Afghanistan: Mehr Angriffe auf Bundeswehr

Der gefährliche Alltag in Kundus

Tankwagen stellten für sie eine Bedrohung dar, sagen die Soldaten. Die Kritik an der Bombardierung ist für sie unverständlich.

Kundus. Die Soldaten des Fallschirmjägerbataillons 261 sind empört. Die dritte Kompanie ist angetreten zur Aussprache mit Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Auf die Frage, was sie von der deutschen Debatte über den Luftangriff auf zwei Tankwagen halten, bei dem in der Nacht zum 4. September Dutzende Menschen ums Leben kamen, sprudelt es aus ihnen heraus. "Mir ist vollständig unverständlich, wie sich Politiker schon wenige Stunden nach dem Vorfall und ohne genaue Kenntnis der Fakten zu Wort gemeldet haben", sagt ein Zugführer.

Bei den Soldaten in Kundus herrscht der Eindruck, da wollten einige im Wahlkampf schnell punkten - auf ihrem Rücken. Letztlich, sagt Kompaniechef Krüger, wisse allein der Oberst, wie die Lage sich darstellte, die am Ende zu seinem Entschluss führte, die Angriffe anzufordern. Sie jedenfalls stehen hinter der Entscheidung ihres Kommandeurs.

Seit dem 10. Juli ist die Fallschirmjäger-Kompanie zum zweiten Mal in Kundus. In der Zeit hatte sie 14-mal Feindkontakt, davon zwei schwere Gefechte. Die Männer und Frauen sind viel in der von Taliban destabilisierten Region Chahar Darreh westlich von Kundus unterwegs. "Dort ist die Gefährdung im Vergleich zum vergangenen Jahr um 100 Prozent gestiegen", sagt Stabsfeldwebel Heiko W.

Inzwischen zeigten sich die Aufständischen dort selbst am Tag bewaffnet und inmitten der Zivilbevölkerung. Die sei zwar den Soldaten gegenüber immer noch positiv eingestellt. Nun müssen die Familien aber damit rechnen, nachts von den Taliban bedroht zu werden, wenn sie sich am Tag allzu bereitwillig auf Gespräche mit den Soldaten eingelassen haben. Solche "Gesprächsaufklärung" ist deshalb viel schwieriger geworden. Die 3. Kompanie fährt nur noch mit gepanzerten Wagen in die Dörfer. "Wir müssen spätestens auf dem Rückweg damit rechnen, beschossen zu werden", sagt Heiko W.

Die Männer der Kompanie kennen auch die Furt sehr gut, an der die beiden Tankwagen gestrandet waren. "Da bewegt sich nachts normalerweise keiner, die sind alle in ihren Gehöften", sagt ein Zugführer. Gänzlich unverständlich ist für ihn, dass einige Opfer des Luftangriffs schon allein deshalb als Zivilisten bezeichnet werden, weil manche keine Waffen trugen. "Aufständische stehen nicht immer unter Waffen", sagt er. "Manchmal sind es harmlos aussehende Bauerngruppen. Die haben dann im nächsten Moment plötzlich RPGs (Panzerfäuste) und Gewehre in der Hand."

Oberst Georg Klein tut der Zuspruch durch seine Männer sichtlich gut. Einen "durchgeknallten Obristen" hat Regisseur Claus Peymann ihn bei Anne Will genannt. Dabei ist Klein das Gegenteil eines Afghanistan-Rambos. Vom Typ her ist er eher penibler Beamter. Vergleichsweise schmal von Statur, mit filigraner, unten randloser Brille. Klein hat Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Bundeswehr-Universität in Hamburg studiert und man merkt ihm an, dass er zu den Menschen gehört, die lieber länger nachdenken, als aus dem Bauch heraus zu entscheiden.

Gestern traf die Untersuchungskommission der Isaf in Kundus ein, am Montag schon der höchste Militär der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan. Klein steht das alles mit aufrechter Haltung durch.

Im Pressebüro von Oberstleutnant Carsten Spiering hängt ein Kalenderblatt des Jahres 2009. Mit rosa Marker sind hier die wichtigsten Feindberührungen eingetragen. Seit April verdichtet sich die rosa Farbe auffällig: Beschuss, Gefechte, Hinterhalte und Bombenanschläge. Dieses massierte Rosa bildet den Hintergrund, auf dem Klein jene Entscheidung traf, die beiden entführten Tankwagen, die in der Furt von Kundus feststeckten, bombardieren zu lassen.

"Ich musste jederzeit damit rechnen, dass die wieder rollen", sagt Klein. Und das wäre gefährlich gewesen. Seit geraumer Zeit lagen in Kundus Meldungen vor, wonach die Taliban Tanklastzüge stehlen wollten, um sie dann als rollende Bomben für Anschläge zu benutzen. Mitte August hatten die Taliban schon einmal Tanklastzüge erbeutet. Ende August gab es in Kandahar dann tatsächlich solch einen Angriff. Dazu kamen Informationen, wonach ein konkreter Anschlag mit zwei Fahrzeugen gegen das Bundeswehrlager in Planung gewesen sei. Die gestohlenen Tanklaster passten also in das Bild einer sich verdichtenden Bedrohungslage.

In jener Nacht waren Kleins Alternativen zudem begrenzt. Die "Quick Reaction Force" war in schwere Gefechte im Rahmen der Aktion "Arragon" weitab im Raum Archi verwickelt. Die anderen beiden Kompanien von Kundus waren durch Routine-Aufgaben gebunden. Es wäre zudem sehr gefährlich gewesen, Bodentruppen in jene Gegend zu schicken, aus der massive Taliban-Konzentrationen gemeldet worden waren. Laut Klein ist das Gelände so "kanalisiert", dass nur zwei Wege zur Furt führen. Eine Straße im Norden, die mit improvisierten Straßensperren bestückt sei. Die zweite Straße führt durch eine Ortschaft. Dort hätte das Risiko bestanden, inmitten von Zivilisten in Kämpfe verwickelt zu werden.

Klein entscheidet sich also für Luftunterstützung. Dabei hätte aber ein Abwurf keinesfalls sofort festgestanden. Das sei auch der Grund, warum der B1-B-Bomber von einer F15 abgelöst worden sei, um über einen längeren Zeitraum Videobilder verfügbar zu haben. Klein ist in jener Nacht in einem ständigen Dialog mit den Piloten. Am Ende lässt er die Bomben abwerfen. "Ich habe diese Entscheidung allein getroffen", sagt Klein, "weil ich eine Bedrohung für meine Leute, für die afghanischen Sicherheitskräfte und die afghanische Bevölkerung sah." Am nächsten Morgen ist ihm dann klar geworden, dass dieser Angriff für Aufruhr sorgen würde. "Ich musste in den vergangenen fünfeinhalb Monaten viele schwere Entscheidungen treffen", sagt Klein heute.

Einheimische erzählen Schneiderhan, was auch viele Soldaten berichten: Die Afghanen in Kundus sind froh, dass die Bundeswehr nun endlich robuster vorgeht. Die Deutschen hätten viel Zeit verloren. Nun müssten sie "den Raum aggressiver besitzen". Die Afghanen schüttelten nur den Kopf über die Hysterie in Deutschland. Dort hat man deshalb Angst, dass die Bundeswehr ihr Engagement zurückfahren oder gar beenden könnte.

Schneiderhan weiß, dass solch eine Sicht in Berlin schwer zu vermitteln ist. Andererseits hat der Vorfall auch dazu geführt, dass in Deutschland eine Debatte entbrannte, die zum ersten Mal die Realitäten in Kundus zur Kenntnis nimmt.

Am Abend steht die Sonne schon tief über dem Feldlager der Bundeswehr in Kundus. Dann plötzlich ein Knall und ein kurzes Fauchen. Die Deutschen haben eine Drohne in den blau-rötlichen Himmel geschossen, die weitab vom Lager die Gegend nach Taliban absuchen soll. "Die halbe Stunde bis Stunde Abenddämmerung bereitet uns am meisten Probleme", sagt einer der Soldaten, der die Drohne bedient. Es ist die Zeit, in der die Taliban am liebsten operieren. Weil die Sehkraft der Augen schon nachlässt, es aber noch nicht so dunkel ist, dass die Deutschen ihre Nachtsichtgeräte ausspielen könnten.

Gestern platzte dann mitten in ein Treffen mit Generalinspekteur Schneiderhan die Meldung, auf einen Zug mit etwa 25 Soldaten sei nahe Talokan ein Bombenanschlag verübt worden. Zum Glück gab es keine Verletzten. Trotz Untersuchungskommission geht für Oberst Klein und seine Soldaten weiter, was mittlerweile gefährliche Normalität in Kundus ist.