15.11.12

Nach Tötung von Hamas-Chef Ausnahmezustand: Der Gazakonflikt droht zu eskalieren 

Ibrahim Barzak und Josef Federman

Israel schließt Bodenoffensive nicht aus - Hamas beschießt Israel weiter mit Raketen. Zahl der toten Zivilisten auf beiden Seiten steigt.

Gaza-Stadt. Der neue Gazakonflikt fordert immer höheren Blutzoll. Eine Rakete aus dem Gazastreifen tötete drei israelische Zivilisten im Süden des Landes, bei den Attacken der israelischen Streitkräfte auf Ziele im Gazastreifen starben seit Mittwoch 13 Palästinenser, darunter vier Zivilisten. US-Präsident Barack Obama, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und die ägyptische Führung schalteten sich in den Konflikt ein.

Um den seit Beginn der Woche eskalierenden Beschuss ihres Territoriums durch Raketen und Mörser zu beenden, hatten die Israelis am Mittwoch mit ihren Einsätzen gegen Hamas und Terrorgruppen begonnen. Zunächst töteten sie, das erste Mal seit Jahren wieder, gezielt einen Hamas-Militärchef, Ahmed Dschabari. Seither weiten sie die Operationen mit Beschuss durch die Luftwaffe, Panzer und Kanonenboote aus. Trotzdem feuerten Hamas und weitere islamistische Milizen seit Mittwoch über 180 Raketen auf Israel ab, wie die Streitkräfte bekannt gaben .

Nun geht die Angst vor einer Ausweitung des Konflikts um. In New beriet der UN-Sicherheitsrat die Lage. Ägypten forderte unterdessen von den USA, auf Israel einzuwirken, um "die israelische Aggression zu stoppen". Palästinenserpräsident Mahmud Abbas brach eine Europareise ab und kehrte ins Westjordanland zurück.

Ausnahmezustand in Israel und Gazastreifen

Im Gazastreifen rief die regierende Hamas rief den Notstand aus. Schulen blieben geschlossen, am Donnerstag waren die meisten Straßen in Gaza-Stadt verwaist, viele der 1,6 Millionen Einwohner in der Küstenregion suchten zu Hause Schutz. Die israelische Armee hatte sie mit Flugblättern davor gewarnt, in die Nähe von Hamas-Standorten, Raketenlagern oder Abschussrampen zu gehen.

Auch die Menschen in Israels Süden, wo gleichfalls der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, sollten zum Schutz vor den Raketen der Islamisten das Haus möglichst nicht verlassen. 40 Kilometer um den Gazastreifen blieben die Schulen geschlossen, die Menschen sollte nicht zur Arbeit gehen. Die Polizei verstärkte aus Angst vor Terroranschlägen im ganzen Land die Patrouillen.

Bei der Beerdigung Dschabaris skandierten 400 wütende Palästinenser "Allah ist groß, die Rache kommt" und schossen in die Luft. Der Hamas Abgeordnete Muschir al Masri sagte in seiner Trauerrede, dass dieses "Verbrechen" sie nicht schwächen werde. "Es wird uns stärker machen und noch entschiedener, dem Weg des Heiligen Krieges und Widerstandes zu folgen." Der Feind habe den Kampf eröffnet und "soll die Konsequenzen tragen", sagte al Masri.

US-Präsident Obama hatte bereits kurz nach den Luftangriffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi gesprochen. Dabei habe Obama seine Unterstützung für das Recht Israels auf Selbstverteidigung bekundet, teilte das Weiße Haus am Mittwoch (Ortszeit) mit. Obama habe die Regierung in Jerusalem allerdings auch dazu aufgefordert, zivile Opfer bei den Militäroperationen zu vermeiden.

UN-Generalsekretär Ban rief beide Seiten zur Ruhe auf und verlangte die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Die Palästinenser forderten Hilfe von der internationalen Gemeinschaft.

Dutzende weitreichende Raketen der Hamas zerstört

Auf die auch in Israel umstrittene gezielte Tötung des Hamas-Militärchefs Dschabari, der vom Militär als "Terrorist Nummer 1 im Gazastreifen" bezeichnet worden war, folgte eine zielgerichtete Offensive. Über 50 israelische Angriffe trafen Lager und Startrampen für Raketen sowie zwei Trainingscamps islamistischer Kämpfer. Sie forderten neben den 13 Toten auch über 100 Verletzte. Nach Einschätzung der Armee verfügte Hamas zu Beginn der Operationen noch über 10.000 Raketen und Mörsergranaten. Inzwischen sei es aber gelungen, Dutzende der gefährlichsten Raketen vom Typ der iranischen Fadschr, die sogar Tel Aviv erreichen könnten, zu zerstören.

Dennoch schlugen bis Donnerstagnachmittag über 110 Raketen aus dem Gazastreifen auf israelischem Gebiet ein. Sie sind inzwischen so weitreichend und modern, dass sie über eine Million Israelis bedrohen. Im Städtchen Kirjat Malachi traf nach Polizeiangaben eine Rakete ein Wohnhaus und tötete zwei Männer und eine Frau. Ein vierjähriger Junge wurde schwer, zwei Babys leicht verletzt.

In einer Ansprache sagte Netanjahu, Israel werde die Angriffe aus dem Gazastreifen nicht länger dulden. "Sollte es nötig sein, sind die Streitkräfte bereit, die Operation auszuweiten", warnte der Regierungschef. "Wir werden weiterhin alles tun, um unsere Bürger zu schützen."