Papstbesuch in Lateinamerika

Benedikt XVI. trifft Fidel und mahnt Kuba zu Reformen

Máximo Líder schenkte dem Papst eine halbe Stunde. Benedikt XVI. wirbt für ein neues Gesellschaftssystem - doch politisch will Havanna nichts ändern.

Havanna/Mexiko-Stadt. Mit dem Satz: "Die marxistische Ideologie entspricht nicht mehr der Realität" hat Papst Benedikt XVI. die sozialistische Führung Kubas in Zugzwang gebracht . Er bot die Hilfe der Kirche bei der Suche nach neuen gesellschaftlichen Modellen an. Schon bei der Begrüßung des Papstes in Santiago de Cuba machte Präsident Raúl Castro aber unmissverständlich klar: Das Land verzichtet auf diese Hilfe. Er unterstrich das Recht Kubas, seinen eigenen Weg zu wählen. Und doch setzt sich jener Dialog fort, den Papst Johannes Paul II. vor 14 Jahren eingeleitet hatte.

Die Interessen der Katholischen Kirche in Kuba und diejenigen der kommunistischen Führung decken sich in einigem, aber bei Weitem nicht in allem. "Es gibt noch viele Aspekte, bei denen man vorankommen kann und muss", sagte der Papst. So hat die kommunistische Regierung nicht die Absicht, nach neuen "gesellschaftlichen Modellen" zu suchen. Der von Raúl Castro angesprochene eigene Weg besagt nur, das Modell werde "aktualisiert", nicht erneuert, nicht reformiert oder sogar ersetzt. So sagte der für die wirtschaftlichen "Aktualisierungen" zuständige Vizepräsident Marino Murrillo gestern vor der internationalen Presse in Havanna: "Eine politische Reform wird es in Kuba nicht geben." Die Wirtschaftsreformen dienten vor allem dazu, das sozialistische Modell zu festigen.

Doch in der Kirche mehren sich die Stimmen nach mehr Mitbestimmung, Freiheit, Demokratie - und nach einem Ende der Einparteienherrschaft. Die katholische Kirche versucht mit einem vorsichtigen Spagat ein stärkeres Bindeglied zwischen den Kubanern und der Macht zu sein. Und der Papst gab seinen Willen deutlich zu Protokoll, dass noch erkennbarer und anerkannter werde, welchen Beitrag seine Kirche für den Zusammenhalt der problembeladenen Gesellschaft leistet. Auch wenn Joseph Ratzinger in diesen Tagen zu Ehren seines Besuchs von Havannas Plakatwänden herablächelt: Daneben hängen Poster mit Kubas Revolutionsheld und Guerillaführer Che Guevara in allen möglichen Posen und der alte Slogan "Alles für die Revolution".

Die Kirche ist nach langen Jahren im Untergrund zu der einzigen Kraft neben der kommunistischen Partei aufgestiegen. Vor allem ihr Wortführer, der Erzbischof von Havanna, Jaime Ortega, hat die Beziehungen zu den staatlichen Autoritäten verstärkt. Der Vatikan unterstützte ihn. Als großer Erfolg wird die Vermittlungsaktion 2010 gesehen, als die Regierung rund 100 politische Häftlinge freiließ und die meisten davon nach Spanien ins Exil schickte. So war ein Problem jedenfalls fürs Erste bereinigt, das der Regierung unter den Nägeln brannte. Doch hat sich die Menschenrechtslage in Kuba keineswegs gebessert. Papst Benedikt wiederholte seine kritische Haltung während der Reise immer wieder, leise, aber unüberhörbar und ohne den Eindruck zu erwecken, er wolle sich in die inneren Angelegenheiten Kubas einmischen. Er tat es aber doch, und zwar so, wie es nur der Bischof von Rom tun kann.

"In meinem Herzen trage ich die gerechten Hoffnungen und legitimen Wünsche aller Kubaner, wo auch immer sie sein mögen, ihre Leiden und Freuden, ihre Sorgen und Sehnsüchte", sagte er in Santiago de Cuba. Er erwähnte die Jugendlichen, die Kinder und die Alten, die Kranken, die politischen Gefangenen und deren Familien - auch wenn es in einem 40 Minuten andauernden Gespräch mit Raúl Castro nur allgemein um "humanitäre Angelegenheiten" ging, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi berichtete.

Die Botschaften sind aber verstanden worden, bei den Regierenden und bei der Opposition. "Er hat sich in der Tat nicht geirrt", sagte etwa die Sprecherin der oppositionellen Gruppe Damas de Blanco, Bertha Soler, im Hinblick auf das Marxismus-Zitat des Papstes. "Er kennt tatsächlich die aktuelle Lage des kubanischen Volkes." Und sie forderte ihre Mitstreiterinnen auf, zu der Papstmesse gestern in Havanna zu gehen, aber dabei nicht gegen das Regime zu protestieren.

Vor dem Besuch von Benedikt XVI. war Johannes Paul II. als einziger Papst nach Kuba gereist. Schon damals, im Januar 1998, verlangte Johannes Paul II. bei einer Messe vor etwa 800.000 Gläubigen auf dem Revolutionsplatz in Havanna von der kubanischen Führung politische und religiöse Freiheiten sowie die Einhaltung der Menschenrechte. Johannes Paul II. kritisierte außerdem das US-Embargo gegen den Inselstaat. "Möge Kuba sich mit all seinen großartigen Möglichkeiten zur Welt hin öffnen, und möge sich die Welt für Kuba öffnen", sagte er. Als Ergebnis des Papstbesuchs wurden in Kuba rund 300 Häftlinge freigelassen, unter ihnen etwa 90 politische Gefangene.

In den letzten Stunden seines in der Nacht zu Donnerstag zu Ende gegangenen Besuchs hatte sich der Papst mit "Máximo Líder" Fidel Castro getroffen . Das halbstündige Gespräch, das nicht zum offiziellen Programm gehörte, fand in der Apostolischen Nuntiatur statt, in der der Papst während seines Aufenthalts residierte. Kurz zuvor hatte Fidel mitgeteilt, er habe sich "entschlossen, einige Minuten seiner kostbaren Zeit zu beanspruchen", und um einen "unkomplizierten Kontakt" angefragt.