Hamburger Altbürgermeister

Klaus von Dohnanyi steht Thilo Sarrazin bei

Früherer Hamburger Bürgermeister Dohnanyi steht Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin bei. Gabriel rechnet mit Ansehensverlust der SPD.

Hamburg. Das Ausschlussverfahren gegen Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin sorgt innerhalb der SPD für wachsende Unruhe. Klaus von Dohnanyi, Ex-Bürgermeister von Hamburg , hat sich entschlossen, Sarrazin dabei zu helfen, in der SPD zu bleiben. Sarrazin habe nicht die Muslime insgesamt angegriffen, sondern nur jenen Teil von Zuwanderern, der sich weigere, seine "Kinder zum Deutschlernen, zu Bildungswillen und offener Integrationsbereitschaft zu erziehen", begründete Dohnanyi seinen Entschluss, Sarrazin vor der SPD-Schiedskommission zu verteidigen. Vor dem Hintergrund des Holocausts scheuten die Deutschen Debatten und Worte, die bei anderen Völkern gang und gäbe seien, schrieb Dohnanyi in der "Süddeutschen Zeitung". Nach seiner Auffassung würde Sarrazin wegen dieses Buches "aus keiner anderen europäischen Linkspartei ausgeschlossen".

Zugleich fürchtet SPD-Chef Sigmar Gabriel wegen der Kontroverse um Sarrazin einen spürbaren Sympathierückgang für seine Partei. "Die Debatte wird uns richtig schaden", sagte er. Die zuletzt steigenden Werte für die Sozialdemokraten in Umfragen würden wohl wieder nach unten gehen. Im Zuge des Abberufungsantrags der Bundesbank forderte Sarrazin Bundespräsident Christian Wulff auf, sich nicht an einem "Schauprozess" gegen ihn zu beteiligen. Er erwarte eine Anhörung durch Wulff, bevor dieser über die Abberufung der Bundesbank entscheide, sagte Sarrazin dem "Focus". Der Bundesbankvorstand hatte zuvor entschieden, sich von Sarrazin zu trennen. Über die Abberufung muss Wulff entscheiden.

Bei der Frage nach der Entlassung Sarrazins aus der Bundesbank ist die Bevölkerung laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" gespalten. 45 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, 41 Prozent lehnten sie ab. Würde Sarrazin eine eigene Partei gründen, könnten sich 18 Prozent der Deutschen vorstellen, diese zu wählen. Auffallend großen Zuspruch bekäme eine Sarrazin-Partei bei den Anhängern der Linkspartei (29 Prozent). Auch 17 Prozent der Unionswähler würden eine Sarrazin-Partei wählen.

Die Thesen Sarrazins zur Integration sorgen unterdessen weiter für Diskussionen. Erstmals distanzierte sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in scharfer Form von Sarrazin. EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider warf dem Bundesbank-Vorstand im Abendblatt vor, "vulgär sozialdarwinistische Ansichten" zu bedienen und damit "dem Missbrauch Tür und Tor" zu öffnen. "Es geht meines Erachtens überhaupt nicht, Erkenntnisse aus der Genetik einfach ins Soziale zu übersetzen", so der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er fände es unverantwortlich, "wenn Thilo Sarrazin Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft pauschal beurteilt und verurteilt", sagte Schneider. "Da ist eine rote Linie überschritten, und dagegen müssen wir uns mit aller Macht verwahren." Zudem halte er es für nicht seriös, bestimmte Aussagen mechanisch in eine sehr ferne Zukunft hochzurechnen. Der Präses forderte, an der Integrationspolitik beharrlich festzuhalten. "Natürlich ist der Prozess der Integration vielerorts sehr schwierig, da gibt es nichts schönzureden, aber es gibt doch gar keine andere Alternative, als ihn beharrlich weiterzuführen", betonte der höchste Repräsentant der Evangelischen Kirche. Pauschalierungen à la Sarrazin würden da nicht weiterhelfen, so Schneider. Ihn ärgere, "dass unbestreitbare Erfolge in Sachen Integration gerne verschwiegen werden."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte eine offene Debatte über Integration. So dürfe die statistisch höhere Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher nicht tabuisiert werden, sagte sie der "Bild am Sonntag". "Das ist ein großes Problem, und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt." Auf der Bestsellerliste des Internet-Buchhändlers Amazon steht Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" an der Spitze, die Lieferzeit beträgt bis zu drei Wochen. Nach Angaben des Verlags DVA sind 70 000 Bücher ausgeliefert; heute soll die vierte Auflage mit weiteren 80 000 Exemplaren folgen. Die fünfte und sechste Tranche ist in Vorbereitung. Insgesamt wird eine Auflage von 250 000 Exemplaren angepeilt.

Wie gewohnt wird Sarrazin heute zum Dienst in der Frankfurter Zentrale der Bundesbank erscheinen. Nachdem ihm seine Geschäftsbereiche entzogen worden sind, erhält er neue Aufgaben: Er soll angeblich an die Bundesbank adressierte Bürgerpost beantworten.