23.11.12

Zeitungskrise

Aus für "FTD" ist amtlich – Merkel bedauert Redakteure

Neben der Bundeskanzlerin äußerte sich auch Olaf Scholz, betonte die Relevanz von gutem Journalismus - Presserunde heute auf Hamburg 1.

Foto: dpa
Die Verlagsführung hätte die "FTD" falsch vermarktet, so Mitarbeiter der Zeitung
Die Verlagsführung hätte die "FTD" falsch vermarktet, so Mitarbeiter der Zeitung

Frankfurt. Das ehrgeizigste jüngere Zeitungsprojekt in Deutschland ist Geschichte: Der Hamburger Verlag Gruner+Jahr stellt die Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland" (FTD) nach zwölf verlustreichen Jahren ein. Die lachsrosa "FTD" erscheine am 7. Dezember zum letzten Mal, bestätigte G+J am Freitag das Scheitern des deutschen Ablegers der renommierten britischen Zeitung. Voraussichtlich mehr als 360 Stellen fallen weg. Seit der Gründung habe das Blatt kein einziges Mal Gewinne erzielt, sagte Julia Jäkel, Chefin von G+J Deutschland. "Vor diesem Hintergrund sehen wir keinen Weg, die FTD weiter zu betreiben." Zu den ersten, die sich zur Einstellung des Blattes äußerten, gehörte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Das ist ja schlimm für Sie nach so vielen Jahren", sagte sie einem "FTD"-Redakteur, der den Satz über Twitter verbreitete und trocken anmerkte: "In der Tat." Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz betonte, dass die Gesellschaft vor der großen Aufgabe stehen würde, "auch im digitalen Zeitalter qualitativ hochwertigen Journalismus zu sichern."

Überraschend kommt das Ende der Zeitung nicht, die ebenso wie die britische Schwesterblatt auf lachsrosa Papier gedruckt wird. Anfang der Woche beschloss der G+J-Vorstand, die Finanzzeitung wegen der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive einzustellen – allein dieses Jahr dürften Verluste von zehn Millionen Euro anfallen. Am Donnerstag besiegelte dann auch der G+J-Aufsichtsrat das Ende der Zeitung. Damit fordert die Zeitungskrise in Deutschland in diesem Herbst bereits ihr zweites prominentes Opfer. Die linksliberale "Frankfurter Rundschau" meldete in der Vorwoche Insolvenz an. Auch die Pleite der mit großen Plänen expandierenden Nachrichtenagentur dapd hatte zuvor die deutsche Medienlandschaft erschüttert.

In der Folge erklärte der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen: "CDU/CSU und FDP werden das derzeit grassierende Zeitungssterben im Deutschen Bundestag zum Thema machen. Zusammen mit dem medienpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion, Burkhardt Müller-Sönksen, halten wir es für dringend erforderlich, dass sich der Ausschuss für Kultur und Medien mit den Folgen der jüngsten Insolvenzen bzw. Zeitungseinstellungen befasst."

Trauer, Mitleid und Jobangebote

Die Gewerkschaft Verdi hat dem Verlag Gruner+Jahr vorgeworfen, zu spät Alternativen für seine Wirtschaftsmedien geprüft zu haben. Nun habe die Verlagsleitung einen verheerenden Kahlschlag angerichtet. "Verantwortungsvolles Unternehmertum sieht anders aus", sagte der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Frank Werneke am Freitag. Die Eigentümer seien nun gefordert, jede Möglichkeit der Weiterbeschäftigung der Betroffenen innerhalb des gesamten Verlages zu prüfen. "Das ist ein bitterer Tag für die gesamte Belegschaft der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien und ein herber Schlag für den Qualitätsjournalismus", sagte Werneke. Nach Aussage von Mitarbeitern hat die Verlagsführung bereits zuvor entscheidende Fehler gemacht. "Die haben die FTD seit Jahren nicht richtig vermarktet, dass konnte im harten Zeitungsgeschäft nicht funktionieren", sagte eine Redakteurin. Sie erhalte von Lesern, Journalisten von anderen Zeitungen und Unternehmen großen Zuspruch. "Es ist unglaublich, ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt, Kondolenz-Emails und Anrufe zu beantworten", sagte sie. Auch neue Jobangebote seien dabei. Mitarbeiter der Zeitung verteilten am Hamburger Verlagsitz Trauerschleifen. "Heute ist der Tag, an dem wir lachsfarbene Schleifen am Revers tragen", schrieb Redakteurin Andrea Rungg über Twitter.

Die G+J-Spitze geht nicht nur bei der "FTD" hart vor. Für zwei weitere Wirtschaftstitel, nämlich "Börse Online" und "Impulse", werde die Möglichkeit eines Verkaufs an einen Investor von außen oder das eigene Management geprüft. Sollten die Gespräche nicht zu einem erfolgreichen Abschluss kommen, würden auch diese Zeitschriften dichtgemacht. Bei den Wirtschaftsblättern selbst verlieren dem Verlag zufolge 314 Mitarbeiter ihre Stellen. In den angrenzenden Verlagsbereichen wie dem Anzeigenverkauf seien nochmals weitere 50 Mitarbeiter betroffen. Wahrscheinlich fortführen werde der Verlag das Magazin "Capital". Abhängig vom neuen Konzept werde das Heft voraussichtlich mit einer verkleinerten Redaktion herausgegeben, hieß es. Für den Personalabbau hat der zu Bertelsmann gehörende Verlagskonzern Insidern zufolge 40 Millionen Euro veranschlagt. Ein Bertelsmann-Sprecher erklärte, das Unternehmen trage die Entscheidungen bezüglich der Wirtschaftsmedien "uneingeschränkt mit". Aus Sicht von Bertelsmann habe es keine wirtschaftlich tragfähige Alternative zu diesem Schritt gegeben.

Erdacht wurde die "FTD" zur Hochzeit des Internet- und Börsenbooms Anfang des Jahrtausends von G+J und dem britischen Pearson-Verlag. Die beiden Verlagshäuser wollten das damals angesichts sprudelnder Anzeigeneinnahmen hochprofitable Segment der Finanzzeitungen nicht dem "Handelsblatt" allein überlassen. Das Konzept ging aber nicht auf, da der deutsche Markt Experten zufolge zu klein für zwei täglich erscheinende Finanzblätter war. Seit der Gründung der "FTD" ist bei den G+J-Wirtschaftsmedien ein Verlust von insgesamt rund 300 Millionen Euro angefallen.

TV-Tipp

Aus aktuellem Anlass widmet sich auch die Presserunde auf Hamburg 1 der Zeitungskrise und dem Thema "Wie überlebt guter Journalismus?" Die Sendung wird ausnahmsweise bereits am heutigen Freitag Abend um 22.15 Uhr ausgestrahlt. Zu Gast bei Moderatorin Vanessa Seifert diskutieren Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider, Journalist Marco Carini, Medien-Redakteur Kai-Hinrich Renner (Hamburger Abendblatt) und Medienwissenschaftler Prof. Michael Haller. Die 45-minütige Diskussionsrunde ist außerdem am Sonntag Abend um 21.45 Uhr in der Wiederholung zu sehen.

Die "Financial Times Deutschland"

Die erste Ausgabe der "Financial Times Deutschland" erschien am 21. Februar 2000.

Der Verlag Gruner + Jahr und der britische Medienkonzern Pearson hielten jeweils 50 Prozent der Anteile an der "FTD", bis sich Pearson Anfang 2008 aus dem Gemeinschaftsunternehmen zurückzog.

Gründungschefredakteur der "FTD" war Andrew Gowers.

Im Herbst 2001 wechselte der Brite an die Spitze des Mutterblatts "Financial Times" nach London und übergab die redaktionelle Führung an seine bisherigen Stellvertreter Christoph Keese und Wolfgang Münchau.

von September 2003 an leitete Keese das Blatt alleine, im Herbst 2004 übernahm der heutige Chefredakteur Steffen Klusmann den Posten.

Im dritten Quartal 2012 belief sich die verkaufte Auflage auf 102.101 Exemplare, knapp 1.200 mehr als zwei Jahre zuvor; gleichzeitig wurde die Zahl der Bordexemplare von 37.161 auf 46.284 erhöht.

Vor zwei Jahren hatten 49.124 Leser das Blatt abonniert, inzwischen sank die Zahl der Abonnenten auf 41.629.

Der Hauptkonkurrent der "FTD", das "Handelsblatt", verzeichnete im dritten Quartal 137.725 verkaufte Exemplare und mehr als 80.000 Abonnenten.

Die Homepage "ftd.de" kam nach Verlagsangaben im Oktober auf 9,70 Millionen Einzelbesuche ("Visits") und 47,94 Millionen Seitenaufrufe ("Page Impressions"), im Mai 2011 war das Internetangebot um den kostenpflichtigen Bereich "FTD-Premium" erweitert worden.

Wegen anhaltender Verluste wurde am 23. November 2012 bekannt gegeben, dass die "FTD" zum 7. Dezember 2012 eingestellt wird. (dapd)

(Reuters/dpa/dapd/HA)
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