Austritte und Glaubenskrise

Katholische Kirche: Schwerste Krise seit Jahrzehnten

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Die Missbrauchsfälle und finanzielle Probleme sorgen die Bischöfe. Die Katholiken kritisieren vor allem die Haltung der Kirche zur Sexualität.

Bonn. Es war ein „erschütterndes Jahr“. Wie der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode werden viele Katholiken 2010 in schlechter Erinnerung behalten. Der Missbrauchsskandal und der Fall des Bischofs Walter Mixa sorgten für einen Vertrauenseinbruch und steigende Austrittszahlen. Die katholische Kirche stürzte in die schwerste Krise seit Jahrzehnten.

Seit der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, im Januar die Aufdeckung des Skandals ins Rollen brachte, meldeten sich immer mehr Menschen, die missbraucht oder misshandelt worden waren – die meisten Vergehen lagen Jahrzehnte zurück. „Mindestens 380 Opfer, mindestens 280 Täter“ listete die „Süddeutsche Zeitung“ allein für Bayern auf. Betroffen waren kirchliche Vorzeigeschulen, die Regensburger Domspatzen und ganz normale Gemeinden.

Der Fall Mixa belastete alle Katholiken

Betroffen war auch der Augsburger Bischof Walter Mixa, der mit Prügelvorwürfen und finanziellen Unregelmäßigkeiten konfrontiert wurde . Nach quälenden Wochen fand Mixa sich Mitte Juni endgültig mit dem Verlust seines Amtes ab. Zugleich wurde im Lauf des Jahres deutlich, dass der Skandal weit über den katholischen Raum hinausreicht – bis zur reformpädagogischen Odenwaldschule, in Sportvereine und Familien.

Die Bundesregierung reagierte mit der Ernennung einer Missbrauchsbeauftragten und der Einrichtung eines Runden Tisches, bei dem über Verjährungsfristen, Meldepflichten und Entschädigung diskutiert wird. Auch die Kirche zog Lehren: „Die Institution zu schützen und alles Belastende zu vertuschen, ist ein Irrweg“, unterstrich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch.

In mehreren Schritten versucht die Kirche seitdem, das Geschehene aufzuarbeiten: Die Bischöfe ernannten den Trierer Bischof Stephan Ackermann zu ihrem Missbrauchs-Beauftragten und richteten eine Hotline für Opfer ein. Bistümer und kirchliche Schulen legten Berichte vor und versprachen Transparenz. Im August verabschiedeten die Bischöfe verschärfte Leitlinien zum Umgang mit den Tätern und zur Einschaltung der Justiz. Im September beschloss die Bischofskonferenz dann ein Präventionskonzept für alle kirchlichen Einrichtungen.

Nur noch 17 Prozent sehen sich der Kirche verbunden

Gesucht wird ein Aufbruch aus einer Krise, die viel tiefer reicht. Belege dafür liefert der „Trendmonitor Religiöse Kommunikation 2010“ der kirchlichen Medien-Dienstleistung GmbH (MDG): Nur noch 17 Prozent sehen sich ihrer Kirche eng verbunden. Nur noch 13 Prozent halten den Pflichtzölibat für sinnvoll, ebenso wenige die Haltung der Kirche zur Sexualität und zur Rolle der Frau.

Von „bohrenden Zweifeln“ an Lehren der Kirche spricht deshalb auch Zollitsch. Der Freiburger Erzbischof schlug deshalb in Fulda einen „Reflektionsprozess“ der Kirche vor. Wie dieser Prozess gestaltet werden soll, ist bislang nur in Ansätzen sichtbar: Im November vereinbarten Vertreter der Bischöfe und des ZdK zwei gemeinsame Arbeitsprojekte über das „Zusammenwirken von Priestern und Laien in der Kirche“ sowie über die „Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat“.

Dass der Skandal die Position der Kirche geschwächt hat, zeigt sich derzeit an anderer Stelle: Im Sommer entfachten FDP-Politiker eine Diskussion über historisch bedingte Staatsleistungen an die Kirchen. In die gleiche Kerbe schlugen ein Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) und ein „Violettbuch Kirchenfinanzen“. In ihm wirft der Atheist Carsten Frerk Katholiken und Protestanten vor, sie hätten vom Staat massive Privilegien ergattert und lebten zu einem hohen Anteil von staatlichen Geldern. Dass sich auch in der SPD ein Arbeitskreis der „Sozialen und Demokratischen LaizistInnen“ formiert, zeigt, dass der Wind den Kirchen ins Gesicht bläst.

Die Papst-Worte zu Kondomen ließen aufhorchen

Möglich, dass Katholiken und Protestanten zusammenrücken. Zumindest sei die Ökumene „wetterfest“, unterstrich ZdK-Präsident Alois Glück beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag, der im Mai 130.000 Dauerteilnehmer nach München lockte. Positive Schlagzeilen für die katholische Kirche gab es durch die Kardinalserhebung des Münchener Erzbischofs Reinhard Marx und des Kirchenhistorikers Walter Brandmüller sowie durch das Interview-Buch des Papstes. Dass Benedikt XVI. Verständnis dafür äußerte, wenn HIV-Infizierte neben Enthaltsamkeit und Treue auch auf Kondome als Schutz gegen die Ausbreitung der Seuche setzen, führte sofort zu steigenden Umfragewerten für den Papst .

Die Austritte im ablaufenden Jahr sorgen die Bischöfe ebenfalls. In Deutschland haben die Kirchen das von der Verfassung gesicherte Recht, von ihren Mitgliedern Kirchensteuern zu erheben. Die Steuer ist die wichtigste Finanzquelle zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben in Seelsorge, Bildung und Sozialwesen. Die Höhe richtet sich in der Regel nach der Einkommensteuer. Im Jahr 2009 betrug das Kirchensteueraufkommen der katholischen Kirche in Deutschland 4,9 Milliarden Euro, für die evangelische Kirche 4,4 Milliarden Euro. Die Kirchensteuer wird aus Kostengründen vom Staat eingezogen. Er erhält für diesen Dienst zwei bis vier Prozent des Aufkommens.

Die Kirchenaustritte knabbern am Haushalt der Kirchen

Laut EKD zahlt ein lediges Kirchenmitglied in der Steuerklasse I bei einem Bruttogehalt von 2000 Euro 20,31 Euro Kirchensteuer, bei einem Monatsbrutto von 4000 Euro sind es 71,03 Euro, wobei ein Kirchensteuersatz von neun Prozent angesetzt ist. Die beiden großen christlichen Kirchen haben zuletzt jeweils eine sechsstellige Zahl an Mitgliedern pro Jahr durch Austritt verloren. Die katholische Kirche schrumpfte im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um rund 267.000 Mitglieder, darunter sind knapp 124.000 Austritte. Für das Jahr 2010 liegen noch keine verlässlichen Zahlen vor. Erste Wasserstandsmeldungen aus den Bistümern deuten aber auf einen weiteren Anstieg hin – wobei vor allem die zahlreichen Missbrauchsfälle und der zunächst als zögerlich wahrgenommene Umgang von Bischöfen und Papst damit zahlreiche Menschen dazu bewogen haben dürfte, der Kirche den Rücken zu kehren.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lagen die Austrittszahlen in den vergangenen Jahren stets um mehrere Zehntausend höher als bei den Katholiken. 2008 verzeichnete man 168.901 Austritte. Bei der Veröffentlichung der Zahlen für 2009 wurden keine Angaben zu Kirchenaustritten gemacht.