23.11.12

Verschwundener Junge

Zirkus statt Heim - weil Jeremie schwierig und Sinti ist?

Im Fall des verschwundenen Jeremie verteidigt Bezirk Mitte Unterbringung des Jungen beim Zirkus. CDU zweifelt an Qualität des Jugendamtes.

Foto: dpa
Elfjähriger Jeremie
Noch immer ist der Aufenthaltsort von Jeremie unbekannt

Hamburg. Auch drei Tage nach seiner Flucht aus einem Wanderzirkus in Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg ist der elfjährige Jeremie bisher nicht aufgetaucht. Es gebe noch keinen Hinweis auf das Versteck des Ausreißers, sagte eine Polizeisprecherin am Freitag in der Hansestadt. Die Mutter und die Großeltern des Jungen erhoben unterdessen schwere Vorwürfe gegen das zuständige Jugendamt und die Zirkusfamilie. Die grüne Bürgerschaftsfraktion fordert, das Thema am 4. Dezember im Familienausschuss zu behandeln. "Dieser Fall wird immer dubioser", erklärte die kinder- und jugendpolitische Sprecherin Christiane Blömeke.

Bei der Unterbringung von Jeremie in einem Wanderzirkus hat seine Herkunft aus einer Sinti-Familie eine Rolle gespielt. "Das war mit einer der Gründe", sagte eine Sprecherin der zuständigen Hamburger Behörde am Freitag. "Man muss schauen: was findet Akzeptanz?" Das gelte sowohl bei der Herkunftsfamilie als auch bei dem Jungen, fügte sie hinzu. "Bei der Konzeption dieser Maßnahme spielt das eine Rolle", betonte die Sprecherin des Bezirksamtes Hamburg-Mitte. Für das als schwierig geltende Kind habe das Jugendamt zudem keine andere Lösung gefunden: "Es ist nicht gelungen, eine andere Unterbringung zu finden." Jeremie wird seit Dienstagabend vermisst. Er soll mit dem Kleintransporter seiner Pflegeeltern von Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg gefahren sein.

Der Chef des Bezirksamts Hamburg-Mitte, Andy Grote (SPD), bezweifelt allerdings nach Medienberichten, dass das Kind ohne Hilfe nach Hamburg gekommen sei. Auch nach Ansicht der Hamburger Polizei erscheint es immer unwahrscheinlicher, dass der elfjährige Jeremie den Mercedes-Transporter allein von Lübtheen nach Hamburg gefahren hat. Der betagte Klein-Lkw mit Planenaufbau sei extrem schwer zu handhaben, wie Ermittler sagten. Alle Einstellungen am Transporter und der Kraftaufwand, der zum Lenken nötig sei, sprächen für einen erwachsenen Fahrer. Das bestätigte am Abend in Lübtheen auch Jeremies Pflegemutter Carmen Sperlich. "Den Wagen kann er nicht alleine gefahren haben", sagte sie bei einem Besuch von Mitarbeitern des Neukirchener Erziehungsverein. Um nähere Erkenntnisse zu erlangen, nehmen Kriminaltechniker den sichergestellten Wagen genau unter die Lupe. Anhand von Faserspuren und DNA-Proben erhoffen sie sich Klarheit in der Frage, wer am Steuer saß, als das Zirkus-Auto am Dienstagabend 100 Kilometer in Richtung Hamburg bewegt wurde.

Die Großfamilie A., aus der der Junge stammt, verfügt über zahlreiche Wohnungen im Umfeld von Billstedt. Jeremie will nach Aussage seiner Großeltern und seiner Mutter vor einem Gericht durchsetzen, dass er nicht wieder nach Lübtheen zurück muss. Dass er zurück in die Familie gegeben wird, erscheint allerdings auch unwahrscheinlich. Im Alter von neun Jahren war er wegen "gravierender Vorkommnisse", wie es beim Jugendamt heißt, aus seinem Umfeld genommen worden. Offenbar hatte er damals häufig familiäre Gewalt erfahren müssen.

Die Unterbringung des Kindes in dem Wanderzirkus durch einen Träger aus Nordrhein-Westfalen koste die Stadt Hamburg mehrere Tausend Euro monatlich, teilte die Grünen-Fraktion mit. "Eine pädagogische oder sozialpädagogische Ausbildung hatten die Betreuer der sogenannten Fachpflegestelle im Zirkus nicht." Auch die rechtliche Grundlage der Unterbringung sei fragwürdig und völlig unklar.

Die CDU-Fraktion fordert, es müssten viele offene Fragen rund um das Jugendamt Hamburg-Mitte geklärt werden. "Man muss sich ernsthaft Sorgen darüber machen, ob der Schutz der Kinder, die von diesem Jugendamt betreut werden, überhaupt vollständig und jederzeit gewährleistet ist", teilt die Fraktion mit. "Die Häufigkeit an Vorkommnissen und die Vielzahl negativer Schlagzeilen in kurzer Zeit sprechen nicht für die Qualität des Jugendamtes."

Das Bezirksamt Hamburg-Mitte wies die Vorwürfe zurück. "Wir haben vorher alle erdenklichen Maßnahmen ausgeschöpft", sagte eine Sprecherin am Freitag. Vor zwei Jahren habe ein Gericht angeordnet, den Jungen aus der Familie zu nehmen. "Aber wir haben kein Heim gefunden, das ihn aufnehmen wollte." Gründe nannte sie nicht. Der Junge soll aber äußerst aggressiv gewesen sein.

Jeremie hält sich vermutlich in Hamburg auf, Hinweise an jede Polizeidienststelle oder unter der Rufnummer 428656789.

dpa/HA/jel
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