13.11.12

Falschberatung

Der Commerzbank droht eine Klagewelle

Viele Kunden des Geldhauses lassen sich anwaltlich vertreten. Es geht um Falschberatung, fällig gestellte Kredite und Griechenland-Anleihen.

Von Steffen Preißler
Foto: Röhrbein ( ingo-roehrbein.de )/Roe
Jeniffer Lohmann Commerzbank
Der Studienkredit von Jennifer L. wurde von heute auf morgen fällig gestellt. Sie sollte plötzlich Überziehungszinsen von rund 18 Prozent zahlen. Mittlerweile hat sie die Bank gewechselt

Hamburg. Jennifer L. aus Hamburg war entsetzt, als ihr Konto bei der Commerzbank in die roten Zahlen rutschte - mit einem fünfstelligen Betrag. "Plötzlich wurde mein Studienkredit, den ich noch bei der Dresdner Bank aufgenommen hatte, fällig gestellt", sagt die Berufsanfängerin. Auf die Summe wurden dann Überziehungszinsen von rund 18 Prozent fällig. So hatte sie sich das mit der Rückzahlung nicht vorgestellt. Jennifer L. ist kein Einzelfall, auch viele andere Kunden haben Ärger mit der Commerzbank. Die Zahl der Beschwerden über Falschberatungen von Commerzbank-Mandanten hat in den vergangenen Monaten stark zugenommen, bestätigen mehrere Anwälte dem Abendblatt.

"Von den überregionalen Banken entfallen die meisten Fälle bei mir auf die Commerzbank", sagt der Hamburger Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht, Ulrich Husack. Auch die Kanzlei Hahn Rechtsanwälte bestätigt diesen Trend. Falsch beraten fühlen sich die Kunden bei vielen Anlagen: Schiffsfonds, die in die Pleite schlitterten, Griechenland-Anleihen oder Rentenversicherungen, die sehr betagten Kunden noch verkauft wurden. "Wir vertreten mehr als 1000 Mandanten gegen die Commerzbank", sagt Fachanwalt Helge Petersen aus Kiel.

Die vielen unzufriedenen Anleger sind eine zusätzliche Belastung für das kriselnde Privatkundengeschäft mit elf Millionen Kunden, in das jetzt eine Milliarde Euro investiert werden soll. Ob sich mit längeren Öffnungszeiten und einer stärkeren Spezialisierung der Filialen auf bestimmte Zielgruppen auch die Beratung verbessert, ist noch offen.

"Viele Streitfälle resultieren noch aus dem Altbestand der Dresdner Bank", sagt Fachanwalt Peter Hahn. Die Commerzbank hatte die Dresdner Bank 2009 übernommen. Die Rückzahlung der Studienkredite war aber nicht konkret geregelt. In den Verträgen heißt es lediglich, die Bedingungen für eine Umschuldung werden die Bank und der Kreditnehmer spätestens zum Zeitpunkt der Fälligkeit vereinbaren. "Solche Kredite hätte es gar nicht geben dürfen", sagt Anwalt Stefan Jedtberg von der Kanzlei Helge Petersen & Collegen. "Das ist verbraucherfeindlich."

Die Commerzbank forderte von der Berufseinsteigerin Jennifer L. die sofortige Rückzahlung des Kredits und bot als Alternative einen neuen Individualkredit mit hohen Zinssätzen an. "Von der Beraterin fühlte ich mich regelrecht an die Wand gedrückt", sagt Jennifer L. "Ich war mit der Situation überfordert, fand zunächst überhaupt keinen Ansprechpartner bei der Bank und fürchtete langfristige Nachteile für meinen weiteren Werdegang." Deshalb sprangen schließlich ihre Eltern ein, nahmen selbst einen Kredit auf, um die Schulden der Tochter abzulösen.

Junge Kunden sind für Banken eine attraktive Zielgruppe, doch die Commerzbank hat viele wie Jennifer L. verprellt. "Das war für uns überraschend, denn bisher waren eher ältere Kunden von Beratungsfehlern oder Kostenfallen betroffen", sagt Peters. Frau L. hat inzwischen die Konsequenzen gezogen. "Ich habe mich von der Commerzbank getrennt", sagt sie. "Mit dieser Bank möchte ich nichts mehr zu tun haben." Der Ablauf bei den ehemaligen Studenten war immer ähnlich. "Die Bank stellte mit Auslaufen des Darlehens die Summe sofort fällig", sagt Petersen. "Damit wurden die Konten der Kreditnehmer mit bis zu 40 000 Euro belastet. Hierfür wurden dann Überziehungszinsen in Höhe von 18 Prozent verlangt, sodass in kürzester Zeit eine vierstellige Zinsforderung entstand", sagt Petersen.

Die Commerzbank sagt, sie habe inzwischen allen Betroffenen gute Anschlussfinanzierungen angeboten. "Alle Fälle sind abgearbeitet", sagt Commerzbank-Sprecher Gunnar Meyer. Das sieht Anwalt Jedtberg anders. "Wir betreuen noch 25 Mandanten mit Studienkrediten. Es gibt noch immer viel Nachbesserungsbedarf bei Konditionen und Gebühren. Kunden, die den hauseigenen offenen Immobilienfonds Hausinvest im Depot haben, genießen eine besondere Aufmerksamkeit der Commerzbank. Sie bekommen offenbar gern mal ein neues Produkt angeboten, obwohl der Hausinvest von Liquiditätsproblemen und Schließungen bei den offenen Immobilienfonds nie betroffen war. Er ist eine solide Anlage mit einer jährlichen Rendite von 3,6 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Bereits 2008 wurden mehrere Tausend Anleger aufgefordert, den Hausinvest gegen den Dachfonds PMIA einzutauschen, der dann 2011 wegen Liquiditätsproblemen geschlossen wurde. Die Anleger kamen nicht mehr an ihr Geld. Später bot die Bank einen Rückkauf der Anteile an.

Gerlinde S. wurde 2009 ein ähnlicher Vorschlag unterbreitet. Die damals 77-Jährige tauschte auf Anraten der Commerzbank ihre Hausinvest-Anteile gegen eine sofort beginnende Rentenversicherung der Generali. Die Rentengarantiezeit beträgt lediglich fünf Jahre. Stirbt sie nach dieser Zeitspanne fällt das restliche Kapital an die Versicherung, für die Erben bleibt nichts. Bei einer garantierten Rente von 471 Euro monatlich müsste sie 93 Jahre werden, um ihr eingezahltes Kapital von 90 000 Euro aufzubrauchen. Die Assekuranz versprach eine jährlich steigende Rente, die 2021 dann 671 Euro monatlich betragen soll. Angesichts der Probleme bei Lebensversicherungen dürfte diese Prognose Makulatur sein. Für 2012 senkte die Generali ihre Überschussbeteiligung von 4,00 auf 3,60 Prozent. Die Rating-Agentur Morgen & Morgen stuft die Generali als schwach ein.

"Bei diesem Angebot stand sicher das Provisionsinteresse des Vermittlers im Vordergrund", sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. Nach Angaben von Petersen kassierten Bank und Versicherung mit dem Abschluss rund 3600 Euro an Provisionen. "Ein solches Angebot entspricht nicht dem Bedarf und ist für eine 77-Jährige sehr unflexibel", sagt Rudnik.

Die Commerzbank sieht das anders. "Die Kundin befürchtete eine Schließung des Hausinvest und wollte eine Rente haben, um ihre Zahlungen in jedem Fall sicher bestreiten zu können", sagt Meyer. Ein Beratungsprotokoll gibt es nicht, da es erst seit 2010 vorgeschrieben ist. "Die Besorgnis der Kundin wurde erst durch das Beratungsgespräch geweckt", sagt Petersen. Selbst bei einer Schließung des Fonds wären die jährlichen Ausschüttungen erfolgt, bestätigt ein Sprecher der Investmentgesellschaft. Auf diese Weise hätten der Rentnerin 334 Euro pro Monat zur Verfügung gestanden. "Selbst wenn sie monatlich 671 Euro (wie die Generali für 2021 versprach) verbraucht hätte, wären nach zehn Jahren noch rund 60 000 Euro an Kapital vorhanden", rechnet Petersen vor. Inzwischen klagt die 79-Jährige gegen die Commerzbank wegen Falschberatung. "Vorher schöpfen wir alle anderen Möglichkeiten aus", sagt Jedtberg. Wie im Fall des Pinnebergers Karsten Z. Sein Fall liegt noch beim Ombudsmann der privaten Banken zur Schlichtung. Auf Anraten der Commerzbank investierte er im April 2011 rund 14 000 Euro in eine Staatsanleihe Griechenlands, die bereits gut ein Jahr später fällig werden sollte. Doch schon ein halbes Jahr nach dem Kauf wird ein Schuldenschnitt für Griechenland beschlossen. Die Hälfte des Geldes ist damit weg. Der Rest ist auf Papiere verteilt, die bis zu drei Jahrzehnte laufen. Besonders heikel: Es war nicht sein eigenes Geld, sondern das der Mutter, das er nur verwaltet.

Wer das Beratungsprotokoll liest, hat nicht den Eindruck, dass der Kunde eine spekulative Anlage erworben hat. Das Papier wird mit Verweis auf die Bonität des Emittenten als aussichtsreich eingeschätzt. Doch Z. hatte schon einmal Schiffbruch mit Staatsanleihen aus Argentinien erlitten, wollte solche Risiken nicht wieder eingehen, wie er im Beratungsgespräch nach Angaben seines Anwalts hervorhob. Die Commerzbank sagt, dass nur risikobereiten Anlegern solche Papiere angeboten wurden. "Der Anleger kannte die Risiken", sagt Meyer mit Verweis auf die Argentinien-Anleihen des Kunden.

"Nicht spekulative Anleger, sondern eher konservativere bekamen diese Angebote", sagt Petersen. Das ergebe sich aus der Durchsicht der 50 Fälle der Kanzlei mit Griechenland-Anleihen. "Der eigentliche Skandal ist, dass sich die Bank selbst von ihren Griechenland-Anleihen weitgehend getrennt hat, während sie gleichzeitig Kunden empfohlen wurden." Die Bank bestreitet jeglichen Zusammenhang. In vielen Streitfällen müssen demnächst wohl die Gerichte entscheiden.

Commerzbank: Erstes Quartal 2012
Commerzbank: Erstes Quartal 2012
Erträge: 2,585 Milliarden Euro (1. Quartal 2011: 3,616 Milliarden Euro)
Risikovorsorge: 212 Millionen Euro (318 Millionen Euro)
Verwaltungsaufwendungen: 1,789 Milliarden Euro (2,154 Milliarden Euro)
Operatives Ergebnis: 584 Millionen Euro (1,144 Milliarden Euro)
Konzernergebnis: 369 Millionen Euro (985 Millionen Euro)
Bestand an griechischen Staatsanleihen: 0 (3 Milliarden Euro)
Bilanzsumme: 691 Milliarden Euro (697 Milliarden Euro)
Kernkapitalquote: 11,3 Prozent (9,7 Prozent) (dapd)
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