05.01.13

Bildung

Welche Schule ist die richtige für mein Kind?

Schulpsychologe Wolfgang Rohlfing rät: Sich Zeit nehmen, umfassend informieren und mit dem Kind die Entscheidung treffen.

Von Hanna-Lotte Mikuteit
Foto: pa/OKAPIA KG, Ge/Okapia
Physik Gerâ°te Mikroskop
Mehr als 14.000 Hamburger Eltern müssen sich in diesen Wochen zwischen Stadtteilschule und Gymnasium entscheiden. Auch Schwerpunkte stehen zur Wahl: Musik, Sprachen oder Naturwissenschaften?

Hamburg. Wie finde ich die richtige weiterführende Schule? Diese Frage beschäftigt kurz vor der Anmelderunde viele Eltern - und auch Schüler. In den nächsten Wochen laden die Schulen zu ihren Tagen der offenen Tür ein. Wolfgang Rohlfing ist seit 1980 Schulpsychologe. Er arbeitet für das Regionale Beratungs- und Bildungszentrum Wandsbek Nord (ReBBZ). Mit dem Abendblatt sprach er über die Last der Wahl, Kriterien für Gymnasium oder Stadtteilschule und die Möglichkeiten, sich einen Überblick zu verschaffen.

Hamburger Abendblatt: Die meisten Eltern wünschen sich, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht. Was muss ein Schüler mitbringen, um in acht Jahren erfolgreich und glücklich zum Abitur zu kommen?

Wolfgang Rohlfing: Ich würde gern eine Vorbemerkung dazu machen. Es geht bei der Schulentscheidung um eine Passung von Kind und künftigen Schulbedingungen. Eltern wünschen sich zu Recht, dass ihr Kind möglichst weder über- noch unterfordert wird, sowohl inhaltlich als auch sozial. Ob das zu Glück und Erfolg führen wird, ist nicht planbar. Denn die Entwicklung von Kindern ist ja immer ein offener Prozess. Dennoch soll eine wichtige Festlegung und Einordnung getroffen werden, und das schon in einem Alter von zehn Jahren - nicht nur aus meiner Sicht eigentlich ein zu früher Zeitpunkt. Das ist keine leichte Aufgabe für Eltern und auch nicht für Berater.

Trotzdem muss die Wahl getroffen werden.

Rohlfing: Gymnasien erwarten ein hohes Maß an Selbstständigkeit im Lern- und Arbeitsverhalten. Erfahrungsgemäß sind hilfreiche Faktoren eine eher überdurchschnittliche allgemeine Intelligenz, ein mindestens durchschnittliches Arbeitstempo und eine gute Verbalität. Aus meiner Arbeit kenne ich aber auch sehr intelligente Schüler, denen in der Grundschule alles zugeflogen ist, die sich nie anstrengen mussten. Auf dem Gymnasium sind sie dann in eine große Krise geraten oder sogar gescheitert, weil sie nicht gelernt hatten, mit kurzeitigen Misserfolgen umzugehen und Widerstände zu überwinden.

Wann ist eine Stadtteilschule besser?

Rohlfing: Ich kann die Stadtteilschule wählen, weil das die Grundschulempfehlung für mein Kind ist oder unabhängig davon, wenn ich mein Kind auf dem Gymnasium zu sehr unter Druck sehen würde. Ich kann mich für eine bestimmte Stadtteilschule auch entscheiden, wenn ich deren Konzept für nützlich und passend halte. Mit Konzept meine ich nicht nur die Möglichkeit aller Abschlüsse unter weniger Zeitdruck, sondern inhaltliche Profile, die Art der Gestaltung einer sozialen Gemeinschaft aus einer großen individuellen Vielfalt der Schülerschaft oder das breit angelegte Unterstützungs- und Fördersystem.

Gibt es eine Strategie, wie Eltern das herausfinden können?

Rohlfing: Eltern haben nach meiner Erfahrung schon sehr früh Vorstellungen über die weiterführende Schule und setzen sich während der Grundschulzeit immer wieder damit auseinander, sprechen in der Familie, mit Freunden und anderen Eltern darüber. Dann gibt es ja die Empfehlungen der Grundschule für jedes Kind. Wenn man anderer Meinung oder noch unsicher ist, kann man die Beratungslehrkraft der Schule um eine Einschätzung bitten. Schließlich gibt es auch noch unsere Beratungsstelle. Wir sind ja ein Team aus verschiedenen Berufsgruppen: Lehrerinnen, Sonderpädagoginnen, Sozialpädagoginnen und Schulpsychologinnen. Dann macht es natürlich Sinn, sich bei den Tagen der offenen Tür ein Bild zu machen. Und es gibt immer auch die Möglichkeit, sich mit der Abteilungsleitung der angedachten Schule zusammenzusetzen und offene Fragen zu bereden, auch Fragen, die sich auf besondere Stärken oder Schwächen des Kindes beziehen.

Was macht man, wenn man mit der Schullaufbahnempfehlung nicht einverstanden ist?

Rohlfing: Dann empfehle ich, das mit den Lehrkräften zu besprechen. Nicht um mit ihnen zu streiten, sondern um genau zu erfahren, an welchen konkreten Erfahrungen mit dem Kind sie ihre Beurteilung festmachen und was ihr Maßstab ist.

Welche Rolle sollte das Profil der Schule spielen?

Rohlfing: Das ist sehr nützlich, wenn sich beim Kind bereits klare Begabungen und Interessen andeuten. Darin liegt die Chance, zwei zentrale Lernmotive zu nutzen: "Das interessiert mich" und "Das traue ich mir zu". Zu frühe Festlegungen können aber auch einschränken.

Wie schafft man es, hinter der oft professionellen Präsentation die tatsächliche Schulwirklichkeit zu erkennen?

Rohlfing: Das ist nur begrenzt möglich. Während der Besichtigungstage spürt man allerdings ganz gut die Kultur der Schule. Ansonsten ist es immer schon gängige Praxis unter Eltern, sich gegenseitig Insiderinformationen zu verschaffen.

Wie stark sollte man die Kinder in die Entscheidung einbeziehen?

Rohlfing: Wenn Sie vorhin von Erfolg und Glücklichsein gesprochen haben, versteht sich von selbst, das Kind einzubeziehen. Jeder bringt seine Meinung ein, und es wird gemeinsam abgewogen. Häufig ist die Wahl der Kinder stark von den Beziehungen in der Clique abhängig. Das ist ein wichtiger Aspekt, kann aber nicht ausschlaggebend sein. Eltern sollten die Verantwortung übernehmen und nicht auf das Kind übertragen.

Sollte man das Thema Freunde also lieber raushalten?

Rohlfing: Sie spielen eine bedeutende Rolle, aber wie gesagt gibt es wichtige andere Aspekte. Eltern können auch überlegen: Welche Bedeutsamkeit hat der Erhalt des gegenwärtigen sozialen Umfeldes? Wie leicht findet mein Kind Zugang zu anderen Schülern?

Was können Eltern tun, die sich bei der Wahl der Schule nicht einig sind?

Rohlfing: Offen miteinander reden, ohne gleich überzeugen zu wollen. Wie bei allen Konflikten ist es nützlich, erst mal einander zuzuhören und die Beweggründe des Partners nachvollziehen zu können. Manchmal ist ein Vermittler sinnvoll. Die Entscheidung sollte gemeinsam verantwortet werden, damit bei Schwierigkeiten nicht Mutter oder Vater "die Schuld" bekommen.

Gibt es Unterschiede im Verhalten zwischen Männern und Frauen?

Rohlfing: Ich merke, dass oft Väter sehr viel fordern, dann aber Schwierigkeiten haben, ihr Kind auch zu begleiten und notfalls aufzufangen.

Viele Eltern messen der Schulentscheidung große Bedeutung zu. Ist das nicht übertrieben?

Rohlfing: Ich finde sie schon sehr bedeutsam, weil sie bestimmte Rahmenbedingungen festlegt. Aber Gott sei Dank kann niemand sicher wissen, wie sich das Kind, der Jugendliche weiterentwickeln wird, durch welche zufälligen Begegnungen, Ereignisse, Erfolge oder Niederlagen welche Stärken oder Schwächen besonders zum Tragen kommen. Bei Krisen können die Beratungsmöglichkeiten der Schule in Anspruch genommen werden oder, wenn es sinnvoll erscheint, unsere Stelle als externe Beratungseinrichtung. Wenn es dringend erforderlich und nützlich erscheint, gibt es immer Wege, Entscheidungen auch zu korrigieren. Aber einfach mal etwas auszuprobieren, würde ich niemandem raten.

Wolfgang Rohlfing
Foto: Roland Magunia Schulpsychologe Wolfgang Rohlfing
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