rat geherrscht habe und die Lage als höchst bedrohlich eingeschätzt wurde. Palästinenser und Israelis wurden zur Zurückhaltung aufgefordert.

China zeigte sich "ernsthaft besorgt" über die israelischen Angriffe im Gazastreifen. Das Außenministerium in Peking rief Israel zu "äußerster Zurückhaltung" auf. China verurteile alle Aktionen, bei denen es zu zivilen Opfern komme, sagte der Sprecher Hong Lei. China fordere alle Parteien und "insbesondere Israel" auf, sich zurückzuhalten und eine Eskalation zu vermeiden.

Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle zeigte sich besorgt über die Zuspitzung des Nahost-Konflikts. "Es darf nicht zu einer neuen Spirale der Gewalt kommen." Er rief alle Seiten zu "größtmöglicher Zurückhaltung" auf. "Wir verfolgen mit sehr großer Sorge diese grenzüberschreitenden Auseinandersetzungen."

Ägypten zog als Reaktion auf Israels Angriffe seinen Botschafter aus Tel Aviv zurück. Kairo kündigte an, eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates zu beantragen. Vielen Ägyptern gehen die Maßnahmen aber nicht weit genug. Linke und nationalistische Politiker fordern eine Revision des Friedensvertrags mit Israel. Die Partei der ägyptischen Muslimbruderschaft, die auch die politische Heimat von Präsident Mohammed Mursi ist, warnte Israel und erklärte, solche Angriffe auf Palästinenser dürften nicht mehr ungestraft bleiben. Mursi sagte laut staatlichem Fernsehen: "Israel muss begreifen, dass wir keine Aggression akzeptieren, die sich negativ auf die Sicherheit und Stabilität in der Region auswirkt."

 

Die Außenminister der Arabischen Liga wollen am Samstag bei einer Sondersitzung über die Lage in Gaza beraten. Die GOLFSTAATEN forderten die internationale Staatengemeinschaft auf, ihrer Verantwortung für Frieden und Sicherheit auf der Welt gerecht zu werden. KATAR erklärte, die israelische Aggression dürfe nicht ungestraft bleiben. JORDANIEN kritisierte, dass durch das Verhalten Israels die Sicherheit der ganzen Region bedroht sei. SYRIEN sprach von einem "barbarischen" Verbrechen Israels. Die syrischen Rebellen befürchten, dass der neue Konflikt die Welt von der Syrienkrise ablenkt.

dpa
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