Finanzminister im Krankenhaus

Rücktrittsgerüchte: Wann hört Schäuble auf?

Foto: dpa

Finanzminister Schäuble wehrt sich gegen Rücktrittsgerüchte. Doch sein Bruder offenbart, wie schlecht es dem 68-Jährigen geht.

Berlin. Seit gut einer Woche liegt Wolfgang Schäuble im Krankenhaus . Zum wiederholten Mal lässt sich der querschnittsgelähmte Bundesfinanzminister behandeln - diesmal wegen einer nicht verheilenden Wunde am Gesäß. Offiziell soll der 68-Jährige vier Wochen lang pausieren. Doch inzwischen heißt es, der Minister habe Bundeskanzlerin seinen Rücktritt angeboten. So berichtet es der "Stern". Und das Magazin beruft sich auf Vertraute, denen der Minister gesagt haben soll: "Wenn ich nach vier Wochen merke, es geht nicht mehr, ziehe ich die Konsequenzen. Davon hält mich niemand ab." Er wisse schon, "dass angesichts der Häufigkeit, mit der ich in diesem Jahr doch ausgefallen bin, man sich einer Grenze nähert". Dieselben Vertrauten wollen wissen, dass Merkel ihren Minister noch einmal überredet habe, sich die vier Wochen Schonzeit zu gönnen.

Schäubles Sprecher Michael Offer dementierte gestern sowohl das Rücktrittsangebot als auch die Bedenkzeit, die sich der CDU-Politiker für ein Ausscheiden aus dem Amt genommen haben soll. Offer sagte, er habe allein am gestrigen Tag bereits mehrfach mit Schäuble telefoniert. Der Heilungsprozess schreite planmäßig voran. Der Finanzminister verfüge in seinem Krankenzimmer "über ein Handy und ein Laptop" und sei "schriftlich und mündlich erreichbar". Der Bericht sei "reine Spekulation". Noch während der Regierungspressekonferenz wies Schäuble seinen Sprecher per SMS an, hervorzuheben, dass es kein Rücktrittsangebot an Angela Merkel oder eine Fristsetzung gegeben habe.

Die Debatte um die Nachfolge Schäubles konnte das Ministerium aber nicht mehr verhindern. In der Union wird - wenn auch hinter vorgehaltener Hand - längst über mögliche Nachfolgeszenarien nachgedacht. Stets werden dabei zwei Namen genannt: Als aussichtsreichster Schäuble-Erbe im Finanzministerium gilt Innenminister Thomas de Maizière. Vor dem Wechsel in die Bundespolitik leitete er in Sachsen auch einmal das Finanzressort. Bereits im Mai dieses Jahres vertrat er Schäuble auf Wunsch der Kanzlerin auf dem EU-Krisengipfel zur Griechenlandkrise, nachdem der Finanzminister ein Medikament nicht vertragen hatte und in ein Brüsseler Krankenhaus eingeliefert worden war.

Sollte de Maizière auf Schäuble folgern, könnte Unions-Fraktionschef Volker Kauder ins frei werdende Innenressort wechseln. Von ihm heißt es, er werde zwar dringend als bindende Kraft in der Fraktion gebraucht, sei aber zugleich so loyal zur Kanzlerin, dass er einer ebenso dringenden Bitte Merkels nicht widersprechen würde. Trotz mehrfacher deutlicher Absagen bleibt als Lösung fürs Finanzministerium auch Roland Koch im Gespräch. Viele in der Union sehen ihn als Idealbesetzung für das Amt. Der Ex-Ministerpräsident von Hessen betonte noch am Montag bei der Vorstellung seines neuen Buchs, dass er sich seinen Abschied aus der Politik gründlich überlegt habe und kein Zurück plane. Zugleich ist noch nicht bekannt, wie es für Koch mittelfristig beruflich weitergeht. Er hat bislang vor, in die Wirtschaft zu wechseln.

Dem Tagesgeschäft ist von den Personalgerüchten vorerst nichts anzumerken: Auf der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) diese Woche in Washington wird Schäuble von seinem Staatssekretär Jörg Asmussen vertreten. An einem Treffen der G-20-Gruppe in Südkorea wird Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die Bundesregierung vertreten. Und beim Koalitionspartner der Union will man das Fehlen Schäubles auch noch lange nicht als Zumutung betrachten. Der finanzpolitische Sprecher der FDP-Fraktion Volker Wissing sagte dem Abendblatt: "Da sich die Frage eines Rücktritts von Herrn Schäuble nicht stellt, kann diese auch nicht die Koalition belasten." Schäuble habe zudem bereits während seines letzten Krankenaufenthaltes gezeigt, dass er sein Haus sehr gut im Griff habe. Wissing betonte: Die Frage, wie lange der Finanzminister ausfallen könne, sei "keine politische, sondern ein menschlich-persönliche", und als solche sollte mit ihr auch entsprechend respektvoll umgegangen werden. "Wer seinen Krankheitsfall zu einer politischen Angelegenheit macht, handelt unfair", sagte der FDP-Finanzpolitiker weiter.

Wie es Schäuble wirklich geht, darüber kursieren nun mehrere Deutungen. Dem Bericht des "Stern" zufolge litt der Minister, der am12. Oktober 1990 von einem geistig Verwirrten niedergeschossen wurde und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen ist, zuletzt stärker unter seiner angeschlagenen Gesundheit als öffentlich bekannt. Es sei ihm oft "sauschlecht" gegangen, zitiert das Magazin seinen Bruder Thomas, der früher Innenminister in Baden-Württemberg war. "Das über halbjährige Wundsein hat ihn zermürbt", sagte der Bruder.

Was derzeit nur bleibt, sind Schäubles eigene Worte, die er vor dem Klinikaufenthalt in der Unionsfraktion sagte: Er werde sich vier Wochen in die Horizontale begeben, damit die Wundheilung richtig abgeschlossen werden könne. Aber danach komme er wieder.