Japan ruft die Welt zu Hilfe

"Wir brauchen Wasser, Essen und Kraftstoff." Explosionen im Katastrophen-Reaktor. Nur noch 50 Männer kämpfen gegen den Super-GAU. Deutsche sollen Tokio verlassen

Tokio. "Wir können uns nicht mehr warm halten. Wir brauchen dringend Kraftstoff, Leicht- und Schweröl, Wasser und Essen." Mit einem dramatischen Hilferuf hat sich Masao Hara, Bürgermeister der nordostjapanischen Stadt Koriyama, gestern an die internationale Gemeinschaft gewandt. "Ich möchte an die Welt appellieren: Wir brauchen Hilfe", sagte Hara. Schon tags zuvor hatte die japanische Regierung um Unterstützung aus dem Ausland gebeten. Sie spricht mittlerweile offiziell von mehr als 4300 Todesopfern.

Ein Wintereinbruch mit Schnee und starker Kälte hat die Notlage der Menschen in den von Erdbeben und Tsunami zerstörten Regionen im Nordosten Japans massiv verschärft. Die Versorgung der etwa 430 000 Menschen in den Notunterkünften und der Tausenden Japaner, die in den Trümmern ihrer Städte und Dörfer ausharren, ist nahezu zusammengebrochen.

Vielerorts in der Katastrophenregion werden Lebensmittel und Trinkwasser knapp, fehlt es bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt an Strom, Heizmaterial und Treibstoff. Allein nach Koriyama, das nur etwa 50 Kilometer vom Katastrophen-Reaktor Fukushima 1 entfernt liegt, haben sich gut 10 000 Menschen aus der Evakuierungszone rund um das schwer beschädigte Atomkraftwerk gerettet. Dort verschärfte sich die Gefahr eines unkontrollierbaren Super-GAUs weiter.

In vier der sechs Blöcke drohen das Durchschmelzen des Reaktorbehälters und das Austreten großer Mengen radioaktiver Strahlung. Nur noch eine Notbesatzung von gut 50 Technikern kämpft unter Einsatz ihres Lebens gegen das Inferno. Immer wieder zwangen Explosionen und plötzlich auftretende hohe Strahlenwerte die Arbeiter zum Rückzug.

Nachdem der Versuch gescheitert war, den besonders gefährdeten Reaktorblock 4 durch Abwurf von Kühlwasser aus Hubschraubern unter Kontrolle zu halten, wurden dort gestern Löschkanonen in Stellung gebracht. Nach Einschätzung französischer Atomexperten haben die Hilfskräfte höchstens noch bis morgen Zeit, eine nukleare Verseuchung größeren Ausmaßes zu verhindern. Gelinge es bis dahin nicht, die Brennelemente in Block 4 dauerhaft zu kühlen, werde eine "sehr bedeutende" Verseuchung die Folge sein, sagte Thierry Charles, der Direktor für Anlagensicherheit beim französischen Institut für Strahlenschutz.

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Yukiya Amano, nannte die Lage in Fukushima 1 "sehr ernst". Der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger sagte gestern am frühen Abend, er befürchte "in den kommenden Stunden weitere katastrophale Entwicklungen" in den Reaktoren. Das Auswärtige Amt in Berlin verschärfte seine Reisewarnung für Japan. Es empfiehlt nun den gut 1000 in Tokio verbliebenen Deutschen, die etwa 250 Kilometer südlich des Katastrophen-AKW gelegene Hauptstadt vorübergehend zu verlassen.

In der 35-Millionen-Metropole wuchs die Sorge vor einer radioaktiven Verseuchung. Der Wind kam gestern jedoch überwiegend aus Westen und trug giftige Strahlenpartikel auf den Pazifik hinaus. Auch Japans Kaiser Akihito äußerte sich erstmals zu der Katastrophe. In einer Fernsehansprache sprach er seinem Volk Mut zu.

In Deutschland ist nach der Kehrtwende der Bundesregierung in der Atompolitik ein juristischer Streit entbrannt. Die Oppositionsparteien, aber auch Koalitionspolitiker äußerten rechtliche Bedenken gegen die vorläufige Abschaltung der sieben ältesten Atommeiler. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht dagegen eine sichere Rechtsgrundlage für die Aussetzung der vom Bundestag bereits beschlossenen Laufzeitverlängerungen. Doch müssten sich Stromkunden in Deutschland auf steigende Preise einrichten.