Kernenergie

Merkel macht Dohnanyi zu ihrem Atom-Berater

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Der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs gehört dem "Rat der Weisen" an, der Vorschläge zum Ausstieg aus der Kernenergie erarbeiten soll.

Hamburg/Berlin. Im Streit um die Zukunft der Kernenergie in Deutschland setzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jetzt auf den Rat von Wissenschaftlern, Unternehmern und Geistlichen. Eine neue Ethik-Kommission soll Vorschläge erarbeiten, wie ein Ausstieg aus der Atomkraft mit Augenmaß vollzogen werden könne, sagte Merkel nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der fünf Bundesländer, in denen Kernreaktoren stehen.

Dem "Rat der Weisen" gehören 14 Persönlichkeiten an. An der Spitze stehen laut Merkel der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) und der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner. Zu den weiteren Mitgliedern zählen auch der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, der Soziologe Ulrich Beck und der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD).

Gegenüber dem Abendblatt sagte Dohnanyi, die Politik der Bundesregierung nach der Katastrophe in Japan sei "schnell und richtig" gewesen. Dies gelte für das dreimonatige Aussetzen der Laufzeitverlängerung und auch für die vorläufige Stilllegung der ältesten Reaktoren. "Nun gilt es, aus den Erfahrungen von Japan zu lernen", sagte Dohnanyi. Die Verlängerung der Laufzeiten müsse ebenso überdacht werden wie die Sicherheitsanforderungen. "Auch andere Länder wie die USA, Frankreich und die Schweiz führen mittlerweile vergleichbare Debatten über die gegenwärtige Sicherheit ihrer Atomkraftwerke." Gestern setzte auch Italien seine Pläne für den Wiedereinstieg in die Atomenergie für ein Jahr aus.

Die Opposition übte scharfe Kritik an Merkels Atom-Politik. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte: "Wenn du nicht mehr weiterweißt, dann bilde einen Arbeitskreis." Bundespräsident Christian Wulff warnte Politik und Wirtschaft vor einem Vertrauensverlust. Kritische Fragen an die Betreiber von Kernkraftwerken seien ebenso berechtigt wie Fragen an die Politik und die Aufsichtsbehörden - insbesondere wenn Einschätzungen innerhalb von Stunden wechseln, sagte Wulff vor dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin. "Wir brauchen ein positives Innovationsklima, aber keine blinde Technikgläubigkeit."

Unterdessen gelang es im havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima, alle sechs Reaktoren wieder an das Stromnetz anzuschließen. Techniker hoffen jetzt, die automatische Kühlung in Gang setzen zu können. Die Gefahr eines Super-GAUs ist aber immer noch nicht gebannt. Erneut stieg eine Rauchwolke über dem Block 2 auf. In mindestens zwei Reaktoren liegen die Brennstäbe zu großen Teilen frei. Auch in 40 Kilometer Entfernung wurden gestern hohe Strahlenwerte gemessen.

Mehr als anderthalb Wochen nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe, die in Fukushima den schweren Störfall ausgelöst hatte, werden voraussichtlich heute die ersten radioaktiven Partikel, die mit Luftströmungen um die Erde treiben, Mitteleuropa erreichen. Das sagte der Leiter der Bundesumweltamt-Messstation Schauinsland bei Freiburg, Erich Wirth, dem Sender MDR. Es seien "sehr, sehr niedrige" Werte im Bereich von Hunderttausendstel Bequerel pro Kubikmeter Luft. "Die Belastung steigt praktisch nicht."