Digitale Sprechstunde

Wenn die Beine kribbeln und die Hände brennen

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Privatdozent Dr. Christoph Terborg ist Chefarzt der Neurologie an der Asklepios Klinik St. Georg.

Privatdozent Dr. Christoph Terborg ist Chefarzt der Neurologie an der Asklepios Klinik St. Georg.

Foto: Thorsten Ahlf

Jeder Zwanzigste leidet an einer Polyneuropathie. Die Nervenkrankheit ist trotzdem noch wenig bekannt.

Hamburg.  Sie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen, jeder zwanzigste Deutsche leidet daran. Dennoch ist die sogenannte Polyneuropathie recht wenig bekannt. Der Name, abgeleitet aus dem Griechischen, ist dabei Programm: „Viele Nerven“ sind betroffen. „Es handelt sich um eine Erkrankung des peripheren Nervensystems. Es geht vor allem um die Nerven, die vom Rückenmark ausgehend in Arme und Beine ausziehen“, erklärt Privatdozent Dr. Christoph Terborg in einer neuen Folge der „digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios. „Die längsten Nerven sind meistens am stärksten betroffen.“

Wer zu viel Alkohol trinkt, gehört zur Risikogruppe

Die ersten Symptome seien häufig ein Taubheitsgefühl in den Fußsohlen oder im gesamten Fuß sowie ein Brennen der Hände. „Manche Patienten zeigen zudem Lähmungserscheinungen, die dann langsam vom Fuß nach oben steigen“, so der Chefarzt für Neurologie und fachübergreifende Früh-Rehabilitation an der Asklepios Klinik St. Georg. Grundsätzlich trete diese Nervenkrankheit meist in der zweiten Lebenshälfte auf. „Ab dem 50. Lebensjahr häufen sich die Fälle“, so der habilitierte Mediziner.

Von den Diabetikern sei rund ein Drittel betroffen. „Hier hängt das Risiko für eine Polyneuropathie stark davon ab, wie gut der Blutzucker eingestellt ist und wie lange der jeweilige Patient schon an Diabetes leidet.“ Auch Menschen, die zu viel Alkohol konsumieren oder gar schon abhängig sind, gehören zur Risikogruppe. „In diesem Fall ist die Therapie recht einfach, auch wenn sie dem einzelnen Betroffenen schwerfällt: Man muss konsequent den Alkohol weglassen, dann ist die Prognose gut, dass sich die Beschwerden komplett zurückbilden.“

Leitfähigkeit der Nerven wird geprüft

Doch wie wird eine Polyneuropathie überhaupt festgestellt? „Viele gehen mit den Symptomen zunächst zum Hausarzt oder zum Orthopäden, was nachvollziehbar ist. Aber Grundvoraussetzung ist eine gründliche neurologische Untersuchung“, sagt der gebürtige Siegerländer, der während des Zivildienstes im Krankenhaus seine Leidenschaft für die Medizin entdeckte. Mit einer sogenannten elektrophysiologischen Untersuchung werde festgestellt, ob die Nerven gut leiten.

„Ein normaler Nerv am Arm leitet 50 Meter pro Sekunde, das ist ziemlich schnell. Bei einem Patienten mit Polyneuropathie liegt die Geschwindigkeit oft nur noch bei 35 Metern pro Sekunde, bei manchen sogar nur noch bei 20 Metern. Das ist dann aber in der Regel auch schon mit einer schweren Funktionsstörung verbunden.“ Nerven müsse man sich wie ein Kabel vorstellen. „Deshalb ist für uns Neurologen eben wichtig herauszufinden, ob der Kern oder die Ummantelung des Nervs betroffen ist.“

In erster Linie wird medikamentös behandelt

Die Therapie und auch die Heilungschance hänge stark von der Ursache der Erkrankung ab, die man durch Bluttests und eine Untersuchung des Nervenwassers herausfinde. Eine Infektion, zum Beispiel bei einer Borreliose nach einem Zeckenbiss, kann die Krankheit auslösen, aber auch eine genetische Vorbelastung sei möglich. „Da gab es vor knapp zwei Jahren einen Durchbruch: Zwei genetisch bedingte Formen sind bekannt, die sich mit Medikamenten sehr erfolgreich behandeln lassen.“ Überhaupt werde die Polyneuropathie in erster Linie medikamentös behandelt, meist auch ambulant.

Das Spannende sei immer das Forschen nach der Ursache. „Die Neurologie ist ein sehr kluges Fach, das hat mich immer gereizt“, sagt der Experte, der in seiner Freizeit im Chor seiner Kirchengemeinde aktiv ist und am liebsten Kantaten von Bach singt. „Es ist immer ein Stück Detektivarbeit dabei.“ Nach seinem Medizinstudium noch habe das Fachgebiet immer ein bisschen als „brotlos“ gegolten. „Nach dem Motto: Die denken zwar viel nach, können aber wenig machen.“ Das habe sich durch die Ergebnisse der Forschung verändert. „Wir können jetzt sehr gut helfen – bei Schlaganfällen, bei Multipler Sklerose, bei Parkinson – und auch bei Polyneuropathie.“

„Die digitale Sprechstunde“ ist die Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild. Die aktuelle Folge und alle bisherigen Episoden hören Sie auf www.abendblatt.de/ digitale-sprechstunde/

In der nächsten Folge spricht Privatdozent Dr. Oliver Niggemeyer über künstliche Hüftgelenke. Anregungen? Schreiben Sie uns an sprechstunde@abendblatt.de