Familie mit nur einem Elternteil

Allein erziehen ist in Deutschland Frauensache

Statistisches Bundesamt: Jede fünfte Familie in Deutschland mit nur einem Elternteil. In neun von zehn Fällen ist die Mutter alleinerziehend.

Berlin. In Deutschland wachsen immer mehr Kinder bei nur einem Elternteil auf. Im Jahr 2009 war nahezu jede Fünfte (19 Prozent) der 8, 2 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern eine Familie mit einer alleinerziehenden Mutter oder einem alleinerziehenden Vater. Das berichtete gestern das Statistische Bundesamt in Berlin. Zum Vergleich: Vor 13 Jahren war es nur jede siebte Familie.

Weiter zeigte sich, dass Ein-Eltern-Familien häufiger in Großstädten wie Berlin und Hamburg wohnen. So waren in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern im vergangenen Jahr sogar 26 Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern Alleinerziehende. Je kleiner eine Stadt oder Gemeinde ist, desto seltener leben dort Alleinerziehende. In Orten mit weniger als 5000 Einwohnern waren nur 15 Prozent Alleinerziehende. Grundsätzlich gilt der wenig überraschende Befund: Allein erziehen ist quasi ausschließlich "Frauensache". In neun von zehn Fällen betreute im Jahr 2009 die Mutter den Nachwuchs. Der Anteil der alleinerziehenden Väter geht offenbar sogar zurück, er sank von 13 Prozent im Jahr 1996 auf eben zehn Prozent im Jahr 2009. Beruflich ist die Situation der Alleinerziehenden nicht leicht: Immerhin zwei von fünf betroffenen Müttern arbeiten Vollzeit. 58 Prozent von ihnen schafften es, sich überwiegend aus eigener Arbeit zu finanzieren. Für 31 Prozent waren Transferzahlungen wie Hartz IV oder Sozialhilfe die Haupteinkommensquelle. Einkünfte von Angehörigen oder andere Quellen wie das Elterngeld , das nach den Vorstellungen der Regierungskoalition für Hartz-IV-Empfänger gestrichen werden soll, spielen bei dem Lebensunterhalt von alleinerziehenden Müttern "nur eine untergeordnete Rolle", wie der Präsident des Statistischen Bundesamts, Roderich Egeler, betonte.

Nach den von ihm präsentierten Zahlen hat ein Drittel von ihnen weniger als 1100 Euro monatlich zur Verfügung, zwei Drittel kamen aber auf 1100 bis 2600 Euro - einschließlich der Unterhaltszahlungen der Väter. Sind Kleinkinder im Haus, sieht es finanziell schwieriger aus, da nur jede vierte alleinerziehende Mutter von unter Dreijährigen 2009 überhaupt berufstätig war. Das Statistische Bundesamt ermittelte, dass 37 Prozent der befragten alleinerziehenden Mütter, die keiner Erwerbstätigkeit nachgingen, aktiv eine Arbeit suchten. Die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Dorothee Bär (CSU), forderte in einer ersten Reaktion bessere Job-Chancen für Alleinerziehende. "Wir müssen weg von der Haltung: Da ist ein kleines Kind, da hat es keinen Sinn, einen Arbeitsplatz zu vermitteln", sagte Bär der "Rheinischen Post". Die Jobcenter müssten aktiv mithelfen, die Hürden aus dem Weg zu räumen, indem sie zum Beispiel eine gute Kinderbetreuung organisierten, betonte Bär. "Sie können auch mit den Arbeitgebern geeignete Arbeitsbedingungen aushandeln. Wir brauchen ein neues Denken mit mehr Flexibilität und Sensibilität."

Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig, die auch stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende ist, wies gegenüber dem Hamburger Abendblatt darauf hin, dass viele Kinder unter der Armut ihrer Mütter oder Väter zu leiden hätten. Vor allem die Bildung von Kindern und Jugendlichen koste mehr, als die gegenwärtigen Hartz-IV-Sätze es hergäben. "Alle Kinder müssen am normalen Leben teilnehmen können, das hat das Bundesverfassungsgericht der Politik ins Stammbuch geschrieben", erinnerte Schwesig. Deshalb müsse es mehr kostenlose Bildungs- und Freizeitangebote für Kinder aus armen Familien geben. "Dazu gehören für mich natürlich auch die Kinder von Geringverdienern." Schwesig rief die Koalition dazu auf, "sich endlich auf die Seite der Familien zu stellen und sich für einen flächendeckenden Mindestlohn, für einen bedarfsgerechten Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuungsangebote sowie für differenzierte und bedarfsgerechte Kinderregelsätze einzusetzen".

Die grüne Familienexpertin Katja Dörner sagte, die nun geplante Abschaffung des Elterngeldes für Hartz-IV-Bezieher und die Anrechnung des Elterngeldes bei Mini-Jobbern und Aufstockern werde das Armutsrisiko gerade bei Alleinerziehenden verschärfen: "Der Ankündigung im Koalitionsvertrag, die Rahmenbedingungen für Alleinerziehende durch ein Maßnahmenpaket zu verbessern, sind noch keine Taten gefolgt. Stattdessen liegen geplante Verbesserungen wie etwa beim Unterhaltsvorschuss und beim Kinderzugschlag auf Eis. Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter Dreijährige muss unbedingt umgesetzt werden. Im Bundesgesetz muss zudem klargestellt werden, dass Anspruch auf einen ganztägigen Betreuungsplatz besteht."