Berlin. Sorry, Freunde, wir haben genug Munition: Dänemark gibt alles an die Ukraine und redet seinen EU-Partnern ins Gewissen. Droht der GAU?

Der Schritt ist ungewöhnlich. Schwer zu sagen, ob das Beispiel Dänemark Schule machen wird. Eher nicht. Der Dank der Ukrainer ist jedenfalls sicher. „Ihr seid wahre Freunde!“, schreibt ein User auf X, ehemals Twitter. Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen hat entschieden, den kompletten Vorrat an Artilleriemunition an den Partner zu spenden.

Um wie viele Granaten es geht, ließ Frederiksen offen. Gut möglich, dass der Symbolwert größer als die Feuerkraft ist. Sechs Fakten, die man zum besseren Verständnis wissen sollte:

  • Im Ukraine-Krieg dominiert die Artillerie.
  • Der Nachschub an Munition macht beiden Seiten zu schaffen.
  • Viele Staaten achten darauf, dass ihre Lieferungen keine Lücken reißen.
  • Die EU konnte ihre Lieferversprechen nicht einhalten.
  • In den USA ist die Waffenhilfe im Parlament blockiert.
  • Auf dem Weltmarkt gibt es noch Geschosse.

Ukraine: Artillerie ist kriegsentscheidend

Geht es um die Munition, gibt es keine zwei Meinungen unter Experten zum Ukraine-Krieg. Der Österreicher Franz-Stefan Gady erläutert, „das aktuelle Verhältnis bei der Artillerie liegt bei 5 zu 1 zugunsten der Russen“. Sein Landsmann Markus Reisner warnt, wenn die Ukraine nicht die Munition bekomme, die sie brauche, könnte es tatsächlich zu einem „Durchbruch der Russen“ kommen. Carlo Masala prophezeite vor knapp zwei Wochen gegenüber unserer Redaktion: „Wenn nicht mehr Munition an die Front kommt, dann wird die Ukraine bestimmte Städte wie Awdijiwka aufgeben müssen.“

Nach eben jenem Rückzug ukrainischer Truppen aus Awdijiwka prangerte US-Präsident Joe Biden prompt die Untätigkeit des Kongresses an. Nach einem Telefonat mit Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kiew erklärte er am Samstag: „Heute Morgen war das ukrainische Militär gezwungen, sich aus Awdijiwka zurückzuziehen, nachdem die ukrainischen Soldaten aufgrund der Untätigkeit des Kongresses ihre Munition rationieren mussten.“ Masala ist skeptisch, ob die Europäer die Lücke schließen können, wenn die USA nicht liefern.

Kluft zwischen Rhetorik und Realität bei der Waffenhilfe

Unabhängig von der politischen Selbstlähmung schaffen es auch die Amerikaner nicht, den Bedarf der Ukraine zu decken, obwohl die USA ihre Produktion von Artilleriegeschossen verdoppelt haben. Der Verbrauch ist einfach gigantisch.

Vor dem gleichen Problem steht Europa, wobei bei der EU die Kluft zwischen Rhetorik und Realität besonders auffällig ist. Im März hatten die europäischen Verteidigungsminister in Brüssel versprochen, der Ukraine innerhalb eines Jahres eine Million Artilleriegranaten zu liefern. In Wahrheit werden sie gerade mal die Hälfte schaffen.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Die Frage ist allerdings, wie viel die einzelnen Armeen zurückhalten. Als der Krieg vor bald zwei Jahren begann, hieß es über die Bundeswehr, ihre Bestände an Munition reichten gerade für zwei Tage Krieg. Eine schnelle Nachbeschaffung ist eine Priorität von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Das gilt nicht allein für Munition.

Als er neulich den Truppenübungsplatz Augustdorf besuchte, sagte er zum Beispiel einen schnellen Ersatz für die der Ukraine versprochenen Leopard-Panzer zu. Er werde sich „mit Nachdruck dahinterklemmen“. Das ist auch eine Form der Modernisierung: Gelieferte Waffen werden durch die jeweils neuesten Systeme abgelöst. Deutschland liefert ungern ohne Ersatz aus den Beständen der Truppe.

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Kaum vorstellbar, dass Pistorius oder Kanzler Olaf Scholz (SPD) die Entscheidung auch nur ins Auge fassen würden, wie Dänemark sämtliche Munition abzutreten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft führt auf seiner Internetseite einen sogenannten Tracker, eine Datenbank für militärische, finanzielle und humanitäre Unterstützung der Ukraine.

Hilfe im Ukraine-Krieg: Der Norden liefert

Aufschluss über die Hilfsanstrengungen gibt vor allem das Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, also die Wirtschaftsleistung eines Landes. Unter den ersten Staaten sind je drei Länder aus dem Baltikum und Skandinavien. Platz eins Estland, Platz zwei Dänemark. Dder erste mitteleuropäische Staat taucht auf Platz sechs auf: die Niederlande. Auf Platz zehn rangiert Deutschland, Frankreich auf Platz 28 – noch hinter Japan und Island.

Der Norden ist nachweislich besonders spendabel. Mehr noch: Frederiksen sagt, es gebe noch Munition in europäischen Beständen: „Ich bedaure es, Freunden zu sagen, dass noch Munition in Europa auf Lager ist. Das ist nicht nur eine Frage der Produktion, denn wir haben Waffen, wir haben Munition, wir haben unsere Verteidigung, die wir im Moment nicht nutzen müssen und die wir an die Ukraine liefern sollten. Wir müssen mehr tun.“

In dieselbe Kerbe schlägt der tschechische Präsident Petr Pavel. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz erklärte er, seine Regierung habe rund 800.000 Geschosse auf dem Weltmarkt identifiziert. Die Europäer könnten sich zusammentun und solche Bestände für die Ukraine aufkaufen. Erschwerend ist, dass laut dem Außenbeauftragten der EU, Josep Borrell, erhebliche Mengen an in der EU produzierter Munition wegen bestehender Verträge in andere Staaten geliefert würden.

Wer sind Putins Helfer?

Frederiksen mahnt, „wir hätten die Ukraine schon sehr viel früher besser unterstützen sollen“. Die Dänen wollen nicht nachlassen, vielmehr alsbald zum Beispiel auch Kampfjets bereitstellen: „Unsere F-16-Jets werden bald in der Ukraine fliegen.“

Eher wenig bekannt ist, dass auch Russland erhebliche Probleme hat. Das ist bisher nicht aufgefallen, weil die Russen Reserven in Höhe von drei Millionen Schuss hatten, freilich teils veraltet und in schlechtem Zustand. Das altehrwürdige britische Royal United Services Institut (Rusi) analysiert, „die vielleicht gravierendste Einschränkung für Russland ist jedoch die Munitionsherstellung“.

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Um erhebliche Gebietsgewinne zu erzielen, hat das russische Verteidigungsministerium einen industriellen Bedarf zur Herstellung oder Beschaffung von etwa vier Millionen 152-mm- und 1,6 Millionen 122-mm-Artilleriegeschossen im Jahr 2024 ermittelt. Doch das Ministerium geht selbst davon aus, die 152-mm-Produktion von rund einer Million Patronen im Jahr 2023 auf 1,3 Millionen Patronen im Laufe des Jahres 2024 zu steigern und im gleichen Zeitraum nur 800.000 122-mm-Patronen zu produzieren.

„Darüber hinaus glaubt das russische Verteidigungsministerium nicht, dass es die Produktion in den Folgejahren deutlich steigern kann“, analysiert Rusi. Um die Engpässe weiter auszugleichen, habe Kremlchef Wladimir Putin Liefer- und Produktionsverträge mit Weißrussland, dem Iran, Nordkorea und Syrien unterzeichnet.

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