"Der Franz, der kanns besser ... als ich"

SPD-Parteitag: Nach Schröders Abschiedsrede stehen die Genossen geschlossen - um ihrem Ex-Vorsitzenden zu applaudieren. Und "Münte" will "ein fröhlicher Chef" sein.

Berlin. Sie strahlten um die Wette wie wohl seit der Bundestagswahl 2002 nicht mehr, beklatschten begeistert ihren neuen Vorsitzenden Franz Müntefering vorne auf der Bühne und hatten sogar ihr Herz für Gerhard Schröder wieder entdeckt. Als gestern Nachmittag im Hotel Estrel an der Sonnenallee in Berlin der SPD-Sonderparteitag zu Ende ging, gaben sich die Sozialdemokraten im Saal alle Mühe, sich in Aufbruchstimmung zu versetzen.

"Klasse Parteitag" schwärmte der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs mit einer demonstrativ fröhlichen "Alles-wird-gut-Miene". Hamburgs Ex-Bürgermeister Ortwin Runde war noch im Nachhinein begeistert von Schröders Abschiedsrede als Parteichef, die dieser zur Mittagszeit gehalten hatte. Runde lobte nicht minder ausdrücklich Münteferings "sehr authentische Rede" und war deshalb alles in allem "sehr zufrieden". Walter Zuckerer, SPD-Fraktionschef in der Bürgerschaft, gab sich wiederum sehr optimistisch, dass Müntefering ein "Parteichef zum Anfassen" werde. So beseelt wie die Hamburger Genossen offenkundig waren, so beschwingt machte sich wohl die große Mehrheit der Delegierten nach dem Kurzparteitag wieder auf den Heimweg.

"Der Franz, der kanns besser als ich", hatte Gerhard Schröder am Sonnabend beim Parteiabend im Willy-Brandt-Haus eingestanden. Müntefering hatte die Huldigung ganz unpathetisch über sich ergehen lassen, knapp gesagt, er wisse, "dass da große Schuhe stehen", und angekündigt, er wolle auch ein "fröhlicher Vorsitzender" sein.

Den gestrigen Sonntag begann Müntefering diszipliniert wie immer als Jogger im Berliner Tiergarten, um fit zu sein für den großen Auftritt im Estrel-Hotel wenige Stunden später. Dort, an der Stirnwand der Halle, hatten die Parteitags-Regisseure zeitweise die Traditionsfahne der Sozialdemokratie eingeblendet, mit der in Goldfäden eingestickten und für Sozialdemokraten ganz besonders aktuellen Mahnung: "Einigkeit macht stark". Demonstrativ waren rund 100 Neumitglieder zum Parteitag eingeladen worden, wohl um zu zeigen, dass die Partei trotz massenhafter Austritte längst nicht jede Attraktivität verloren hat. Eigens begrüßt wurde auch Martha-Katharina Quednau. Die Studentin aus Hamburg ist das 500. Mitglied der SPD, das per Internet in die Partei eingetreten ist.

Voller Zuversicht war zu diesem Zeitpunkt noch Sigrid Skarpelis-Sperk. Die Bundestagsabgeordnete mit dem Spitznamen "Triple-S", in der eigenen Partei bekannt als notorische Schröder- und Reformkritikerin, erhoffte sich von Müntefering eine "inhaltliche Wende". Da der Tanker SPD auf Untiefen zulaufe, müsse Müntefering für eine Richtungsänderung sorgen. Doch was sie zu hören bekam, dürfte die Bayerin gehörig frustriert haben. "Münte" will keine Wende.

Zunächst war aber Gerhard Schröder dran. Der scheidende SPD-Chef erläuterte in kämpferischen Worten noch einmal 50 Minuten lang seine umstrittene Reformagenda 2010. So gut, so leidenschaftlich und so verständlich habe er den tieferen Sinn seiner Politik noch selten erklärt, meinten hinterher etliche Delegierte beeindruckt. Dabei hatte Schröder eigentlich keine Bilanz als Parteichef gezogen, eher eine Regierungserklärung abgeliefert.

Schröder wurde jedoch richtig emotional und leicht wehmütig, als er zum Schluss seiner Rede doch noch auf seine knapp fünf Jahre als Parteichef einging. "Ich war für viele kein leichter Vorsitzender. Es sind aber auch verdammt schwierige Zeiten", sagte Schröder. Er habe das Amt ausgeübt "gestützt auf die, die ich liebe und die mich lieben", fügte der Niedersachse hinzu. Fast versagte ihm in diesem anrührenden Moment die Stimme. Bei Schröders Frau Doris flossen Tränen.

Minutenlang dankten ihm die Delegierten mit lautem Beifall, Etliche hielt es dabei nicht auf den Stühlen, sie sprangen auf. der Ex-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel würdigte Schröders Wirken als Parteichef, pries seine Standfestigkeit und dankte ausdrücklich auch dem mit Schröder scheidenden SPD-Generalsekretär Olaf Scholz aus Hamburg. Den eigenen Genossen zur Mahnung donnerte Vogel in den Saal: "Wir dürfen nicht vor der Realität flüchten, weil sie uns nicht gefällt." Scharf ging er mit jenen ins Gericht, die mit dem Gedanken an die Gründung einer linken Protestpartei spielen.

Müntefering machte in seiner Rede unmissverständlich deutlich, dass er in der Sache kein Jota von Schröders Reformkurs abzuweichen gedenkt. Man müsse sich "ehrlich machen", rief er ein ums andere Mal in den Saal, bot Kritikern, insbesondere den Gewerkschaften, Gespräche an, warb um Geschlossenheit. Wie Schröder und auch der neue Generalsekretär Klaus Uwe Benneter, nur eindringlicher als diese, machte Müntefering seinen Genossen klar, worum es im Kern gehe: Gestalten könne nur, wer regiere. "Opposition ist Mist!", rief "Münte" Und plötzlich klatschten selbst solche, die noch am Morgen skeptisch zum Parteitag gekommen waren.