Terror immer radikaler

Bin-Laden-Sohn warnt vor Eskalation

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Omar Bin Laden wurde zum Terroristen ausgebildet, doch er wandte sich ab von seinem Vater. In Dubai gab er ABC News ein Interview.

Hamburg/Dubai. Spezialeinheiten und Geheimdienste jagen ihn seit fast einem Jahrzehnt ohne Erfolg; er ist der geistige Führer des Terrornetzwerks al-Qaida und gleicht selber einem unfassbaren Geist: der Saudi-Araber ohne Heimat, Osama Bin Laden. Den USA, Opfern der Al-Qaida-Anschläge vom 11. September 2001, gilt er als gefährlichster Mann der Welt.

Doch sein Sohn Omar warnt jetzt in einem Exklusivinterview mit dem US-Sender ABC, dass die Personen in der Umgebung Bin Ladens sowie die nächste Generation von al-Qaida erheblich blutrünstiger seien als sein Vater. "Wie ich meinen Vater kenne und die Leute um ihn herum, ist er noch der Gütigste von allen, denn einige sind viel, viel schlimmer", sagte Omar Bin Laden gegenüber ABC News. "Ihre Mentalität ist es, noch mehr Gewalt, noch mehr Probleme hervorzurufen." Mit Blick auf die nächste Generation der Terroristen und ihre Ausbildung in den Al-Qaida-Lagern sagte Bin Laden, das Schlimmste komme wohl erst noch. Falls sein Vater getötet würde, könnte Amerika einem größeren und viel brutaleren Feind gegenüberstehen, der dann nicht mehr kontrolliert werden könne.

Omar Bin Laden, Jahrgang 1981, ist der viertälteste Sohn des Terrorführers, der insgesamt 19 Kinder von fünf Frauen hat. Omar Bin Laden kennt die Terrorausbildung von al-Qaida sehr genau: Er begleitete seinen Vater 1991 ins sudanesische Exil sowie 1996 nach Afghanistan und war bereits als Nachfolger auserkoren. Mit 14 Jahren begann sein Terrortraining in Al-Qaida-Camps. Zeitweise wohnte er mit Ayman al-Sawahiri zusammen, dem gefürchteten Stellvertreter Osama Bin Ladens. Der Terrorfürst behandelte seine Söhne nicht anders als seine Kämpfer, setzte sie Gefahren und Härten aus und schlug sie bei kleinsten Vergehen derart brutal, dass manchmal der Rohrstock zerbrach. "Ich sah ihn an - er schien die harten Lebensbedingungen gar nicht wahrzunehmen, sie schienen ihn eher zu berauschen. Er war schon ein harter Mann." Spielzeuge waren für die Kinder tabu, allzu fröhliches Lachen auch. Bin Laden ließ seine Männer chemische Waffen an Omars Hundewelpen testen.

Der endgültige Bruch zwischen Omar Bin Laden und seinem Vater kam, als Bin Laden senior seine Söhne dazu aufforderte, sich für Selbstmordmissionen zu melden. Er ermutigte sie, sich für al-Qaida in die Luft zu sprengen. "Wir waren schockiert", erzählt Omar Bin Laden: "Warum sagte er so etwas zu uns? Wir Söhne besprachen das und beschlossen, dass dies niemals geschehen würde, denn das war nicht unsere Art."

Omar Bin Laden tat etwas, was in der arabisch-islamischen Welt eine Ungeheuerlichkeit darstellt: Er widersprach seinem Vater offen und verweigerte ihm schließlich den Gehorsam. "Er antwortete gar nicht. Wir waren für ihn nicht so wichtig wie seine großen Ziele. Nichts würde ihn stoppen." Omar Bin Laden betont: "Friedliche Menschen anzugreifen ist nicht fair, es ist inakzeptabel. Wenn du ein Problem mit Armeen oder Regierungen hast, dann greife die doch an." Auf die Frage, ob er denn nicht irgendetwas an Amerika möge, habe sein Vater lakonisch geantwortet: "Seine Waffen."

Omar Bin Laden trennte sich kurz vor den Anschlägen am 11. September von seinem Vater. Derzeit lebt er in Dubai. Er sagt, er wisse nicht, wo sein Vater sei, aber er werde wohl niemals gefangen werden. Er gelte immer noch als Held, und kein Afghane würde ihn ausliefern. In diesem Land kämpfe er nun seit 30 Jahren - dort würde ihn niemand fangen können. Doch viele Dschihadisten, die ihn umgeben, würden gern in ihre Länder zurückkehren, wüssten aber, dass sie dann getötet würden. "Also bleiben sie bei meinem Vater", sagt Omar Bin Laden. Er glaubt, dass man die meisten Al-Qaida-Kämpfer zu einem friedlichen Leben bekehren könne.

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