Hamburger Familie lebt in großer Sorge um Angehörige in Homs. Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte sprach von einem Massaker.

Hamburg/Homs. Familie N. aus Homs hat Gäste im Haus. Nachts gehen sie los und erschießen Menschen. Es sind ihre Landsleute, auf die sie Jagd machen. Die auf der anderen Seite. Die desertiert sind oder sich auflehnen gegen die Soldaten und den syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Die "Gäste" hat Familie N. so genannt, weil sie fürchten, dass ihr Telefon abgehört wird. Jedes Gespräch mit Verwandten, Freunden, Nachbarn kann ein Todesurteil sein. Es sind Soldaten von Assad, die sich in dem Haus einquartiert haben.

In der Nachbarschaft sind viele Gebäude zerstört. Bomben, gezielte Panzerangriffe und Granatenbeschuss haben Teile der Millionenstadt Homs zum Schlachtfeld eines der blutigsten Bürgerkriege der Gegenwart gemacht. Mittendrin sitzen drei Kinder, zwei Jungen, 15 und 17, und ein Mädchen, 7, sowie ihre Mutter. Ihre Angehörigen in Hamburg bangen um ihr Leben. Dabei könnten sie ausreisen. Die Kinder haben deutsche Pässe. Ihr Vater hatte in Hamburg gelebt und war mit seiner neuen Frau nach Syrien gegangen. Er ist zwischenzeitlich gestorben.

Seine Töchter aus erster Ehe sitzen in Hamburg und können die Augenzeugenberichte aus Homs nicht fassen. "Immer nachts fangen sie an. Die Soldaten gehen los und erschießen die Leute", sagte eine Halbschwester der Kinder aus Homs dem Abendblatt. Genauso wie die Soldaten fürchtet die Familie die Rache der Schergen Assads. Sie hat um Anonymität gebeten. Unter Exil-Syrern grassiert die Furcht vor Botschaftsmitarbeitern, die von Berlin aus Syrer in Deutschland drangsalieren sollen und Informationen nach Damaskus weitergeben. Zwei Syrer wurden bereits verhaftet, vier mutmaßliche syrische Spione ausgewiesen.

Seit dem vergangenen Sommer haben die Hamburger versucht, die Kinder aus Syrien herauszuholen. Zwischen den Botschaften ging es hin und her. In Syrien fuhr die Mutter der Kinder mehrfach die 180 Kilometer in die deutsche Vertretung nach Damaskus, um für sich ein Visum zu ergattern. Mal fehlte eine Bescheinigung, mal eine Unterschrift. Jeder Weg war lebensgefährlich. Die Aufständischen liefern sich auch in den Vorstädten von Damaskus Gefechte mit dem Militär.

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Und mittlerweile hat das Auswärtige Amt seine Reisewarnung für Syrien noch einmal verschärft. "Nochmals" und "mit Nachdruck" fordert das Ministerium alle Deutschen auf, das Land zu verlassen. Diese Worte müssen zynisch klingen in den Ohren der Familie N. Schließlich wollen sie nichts sehnlicher als Freiheit und Sicherheit. Doch Guido Westerwelles Diplomaten wissen auch: "Alle Reisenden, die neben der deutschen auch die syrische Staatsangehörigkeit besitzen (etwa durch syrische Staatsangehörigkeit des Vaters), werden nach allgemeiner Praxis in Syrien ausschließlich als Syrer behandelt." Da endet die deutsche Autorität.

Und die Einsätze des Militärs in Homs werden immer gewalttätiger. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bestätigt ein mörderisches Vorgehen der Truppen Assads. Nach Berichten von Medizinern vor Ort in Homs nehmen die Soldaten buchstäblich Verletzte ins Visier. Es kommt zu Folter und Erschießungen. Alle Berichte sind anonymisiert. Wie die Aufständischen und ihre Sympathisanten müssen die Ärzte die Rache Assads fürchten. Der Machthaber lässt seine Schergen gezielt durch die Krankenhäuser ziehen, um Oppositionelle ausfindig zu machen.

"In Syrien werden verwundete Patienten und Ärzte verfolgt. Sie sind in Gefahr, durch Sicherheitskräfte verhaftet und gefoltert zu werden", sagte Marie-Pierre Allié, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen in Frankreich. "Medizin wird als Mittel der Verfolgung eingesetzt." Dabei kommt es offensichtlich auch zu regelrechten Hinrichtungen. Deshalb hat sich im Untergrund ein paralleles Versorgungssystem entwickelt. Es gibt improvisierte Behandlungs- und Operationsräume in Wohnungen und auf Bauernhöfen in Homs und Umgebung. Wie die Ärzteorganisation beklagt, seien in diesen "mobilen Krankenhäusern" die hygienischen Bedingungen schlecht und die Narkosemittel knapp. Und: Allein der Besitz von Medikamenten und einfachem medizinischem Material wie Mullbinden wird als Verbrechen angesehen.

Im Bericht der Organisation heißt es weiter, in den Krankenhäusern würden Ärzte mitunter bewusst falsche Diagnosen stellen, damit die Patienten den Sicherheitskräften entkommen. "Es ist entscheidend, dass die syrischen Behörden die Neutralität der medizinischen Einrichtungen wiederherstellen", sagte Marie-Pierre Allié. "Krankenhäuser müssen geschützte Bereiche sein, in denen verwundete Patienten ohne Diskriminierung behandelt werden, in denen sie sicher sind vor Übergriffen und Folter - und wo Ärzte und Pfleger nicht ihr Leben riskieren, wenn sie nach ihrem Berufskodex handeln."

Der Nachrichtensender al-Arabija berichtete, dass die Stadt Homs regelrecht umzingelt sei. Lebensmittel würden schon seit Tagen nicht mehr geliefert. Die Heizölvorräte neigten sich dem Ende zu. Nach elf Monaten der Gewalt mit vermutlich 6000 Toten prüfen die Vereinten Nationen eine Beobachtermission. "Wir erwägen eine gemeinsame Mission mit der Arabischen Liga", sagte Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon nach einem Treffen des Sicherheitsrates. Die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, sprach von einem Massaker. Exil-Syrer berieten in Katar über Waffenlieferungen an Deserteure. Am Freitag sind bei Explosionen in Aleppo nach Behördenangaben mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen. Das Staatsfernsehen berichtete von "terroristischen Explosionen" in Gebäuden der militärischen Sicherheit und der Polizei.

Unterdessen wurde bekannt, dass die Schweiz trotz der Sanktionen gegen Syrien drei Millionen Euro an einen Geheimdienstmann und Cousin des Präsidenten Assad freigegeben hat. Schweizer Anwälte hätten das vor Gericht durchgesetzt. Das Geld geht an Hafis Machluf, dessen Bruder Rami Machluf als einer der reichsten Männer Syriens und Geldgeber des Assad-Clans gilt. Es handele sich um einen Ausnahmefall, zu dem man nicht im Einzelnen Stellung nehme, sagte eine Sprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft der Nachrichtenagentur dpa. Hafis Machluf soll am gewaltsamen Vorgehen gegen Demonstranten beteiligt sein.

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