Als Folge von Fukushima

Söder will älteste Atomkraftwerke endgültig abschalten

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Auch der Norden will weg von der Kernenergie. Hamburger Ökostrom-Anbieter Lichtblick erlebt nach Fukushima Ansturm der Kunden.

Hamburg/Kiel. Umweltminister Markus Söder (CSU) hat sich für die endgültige Abschaltung der sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke ausgesprochen. „Es würde uns als politisches Signal gut tun, wenn die älteren Reaktoren nicht wieder ans Netz gehen“, sagte Söder dem „Stern“. Viele in der Union rechnen damit, dass nach dem dreimonatigen Moratorium der Bundesregierung mehrere alte Meiler abgeschaltet bleiben. Söder sagte weiter, die Nutzung der Kernenergie habe noch nie zum Markenkern der CSU gehört. Und nach der Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima habe sich die grundsätzliche Einstellung vieler Menschen geändert. „Das Atomzeitalter geht zu Ende. Auch in Bayern. Aber noch nicht jetzt.“

Zuvor müssten die Speicherkapazitäten und Stromnetze schneller und sehr kräftig ausgebaut werden. „Es muss jetzt einen nationalen Kraftakt geben.“ Söder forderte erneut ein umfangreiches Investitionsprogramm. Die nötigen sechs Milliarden Euro müsse der Bund zur Verfügung stellen.

Schleswig-Holsteins Landesregierung will den Ausstieg aus der Atomenergie deutlich beschleunigen. Spätestens 2020 solle der Norden seinen Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien decken, sagte Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) im Landtag in einer Regierungserklärung zur Energiepolitik. „Fukushima ist eine Zäsur in der Geschichte der zivilisierten Welt.“ Nach dem dreimonatigen Moratorium der schwarz-gelben Bundesregierung, das die Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke aussetzt, werde es keine Ausflucht geben. „Wir packen die Energiewende entschlossen an.“ Oppositionsführer Ralf Stegner (SPD) kritisierte dagegen, das Moratorium sei Wahlkampftaktik.

Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) hat die angekündigte Wende der schwarz-gelben Koalition in der Atompolitik begrüßt. „Es freut mich immer, wenn Menschen lernfähig sind. Es ist ein begrüßenswerter gesellschaftlicher Fortschritt, wenn die Erkenntnis ,Möglichst schnell raus aus der Kernenergie’ auch bei den anderen angekommen ist“, sagte Schröder der „Zeit“. Kritik übt Schröder daran, dass die Bundesregierung nur ein politisches Moratorium verkündet habe, aber kein entsprechendes Gesetz. Aus seiner Sicht wäre es besser gewesen zu sagen, die Verlängerung der Laufzeiten sei ein Fehler gewesen, der sofort per Gesetz zurückgenommen werde.

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In etwa 40 Jahren könnte Deutschlands Strom vollständig aus erneuerbaren Quellen stammen, haben Experten errechnet. Ein großer Teil davon wird aber importiert werden müssen. „Diese Veränderungen sind nach Fukushima nicht mehr verhandelbar“, heißt es in der Branche. Beim größten deutschen Ökostromanbieter Lichtblick in Hamburg stehen die Telefone kaum noch still. „Es rufen täglich dreimal so viele Neukunden an wie vor der Japan-Katastrophe“, sagt Unternehmenssprecher Ralph Kampwirth. In Zahlen heißt das: 800 statt 300. In der ersten Woche nach dem Erdbeben und dem Kollaps der Kühlsysteme im Atomkraftwerk Fukushima brach gar die Website unter dem Besucheransturm zusammen.

„Fukushima hat viele aufgeweckt, die eigentlich schon vorher gegen Strom aus Atomkraft waren“, sagt Kampwirth. Theoretisch. Denn Strom ist ja immer schon da, wenn man irgendwo einzieht. „Den Anbieter kündigen, einen neuen mit Ökostrom finden – das lässt sich eben immer wieder aufschieben, ohne dass man persönliche Auswirkungen spürt.“ Fukushima verändert diese Einstellung offenbar massenhaft. Und der Wille bestimmt die Geschwindigkeit. „Den alten Atomausstiegsplan bis 2022 können wir in Deutschland problemlos umsetzen“, sagt Frank Musiol, Analyst beim vom Land Baden-Württemberg, Unis und Wirtschaft gegründeten Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung. „Das geht auch noch schneller, je nach dem, wie viel Geld die Politik dafür ausgeben will.“

Auf die sieben alten Atommeiler, die nach dem schnellen Kurswechsel der schwarz-gelben Koalition heruntergefahren werden, könne das deutsche Stromnetz in jedem Fall problemlos verzichten. 23 Prozent des deutschen Stromes wird derzeit in Atomkraftwerken produziert, 17 Prozent stammt aus erneuerbaren Energiequellen. „Unabhängig von den Ereignissen in Japan war politisch geplant, bis 2020 zu mindestens 35 Prozent regenerativen Strom zu haben“, sagt Musiol. „Der Ausbau ist sowieso angelaufen. Vieles steht sozusagen in Startposition.“

FDP-Chef Guido Westerwelle hat dagegen vor einem überhasteten Atomausstieg gewarnt. Es wäre die falsche Konsequenz aus der nun anstehenden Sicherheitsüberprüfung, „wenn wir bei uns die sichersten Kraftwerke der Welt abschalten würden, um dann Strom aus unsichereren Kraftwerken im Ausland einzukaufen. Das kann nicht Sinn der Sache sein“, sagte Westerwelle der „Passauer Neuen Presse“ (Mittwochausgabe). Man dürfe nicht so tun „als wüsste man heute schon alles, was wir aus Japan lernen müssen“. (epd/dpa/abendblatt.de)