Stormarn

Gies Kerzen in Glinde - Mit dem Wir-packen's-Gefühl lässt sich viel erreichen

Foto: Montage Schücking

In unserer neuen Serie stellen wir Stormarner Unternehmer vor. Was ist das Besondere im Betrieb? Was sagen die Mitarbeiter?

Glinde. Duftnoten von Zimt, Vanille und Apfel wabern durch den Raum. Wecken die Lust auf frisch gebackene Plätzchen, Waffeln und eine Tasse Tee. "Bei uns ist schon im Sommer Weihnachten", sagt Olaf Schwägermann. Sein Lachen wird vom Rattern und Surren der Maschinen übertönt. "Wir sind der Saison immer einen Sprung voraus. So wie die Keksbäcker und Schokoladenfirmen", sagt der technische Leiter der Glinder Firma Gies Kerzen. Im strammen Schritt läuft er durch die Produktionshalle, begrüßt Mitarbeiter per Handschlag - und mit einem Lächeln. Sein prüfender Blick fällt auf die weißen Tafelkerzen, die maschinell in rote, grüne und gelbe Farbbäder getaucht werden. Seit 15 Jahren sorgt er dafür, dass die Maschinen rund laufen. "Ich arbeite gerne hier. Die Stimmung unter den Kollegen ist gut, und wir haben fast jedes Jahr eine neue Maschine installiert", sagt Schwägermann. Er klingt ein bisschen stolz dabei. Er geht vorbei an Paletten mit Kartons voller Kerzen. Eine Wolke fruchtigen Dufts zieht herüber. Kirsche? "Nein", sagt er und lächelt. "Das ist Erdbeere."

In der Halle nebenan, in der ein Meer aus Teelichtern über die langen Laufbänder fährt, trifft er den Chef, der ihn freundlich begrüßt. Berührungsängste? Fehlanzeige. Auch den Arbeiterinnen, die am Fließband die Weihnachtsbaumkerzen kontrollieren, sagt Torsten Wichert nett Hallo. Zum Beispiel Maria Leinweber, die seit zehn Jahren im Betrieb angestellt ist. "Das ist ein guter Job", sagt die 50-Jährige. Vor allem das Arbeitsklima gefalle ihr. "Wir helfen uns gegenseitig - wenn etwa jemand nicht so gut drauf ist oder Probleme an seiner Maschine hat." Und ist es nicht schön, dass es an ihrem Arbeitsplatz immer so herrlich duftet? Maria Leinweber lacht. "Ach, irgendwann riecht alles gleich."

Die Düfte immer alle auseinanderzuhalten, fällt selbst Torsten Wichert nicht immer leicht. Seit Ende 2006 ist der Mann in dem vornehmen grauen Anzug im Unternehmen Gies Kerzen, das 1899 in Fulda gegründet wurde. Seit April dieses Jahres ist er Geschäftsführer - zusammen mit Jørgen Dreyer, der kommendes Jahr in Rente geht. "Die Leute hier haben schon viel mitgemacht", sagt Wichert. 2006 etwa habe keiner gewusst, wie es weitergeht. "Aber die Menschen hatten das Vertrauen, dass es weitergeht." Bis vor drei Jahren sei die Gies Kerzen GmbH in der Hand eines US-Konzerns gewesen. "Der hat die Firma runtergewirtschaftet." Doch Herr Dreyer habe damals um die Firma gekämpft, habe mit zwei Schweden eine Gesellschaft gegründet und Gies Kerzen zurückgekauft. "Das war die Rettung", sagt der 47-Jährige und lächelt. Er öffnet die Tür der 12 500 Quadratmeter großen Fabrikhalle und steuert das Verwaltungsgebäude an.

"Dennoch hat es eine Riesen-Depression und viel Frust bei der Belegschaft gegeben - 60 Leute wurden entlassen", sagt Wichert. Auch er habe Kündigungen aussprechen müssen. "Kein schönes Gefühl. Aber einer muss auch diese schwere Aufgabe übernehmen." Heute sei das Team neu aufgestellt. Er habe Vertrauen aufbauen müssen - in großen Teilen sei es bereits wieder hergestellt. "Wir sind zusammen durchs Tal gegangen und erklimmen nun gemeinsam den Gipfel", sagt er. "Dieses Jahr konnten wir sogar fünf neue Mitarbeiter einstellen." Trotz Wirtschaftskrise. "Und am 29. August eröffnen wir unseren neuen Fabrik-Shop", sagt er, und seine Augen strahlen. "Das ist mein Baby."

Nein, von der Krise seien sie nicht so stark betroffen. "Unsere Marktposition ist gefestigt. Das liegt auch daran, dass wir in einem Preisbereich liegen, der dem Verbraucher nicht so weh tut. Geld für ein Kilo Rinderfilet auszugeben, überlegen sich die Leute gut." Es sich zu Hause schön zu machen, das sei den Menschen wichtig. "Sie wollen sich in ihren vier Wänden einkuscheln - und dazu gehören auch Kerzen", sagt Wichert.

Er betritt die Eingangshalle, in der auf einem Tisch und in Regalen eine Auswahl der 800 Kerzen arrangiert ist, und steuert sein Büro an. Hier brennt weder Teelicht noch Schwimm-, Tropf- oder Stumpenkerze. Im Hochsommer zündet nur selten jemand ein Licht an. "Aber sobald es etwas bedeckt ist oder regnet, brennen hier die Kerzen", sagt Torsten Wichert. "Bei den Damen in der Buchhaltung gibt es dann sogar eine ganze Galerie."

Nicht nur in der Buchhaltung, auch in allen anderen Abteilungen seien die Mitarbeiter sehr engagiert. Zuversichtlich trotz aller Rückschläge. "Viele haben dieses Wir-packen's-Gefühl verinnerlicht. Und wenn es sein muss, bleiben sie auch mal eine Stunde länger", sagt der Geschäftsführer. Das wisse er zu schätzen. Auch für Dieter Büttner, seit knapp 30 Jahren Betriebselektriker, ist es selbstverständlich, auch mal einen Handschlag mehr zu machen. Heute gibt es etwa Probleme mit der Software eines Roboters. "Aber ich gebe nicht auf und bastele da weiter rum", lässt der 53-Jährige Torsten Wichert wissen. Mit dem Chef käme er gut aus, sagt Büttner. "Er ist nicht so starrköpfig wie die früheren Vorgesetzten."

Und für was für eine Art Chef hält sich Torsten Wichert selbst? "Ich versuche, Freude und Spaß in die Arbeit reinzubringen. Mir ist wichtig, ein Klima zu erzeugen, das nicht durch Angst regiert wird, sondern auf Vertrauen basiert", sagt er. Vorher sei das anders gewesen. "Sehr strikt und hierarchisch." Torsten Wichert dagegen ist ein Team-Player. Ein Chef, mit dem bei einem Meeting auch mal gelacht werden darf. Und dessen Tür immer für jeden offen steht. "Und das wird auch gut genutzt", sagt er und lacht. Gerade in der jetzigen Krisenzeit komme es häufiger vor, dass ein Mitarbeiter Hilfe bei finanziellen Problemen benötige. Immer ein offenes Ohr für die Angestellten zu haben, trägt sicher dazu bei, dass die Fluktuation bei Gies Kerzen gen Null geht.

Den Betrieb dem Rücken zu kehren, ist auch Regina Kahl noch nie in den Sinn gekommen. Seit 19 Jahren arbeitet sie in der Buchhaltung. "Ich bin nicht der Typ, der geht, wenn es brennt", sagt die 53-Jährige. Gerade die schwierige Zeit habe die Mitarbeiter zusammengeschweißt. "Wie sind ein richtig gutes Team. Haben untereinander ein sehr nettes und herzliches Verhältnis." Zudem hätten sie auch noch einen Chef, der immer sehr "fröhlich" und "offen" sei, sich einsetze für die Mitarbeiter. Mit Kollegen auch mal über Privates zu reden, ist für Regina Kahl selbstverständlich. Ist sogar Teil eines täglichen Rituals. "Jeden Morgen hole ich mir mit ein paar Kollegen zusammen einen Kaffee", sagt sie und schmunzelt. Bei der Gelegenheit tausche man sich natürlich auch aus. Plaudere ein wenig. "Über Urlaubsziele. Oder die Enkelkinder." Dadurch entstehe eine Nähe, die ihr wichtig sei. "Das gehört doch dazu, wenn man so viele Stunden zusammen verbringt." Regina Karl lächelt und blickt zu ihren Kolleginnen herüber. "Die Firma ist wie eine kleine Familie."

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