"Ein Skandal der Nachkriegszeit"

Die Deutschen handeln unverantwortlich, sagt Yves Marie Laulan aus Paris, früher Regierungsberater im Finanz- und Außenministerium und Geschäftsführer einer Großbank. Er hat fünf Kinder.

JOURNAL: Warum bezeichnen Sie Deutschland als "selbstmörderische Nation"?

YVES MARIE LAULAN: Selbstmörderisch nennt man ein Verhalten, das den eigenen Tod zur Folge hat. Deutschlands politische Eliten weigern sich, dafür Sorge zu tragen, daß die Bevölkerungszahl erhalten bleibt. Es ist den Frauen in Ihrem Land nicht möglich, unter angenehmen Bedingungen Kinder zu bekommen.

JOURNAL: Steht Frankreich denn besser da?

LAULAN: Wir haben die gleiche Kinderzahl, bei einem Drittel weniger Gesamtbevölkerung.

JOURNAL: Welchen Fehler machen die Deutschen?

LAULAN: Ganz einfach: Die Hilfen für Familien sind grob unzureichend. Am gravierendsten scheint mir, daß die deutschen Frauen Mutterschaft und Karriere nicht miteinander verbinden können. Die Schulen schließen zu früh, es gibt keine Krippen. Und es gibt das soziale Stigma der "Rabenmutter", ein Wort, das wir in unserer Sprache gar nicht kennen.

JOURNAL: Wer ist schuld daran?

LAULAN: Die deutschen Regierungen. Seit 50 Jahren stecken sie den Kopf in den Sand.

JOURNAL: Ihre Prognose?

LAULAN: In 20, 30 Jahren wird eine Mehrheit von Alten einer Jugend aus Immigrantenkindern gegenüberstehen. Deutschland muß aufwachen aus der kinderlosen Gesellschaft, dem schlimm-sten Skandal der Nachkriegszeit.

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