04.02.13

Mojo Club in Hamburg

Auf der Reeperbahn 1 nachts um halb zwei

Der legendäre Mojo Club ist nach zehn langen Jahren in der Hansestadt zurück. Eindrücke der ersten Party in Hamburgs neuem Tanztempel.

Von Tino Lange
Foto: Mojo Club
Alice Russell, Soul-Sängerin aus Brighton, weiht als einer der ersten Livegäste zu nächtlicher Stunde die Bühne im Mojo Club ein
Alice Russell, Soul-Sängerin aus Brighton, weiht als einer der ersten Livegäste zu nächtlicher Stunde die Bühne im Mojo Club ein

Hamburg. "Seit wann stehen denn hier Hochhäuser?", wundert sich Alex aus Berlin-Neukölln. Als er noch in der Kastanienallee lebte, standen an der Ecke Reeperbahn/Am Trichter noch keine Tanzenden Türme und Designhotels, sondern eine verwarzte Bowlingbahn aus den 50er-Jahren, die von 1991 bis 2003 Hamburgs international berühmteste Musikadresse neben dem Star-Club beherbergte: Mojo Club.

Damals wurde an der Reeperbahn 1 Hamburgs Bindeglied zur brodelnden Londoner Acid-Jazz-Szene kultiviert. Funk, Soul, Latin und Boogaloo der 60er und 70er verschmolzen mit Electronica und Dub zu "Dancefloor Jazz", der zum Tanzen zwang wie unter den Füßen einschlagende Projektile. So ist es kein Wunder, dass die Neueröffnung des Mojo Clubs am Sonnabend mehr ist als die Einweihung einer beliebigen Beatbutze. Nicht weniger als ein "Statement gegen die Jägermeisterisierung der hiesigen Eventkultur" ("taz") und die Rückkehr der "Popkultur auf den Kiez" ("Spiegel Online") wird erwartet.

Und so geht es für Alex und Hunderte weitere eingeladene Freunde des Hauses durch die tonnenschweren, aufschwenkbaren Bodenportale hinab und an der Kasse vorbei auf die Empore. Angefüllt mit ungezählten nostalgischen Erinnerungen an kurze Tage und lange Nächte, den Sound von 13 "Mojo Club"-Alben im Ohr, blickt man in den hohen Saal und spürt - nichts.

Die Seele eines Clubs, seine Aura, das sind Geschichte und Geschichten. Legendäre Konzerte, Patina von Schweiß und Bier, die Schall und Rauch aufsaugt und für immer speichert. Emotionen und Hingabe. Tanzen, Feiern, verstohlene Küsse in der Ecke austauschen. Ja, auch betonfester Urinstein, Glasscherben, Magensäure, die finsteren, aber glaubwürdigsten Zeugen für verloren gegangene Erinnerungen.

Der neue Mojo Club ist noch rein und jungfräulich wie eine Leinwand vor dem ersten Pinselstrich. Die Konturen der ambitionierten, von der Mailänder Scala inspirierten Architektur verlieren sich im Dunkel des von wenigen Strahlern und Wandprojektionen spärlich illuminierten Raumes. Der Weg zu den Bars, zum WC, zur Empore und ins angeschlossene Jazz Café im Foyer der Tanzenden Türme folgt unbekannten Gesetzen durch schwarze Türen und unterbeleuchtete Fluchten. "Wo geht es dahin?" oder "Wie zum Teufel kommt ihr hierher?" sind oft gehörte Fragen auf dem Irrweg im Haus der Löcher.

"Hier geht es um Musik", verspricht Mojo-Chef Leif Nüske, und es ist erstaunlich, wie konsequent sich der Club dem Primat des Sounds unterwirft. Kühler Beton, offene Leitungen, wenig Dekor und kein Hauch von Nostalgie. Nur alte Plakate an der Garderobe berichten vom Abend mit Kruder & Dorfmeister 1997. Richard Dorfmeister, DJ-Ikone aus Österreich, wird am 8. Februar wieder im Mojo Club gastieren

"Ich finde es hier großartig", erzählt Koko La Douce. Die Hamburger Burlesque-Künstlerin kommt viel herum. Las Vegas, Budapest, Mailand sind ihre nächsten Stationen. Aber der Mojo Club sei einzigartig: "Er ist kein Blender und macht keine falschen Versprechungen. Und Purismus passt besser nach Hamburg als Rokoko und Plüsch." Als die Tür um 23 Uhr der Allgemeinheit offen steht, reicht die Schlange 100 Meter weit an den Tanzenden Türmen entlang. Die Hackney Colliery Band spielt für die schlotternden Wartenden, die eine Stunde und länger anstehen, um zu "Tighten Up" von Al Escobar oder "Come Go With Me" von den Pockets zu tanzen. Songs, die nur Raritätensammler ihr Eigen nennen, die aber die Tanzfläche schon weit vor Mitternacht zum Bersten füllen.

Der Mojo Club kocht wie ein prähistorischer Lavasee. Hamburger Mojo-Wegbereiter wie Oliver Korthals, Wegbegleiter von früher, eine Gruppe Schotten aus Edinburgh in Kilts, die extra für eine Nacht eingeflogen sind: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Wartet an der Bar eine halbe Stunde auf ein Jever. Tanzt, lässt Gläser fallen, stößt sich an herausragenden Schrauben. Sucht vergeblich Spiegel zum Nachschminken. Kinderkrankheiten werden noch beseitigt, aber die erste Patina wird bleiben. Konzertveranstalter Karsten Jahnke stellt sich schon seine gebuchten Bands (Rival Sons, Adam Green) auf der Bühne vor. Oliver Korthals und Marcus Lee legen auf. Nachtleben.

"Wo kann ich denn rauchen?", fragt ein Mädchen. "Tja, der Raucherbereich funktioniert noch nicht. Die Rauchmelder sind zu sensibel. Geh dort durch die Tür, die Treppe hoch, neben der Garderobe die nächste Treppe hoch, durch das Jazz Café und in den abgesperrten Außenbereich. Dauert derzeit hin und zurück eine halbe Stunde." Das Mädchen dreht sich um und tanzt lieber weiter. Der Mojo Club ist zurück.

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