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„Inkontinenz betrifft mehr junge Frauen als man denkt“

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Foto: Ha / HA

Im Abendblatt-Podcast "digitale Sprechstunde" klärt Urologie-Chefärztin über Therapien auf. Botox in der Blase kann helfen.

Hamburg. Es ist ein Tabu. Ein Thema, das Tausende betrifft, über das aber kaum jemand offen spricht: Inkontinenz. „Menschen aus jeder Altersgruppe können unter plötzlichem und unkontrolliertem Urinverlust leiden“, sagt Dr. Petra Anheuser. Doch wegen dieser unangenehmen Beschwerde zeitnah einen Arzt aufzusuchen, das zögen laut einer aktuellen Studie am ehesten noch ältere Patienten über 60 in Betracht.

„Gerade unter jüngeren Frauen ist das Schamgefühl groß – und damit vermutlich auch die Dunkelziffer derer, die betroffen sind“, so die Chefärztin der Urologie an der Asklepios Klinik Wandsbek in einer neuen Folge der „digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Immerhin etwa zwölf Prozent der Frauen zwischen 20 und 40 Jahren, so die offiziellen Zahlen, leiden an Inkontinenz. „Dazu kommen jene, von denen man es nie erfährt, weil sie sich mit speziellen Binden aus der Drogerie zunächst einmal selbst helfen und abwarten.“ Ursache für das Leiden seien bei Frauen in dieser Altersgruppe Schwangerschaften und Geburten, die den Beckenboden naturgemäß stark belasteten.

Inkontinenz bei Frauen hat im Alter andere Ursache

Bei älteren Frauen hänge die Inkontinenz vor allem damit zusammen, dass sich der Körper und damit eben auch die Beschaffenheit des Beckenbodens verändere. Unter den betroffenen Männern sei die Mehrheit älter als 50. „Die Prostata vergrößert sich, es kommt zu einer hormonellen Dysbalance, die Drangbeschwerden zur Folge haben kann. Die Entleerung der Blase wird erschwert“, erklärt die Expertin, die südlich von Leipzig geboren wurde, in Halle an der Saale und Köln Medizin studiert und einige Jahre im Rheinland praktiziert hat.

Grundsätzlich müsse man zwischen zwei Formen der Inkontinenz unterscheiden, so die Chefärztin. „Zum einen gibt es die Belastungsinkontinenz, früher auch als Stressinkontinenz bekannt. Das ist die Form, unter der die meisten Betroffenen leiden.“ Im Klartext: Bei körperlicher Belastung – wenn man beispielsweise schneller läuft, sich bückt oder auch nach dem Niesen – tritt Urin aus.

Die zweite Form ist die sogenannte Dranginkontinenz. „Dabei spüren die Patienten einen unstillbaren Harndrang, sie erreichen die Toilette in der Regel nicht mehr“, so die Medizinerin. Rund ein Drittel leiden an einer Mischform.

Therapiemöglichkeiten bei Inkontinenz

Wie kann man helfen? „Entscheidend ist eine präzise Diagnostik. Denn nach der Form der Inkontinenz richtet sich auch die Therapie.“ Konservative Methoden wie Beckenbodentraining, Physiotherapie oder Elektrostimulation könnten helfen. „Bei einer Belastungsinkontinenz lässt sich auch über eine Bändchen-Einlage nachdenken“, so die Expertin. Bei diesem kleinen Eingriff, der jedoch nicht für Frauen im gebährfähigen Alter infrage kommt, werde vaginal eine Unterlage eingeführt, die bei Belastung wie eine Hängematte funktioniere und die Harnröhre auffange. „Danach sind die Patientinnen beschwerdefrei.“

Eine andere Möglichkeit sei es, die Schließmuskelregion mit einer Hyaluronsäure zu unterspritzen. Den Wirkstoff kennt man aus der Kosmetik – ebenso wie Botox, das bei einer Dranginkontinenz in der Blase wirken kann. „Die Blase wird dadurch ruhig gestellt. Aber, wie man das von der Faltenbehandlung kennt, gilt auch hier: Die Wirkzeit ist auf fünf bis acht Monate begrenzt“, erläutert die Urologin, die sich auf ihrem ersten Kongress vor gut 20 Jahren in ihrem Fachbereich noch ziemlich allein unter Männern fühlte.

„Das hat sich verändert, 70 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich und auch in der Urologie gibt es mittlerweile mehr Ärztinnen als früher“, sagt Dr. Petra Anheuser. „Ich glaube, dass sich gerade Frauen bei einem Thema wie Inkontinenz lieber einer Frau anvertrauen.“ Das sei gut – damit das Thema hoffentlich bald kein Tabu mehr sei.

Wie es im Podcast weitergeht

„Die digitale Sprechstunde“ ist die Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild. Die aktuelle Folge und alle bisher erschienenen Episoden hören Sie auf www.abendblatt.de/digitale-sprechstunde.

In der nächsten Folge spricht Dr. Sabine Ott, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Asklepios Klinikum Harburg, unter anderem über Schreibabys, Mädchen mit Magersucht und Cybermobbing.