15.11.12

Nach Tötung von Hamas-Chef

Islamischer Dschihad bekennt sich zu Angriff auf Tel Aviv

Gazakonflikt eskaliert: Raketenangriff auf Hauptstadt Israels. Erstmals seit 1991 Luftalarm. USA verurteilen "feige Taten" der Hamas.

Foto: dpa

Die Stadt Gaza stand auch am Freitag unter israelischem Beschuss

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Tel Aviv/Gaza. International wächst die Furcht vor einem neuen Nahost-Krieg. Israel hat pausenlos Ziele im Gazastreifen bombardiert und Reservisten mobilisiert – militante Palästinenser haben auch am Donnerstag Raketen abgefeuert. Erstmals schlug am Donnerstagabend eine Rakete aus dem palästinensischen Gazastreifen in der Nähe von Tel Aviv ein – es wurde Luftalarm ausgelöst. Das hatte es zuletzt während des Golfkriegs 1991 gegeben. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas brach seine Europareise ab und kehrte ins Westjordanland zurück.

Ein israelischer Militärsprecher dementierte Berichte, wonach eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete in der Großstadt Tel Aviv eingeschlagen sein soll. Die sei nicht der Fall, sagte er am Donnerstag. Aus israelischen Sicherheitskreisen verlautete, die Rakete sei ins Meer gestürzt. Augenzeugen hatten zuvor berichtet, sie hätten eine Explosion in der Stadt gehört. Der Armee-Rundfunk meldete, Tel Aviv sei von einer Rakete getroffen worden. Die radikal-islamische Palästinenser-Organisation Islamischer Dschihad übernahm die Verantwortung für den Raketenbeschuss.

Die USA nannten die Angriffe auf Israel in den vergangenen Tagen "feige Taten" der radikal-islamischen Hamas. US-Präsident Barack Obama verurteile die Angriffe, für die es keine Rechtfertigung gebe, sagte sein Sprecher Jay Carney am Donnerstag vor Reportern. Bereits am Vortag hatte Obama dem israelischem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in einem Telefonat seine Unterstützung zugesichert. Netanjahu müsse aber alles dafür tun, um Opfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden.

Außenminister Guido Westerwelle bezeichnete die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten als "außerordentlich gefährlich". "Deswegen ist es wichtig, dass alle Beteiligten ihre Verantwortung für Deeskalation jetzt auch wahrnehmen", sagte er am Donnerstag am Rande eines Außen- und Verteidigungsministertreffens in Paris. Zwar habe Israel angesichts des Raketenbeschusses aus dem Gaza-Streifen das Recht auf Selbstverteidigung. "Aber es ist gleichzeitig notwendig, dass auf Deeskalation gesetzt wird."

Einen Tag nach der gezielten Tötung von Hamas-Militärchef Ahmed al-Dschabari durch Israel wurden drei Menschen durch eine palästinensische Rakete getötet. Zudem wurden mindestens zwölf Menschen in Israel verletzt. Im Gazastreifen, den die radikalislamische Hamas kontrolliert, stieg die Zahl der Toten bei Luftangriffen auf 15, darunter waren zwei Kleinkinder und eine Schwangere, teilte das Hamas-Gesundheitsministeriums mit. Mehr als 150 Menschen seien verletzt worden.

Die israelische Armee habe seit Beginn der Offensive "Säule der Verteidigung" am Mittwoch fast 230 Ziele aus der Luft und vom Meer aus angegriffen, teilte eine Sprecherin in Tel Aviv mit. Die Hamas feuerte nach diesen Angaben mindestens 245 Raketen auf Israel ab. Etwa ein Drittel der Geschosse wurde von der Raketenabwehr abgefangen.

Mit besonderer Sorge wurde in Israel der Einschlag einer Rakete in der Nähe von Tel Aviv registriert. Das Geschoss sei auf einem offenen Feld bei der Stadt Rischon Lezion südlich von Tel Aviv eingeschlagen, bestätigte eine Sprecherin des Militärs. Zwar habe es weder Opfer noch Schäden gegeben, aber nach vorliegenden Erkenntnissen flog noch nie eine Rakete so weit in den dicht besiedelten Norden.

Der Einschlagsort lag etwa 50 Kilometer nördlich des Gazastreifens und nur noch etwa zwölf Kilometer vom Zentrum der Mittelmeermetropole entfernt. Südliche Vorstädte von Tel Aviv wie Holon liegen nur etwa drei Kilometer entfernt. Sollten sich solche Angriffe wiederholen, ist mit einer sehr viel schärferen israelischen Reaktion zu rechnen.

In Gaza versammelten sich Tausende Palästinenser, um Al-Dschabari das letzte Geleit zu geben. Der militärische Arm der Hamas im Gazastreifen bezeichnete dessen gezielte Tötung durch die israelische Luftwaffe als "Kriegserklärung" und kündigte massive Rache an.

Die Vereinten Nationen und viele Regierungen weltweit warnten vor einer weiteren Verschärfung der Lage. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich in einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sehr besorgt, teilten die UN mit. Er verurteilte die palästinensischen Raketenangriffe und forderte Israel zur Zurückhaltung auf. Der UN-Sicherheitsrat hatte zuvor vor "möglicherweise katastrophalen Folgen" der Eskalation gewarnt. Außenminister Guido Westerwelle sprach von einer außerordentlich gefährlichen Situation.

Kritik musste sich Israel vor allem von Ägypten gefallen lassen. Kairo zog seinen Botschafter aus Tel Aviv ab. Präsident Mohammed Mursi sagte laut staatlichem Fernsehen: "Israel muss begreifen, dass wir keine Aggression akzeptieren, die sich negativ auf die Sicherheit und Stabilität in der Region auswirkt."

Die neue Runde der Gewalt hatte am Sonnabend begonnen, als ein israelischer Jeep von einer Rakete aus dem Gazastreifen getroffen wurde. Dabei waren vier Soldaten zum Teil schwer verletzt worden.

Israels Offensiven im Gazastreifen

 Im Jahr 2005 zog sich Israels Armee aus dem seit 1967 besetzten Gazastreifen zurück. 2007 übernahm die radikal- islamische Hamas die Herrschaft über das Gebiet und vertrieb die Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Israel erklärte den Streifen zum "feindlichen Gebiet". Auf Raketenangriffe aus Gaza und Terroranschläge reagierte Israel mehrfach mit Bodenoffensiven oder gezielten Attacken auf mutmaßliche Hintermänner.

23. Juli 2002: Bei einem israelischen Raketenangriff werden in Gaza der militante Palästinenserführer Scheich Salah Schehada und 14 weitere Menschen getötet, darunter neun Kinder. Nach israelischen Angaben war er Drahtzieher mehrerer Terroranschläge.

6. März 2003: Mit einem Panzervorstoß gegen das Flüchtlingslager Dschabalia im Gazastreifen reagiert Israel auf einen Terroranschlag in Haifa.

28. August 2003: Israelische Kampfhubschrauber feuern in Chan Junis im südlichen Gazastreifen Raketen ab. Dabei wird Hamdi Kadach getötet, der für den Mörserbeschuss israelischer Siedlungen verantwortlich gewesen sein soll.

20. Oktober 2003: Bei israelischen Luftangriffen werden mindestens 13 Palästinenser getötet. Einer der Getöteten, Chaled Masri, wird als ein führender Waffenbeschaffer der Hamas bezeichnet.

22. März 2004: Scheich Ahmed Jassin, Gründer und geistlicher Führer der Hamas, wird in Gaza von einer israelischen Rakete getötet.

17. April 2004: Jassins Nachfolger Abdel Asis Rantisi stirbt in Gaza bei einem israelische Luftangriff.

21. Oktober 2004: Adnan el Rul, ranghoher Führer des bewaffneten Arms der Hamas, wird bei einem israelischen Raketenangriff auf sein Auto in Gaza getötet.

28. Juni 2006: Die israelische Armee rückt zur Befreiung des am 25. Juni verschleppten Soldaten Gilad Schalit mit Bodentruppen in den Gazastreifen ein.

1. November 2006: Die Armee tötet bei Kämpfen von Bodentruppen in Beit Hanun im nördlichen Gazastreifen mindestens 34 Palästinenser.

5. Juli 2007: Israels Armee stößt mit Panzern auf Flüchtlingslager im zentralen Gazastreifen vor, mindestens elf Palästinenser sterben.

1. März 2008: Israel startet die Operation "Heißer Winter". Bei den Kämpfen mit Bodentruppen sterben über 100 Menschen.

27. Dezember 2008: Israel beginnt mit Luftangriffen auf Hamas- Einrichtungen im Gazastreifen, wenige Tage später beginnt die Bodenoffensive "Gegossenes Blei".   Bis am 18. Januar eine Waffenruhe in Kraft tritt sterben nach palästinensischen Quellen mindestens 1310 Palästinenser, die Israelis melden 13 Tote.

9. April 2011: Drei Hamas-Kommandeure werden in Rafah bei einem israelischen Angriff von Raketen eines Kampfflugzeugs getötet.

9. März 2012: Das israelische Militär tötet bei zwei Luftangriffen im Gazastreifen insgesamt fünf Palästinenser, darunter den Kommandeur der militanten Palästinenserorganisation Volkswiderstandskomitee, Zuher al Kesi

Eskalation der Gewalt bereitet weltweit Sorge

US-Präsident Barack Obama sicherte Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu Unterstützung zu. Nach Angaben des Weißen Hauses bekräftigte Obama in einem Telefonat, dass Israel ein Recht auf Selbstverteidigung habe. Netanjahu solle aber alles dafür tun, um Todesopfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden. US-Außenamtssprecher Mark Toner sagte, es gebe keine Rechtfertigung für die Gewalt, die die radikal-islamische Hamas und andere Terrororganisationen gegen das israelische Volk ausübten.

Die Vereinten Nationen warnten vor "möglicherweise katastrophalen Folgen". Die Situation dürfe nicht unterschätzt werden, sagte der UN-Untergeneralsekretär für Politische Fragen, Jeffrey Feltman, in einer Sondersitzung des Sicherheitsrats. UN-Diplomaten berichten, dass große Einigkeit im Rat geherrscht habe und die Lage als höchst bedrohlich eingeschätzt wurde. Palästinenser und Israelis wurden zur Zurückhaltung aufgefordert.

China zeigte sich "ernsthaft besorgt" über die israelischen Angriffe im Gazastreifen. Das Außenministerium in Peking rief Israel zu "äußerster Zurückhaltung" auf. China verurteile alle Aktionen, bei denen es zu zivilen Opfern komme, sagte der Sprecher Hong Lei. China fordere alle Parteien und "insbesondere Israel" auf, sich zurückzuhalten und eine Eskalation zu vermeiden.

Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle zeigte sich besorgt über die Zuspitzung des Nahost-Konflikts. "Es darf nicht zu einer neuen Spirale der Gewalt kommen." Er rief alle Seiten zu "größtmöglicher Zurückhaltung" auf. "Wir verfolgen mit sehr großer Sorge diese grenzüberschreitenden Auseinandersetzungen."

Ägypten zog als Reaktion auf Israels Angriffe seinen Botschafter aus Tel Aviv zurück. Kairo kündigte an, eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates zu beantragen. Vielen Ägyptern gehen die Maßnahmen aber nicht weit genug. Linke und nationalistische Politiker fordern eine Revision des Friedensvertrags mit Israel. Die Partei der ägyptischen Muslimbruderschaft, die auch die politische Heimat von Präsident Mohammed Mursi ist, warnte Israel und erklärte, solche Angriffe auf Palästinenser dürften nicht mehr ungestraft bleiben. Mursi sagte laut staatlichem Fernsehen: "Israel muss begreifen, dass wir keine Aggression akzeptieren, die sich negativ auf die Sicherheit und Stabilität in der Region auswirkt."

 

Die Außenminister der Arabischen Liga wollen am Samstag bei einer Sondersitzung über die Lage in Gaza beraten. Die GOLFSTAATEN forderten die internationale Staatengemeinschaft auf, ihrer Verantwortung für Frieden und Sicherheit auf der Welt gerecht zu werden. KATAR erklärte, die israelische Aggression dürfe nicht ungestraft bleiben. JORDANIEN kritisierte, dass durch das Verhalten Israels die Sicherheit der ganzen Region bedroht sei. SYRIEN sprach von einem "barbarischen" Verbrechen Israels. Die syrischen Rebellen befürchten, dass der neue Konflikt die Welt von der Syrienkrise ablenkt.

(dpa)
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