Atompolitik

40 Prominente forderten die Laufzeitverlängerung: Und nu?

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Im Sommer unterstützten Prominente wie Ackermann und Bierhoff in einem Appell längere Laufzeiten für Atommeiler - wie denken sie heute darüber?

Es ging um Deutschland, und deshalb durften die schwarz-rot-goldenen Farben nicht fehlen. "Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft" forderten 40 Prominente aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ihre Botschaft richtete sich an die Bundesregierung, per Zeitungsanzeige im Ganzseiten-Format. Die Unterzeichner stellen fest: "Deutschland braucht weiter Kernenergie und Kohle." Nur mit Kernenergie könne Deutschland klimaschädliches CO2 abbauen. "Ein vorzeitiger Ausstieg würde Kapital in Milliardenhöhe vernichten - zulasten der Umwelt, der Volkswirtschaft und der Menschen in unserem Land", heißt es in dem "Energiepolitischen Appell".

Das war im August. Damals war die schwarz-gelbe Koalition über die Frage der Laufzeiten der Atommeiler zerstritten - die Atomwirtschaft und ihre Verbündeten sahen ihre Stunde gekommen. Um Druck auszuüben.

Zu den Unterzeichnern des Appells gehörten die Chefs der großen Energieunternehmen, Jürgen Großmann (RWE), Tuomo Hatakka (Vattenfall), Johannes Theyssen (E.on) und Hans-Peter Villis (EnBW). Aber auch Strom-Großabnehmer wie der BASF-Chef Jürgen Hambrecht, Jürgen Cromme (ThyssenKrupp) und Werner Wenning (Bayer). Ansonsten kommen die Atomenergie-Befürworter aus allen Bereichen: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gehört dazu, Bahnchef Rüdiger Grube und Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer wie auch der Manager der Fußball-Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff und der Hamburger Publizist Manfred Bissinger.

Und wie denken sie jetzt darüber, zu einem Zeitpunkt, an dem die Katastrophe in Japan die Gefährlichkeit der Kernenergie zeigt? Das Abendblatt hat alle Unterzeichner des Appells um eine Stellungnahme angefragt.

Die Antworten zeigen die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema. Einige scheuten die Antwort: Oliver Bierhoff, Vattenfall-Chef Hatakka, E.on-Chef Theyssen, Ex-Innenminister Otto Schily und ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Cromme ließen ausrichten, dass ihr Terminkalender keine Reflexion über die Kampagne zulasse.

Rüdiger Grube:

Der Bahnchef sagt: "Die schrecklichen Ereignisse in Japan haben auch mich sehr nachdenklich gemacht und bestärken uns bei der DB, die seit Jahren eingeleitete Wende zugunsten erneuerbarer Energien noch stärker zu beschleunigen. Aber Fakt bleibt: Für eine Übergangszeit wird es ganz ohne Kernenergie nicht gehen, bis sie von erneuerbaren Energien abgelöst wird. Das steht übrigens auch im Energiepolitischen Appell. Jetzt lehrt uns Japan auf drastische Weise: Wir müssen und werden bei der DB den Umbau der Stromversorgung noch schneller anpacken."

Ekkehard Schulz:

Der ehemalige Vorstandschef von ThyssenKrupp erklärt:

"Der Energie-politische Appell hatte seinen Platz und seine Berechtigung in der energiepolitischen Debatte des Jahres 2010.

Ich plädiereseit Jahren für eine klimaverträgliche, bezahlbare und sichere Energiepolitik.

Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern."

Horst Hippler:

Der Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie sagt:

"Der Energiepolitische Appell war ein Aufruf dafür, ein geschlossenes Energiekonzept zu erstellen.

Die Nutzung von Atomkraft wurde in Deutschland immer nur als Übergangslösung bis zur Entwicklung einer nachhaltigen erneuerbaren

Energieversorgung verstanden.

Dies bleibt auch weiterhin das langfristige Ziel."

Jürgen Hambrecht:

Der BASF-Chef sagt: "An der Position der BASF hat sich prinzipiell nichts geändert. Als Industriegesellschaft brauchen wir ein Konzept für eine wettbewerbsfähige, sichere und klimaverträgliche Energieversorgung, die unser hohes Niveau in der Industrieproduktion auch in Zukunft sicherstellt.

Dafür brauchen wir einen ausgewogenen Energiemix. Zu diesem zählt neben fossilen Quellen wie Erdgas und Kohle und den erneuerbaren Energien auch die Kernkraft als Brückentechnologie. Klar ist: Dabei muss das höchste Sicherheitsniveau gewährleistet sein. Daher ist es richtig, dass die Ereignisse, die in Japan zur Katastrophe geführt haben, genau analysiert werden."

Jürgen Thumann:

Der Vizepräsident des Bundesverbands der deutschen Industrie sagt:

"Ich stehe weiterhin zu meiner damaligen Unterstützung.

Auch nach diesen schrecklichen Ereignissen kann Deutschland seinen Energiemix nicht von heute auf morgen umstellen. Wir müssen daher alles daransetzen, höchstmögliche Sicherheit für Atomkraft zu gewährleisten."

Jürgen Großmann:

Der Chef des Energieriesen RWE lässt über seinen Sprecher mitteilen:

"Dieser Energiepolitische Appell hatte und hat seine Berechtigung in der energiepolitischen Diskussion des letzten Jahres.

Hiervon ist nichts zurückzunehmen.

Wir sind der Meinung, dass Deutschland die Kernenergie als Brückentechnologie braucht."

Eckard Cordes:

Der Metro-Chef bereut den Appell nicht: "Wer den Appell richtig liest, erkennt, dass die Unterzeichner ausdrücklich nichtdie langfristige Nutzung der Atomenergiebefürworten, sondern feststellen, die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien.

Deshalb stimmt die inhaltliche Ausrichtungder Argumente auch weiterhin.Vor diesem Hintergrund bedarf die zeitlich begrenzte Nutzung der Nuklearenergie - wie die Verwendung jeder Technologie - der regelmäßigen Überprüfung."

Manfred Bissinger:

Der Hamburger Publizist sagt:

"Ich bedauere den Appell nicht. Denn ich zweifle daran, dass wir so bald auf die Brückentechnologie Atomkraft verzichten können.

Wegen Japan ist es aber richtig, dass man die alten Kernkraftwerke überprüft und im Zweifel abgestellt lässt.

Gegen einen Ausstieg habe ich aber nichts - wenn er machbar ist."

Kurt Lauk:

Der Präsident des Wirtschaftsrats der CDU erklärt:

"Wir gehen davon aus, dass die Notversorgung unter allen Umständen bei deutschen Kernkraftwerken gesichert ist. Diese Annahme scheint weiterhin richtig.

Wir sind davon ausgegangen, dass Industrienationen die Technik eines sicheren Betriebes beherrschen.

Hier hat Japan ein Fragezeichen gesetzt."

Josef Ackermann:

Der Deutsche-Bank-Chef gibt den Diplomaten und lässt im Diplomaten-Sprech ausrichten:

"Wir sprechen uns nach wie vor für ein ausgewogenes energiepolitisches

Gesamtkonzept aus, das sowohldie Sicherung der Lebensgrundlagen von morgen als auch die

Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland im Blick hat."

Oliver Bierhoff:

Der Manager der Fußball-Nationalmannschaft unterzeichnete im vergangenen Jahr den

Atom-Appell und sagte danach, er stehe dazu.

Als das Abendblatt ihn gestern nach seiner aktuellen Gesinnung fragen wollte,

ließ sein Sprecher ausrichten:

Bierhoff sei "aufgrund verschiedener Termine nicht erreichbar".

Carsten Maschmeyer:

Der Unternehmer und Ex-AWD-Chef aus Hannover:

Carsten Maschmeyer reagiert mit einem überraschenden Bekenntnis auf die Frage nach seiner Unterstützung für die Anzeigenkampagne der Atomkraft-Befürworter.

Er lässt einen Sprecher ausrichten, zu energiepolitischen Fragen

äußere er sich grundsätzlich nicht.

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