Krankenhäuser

Notaufnahme: "Gewalt gegen Pfleger und Ärzte nimmt zu"

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Im Abendblatt-Podcast erklären Ärzte in der Digitalen Sprechstunde ihr Fachgebiet. Folge 6: Wartezeiten und harte Fälle.

Hamburg. „Wer in der Notaufnahme arbeitet, der weiß, dass er vom eingewachsenen Zehennagel über einen Herzinfarkt bis zum Mann mit einem Messer in der Brust alles behandeln muss“, sagt Privatdozentin Dr. Sara Sheikhzadeh, Ärztliche Leiterin der Zentralen Notaufnahme an der Asklepios Harburg, die täglich von bis zu 150 Patienten aufgesucht wird. An besonders stressigen Tagen müssten sogar bis zu 180 Kranke und Verletzte behandelt werden. „Das ist dann schon eine echte Herausforderung und eine große Teamleistung, dass jeder Patient möglichst schnell gesehen und dessen Zustand nach Dringlichkeit eingestuft wird“, sagt die habilitierte Kardiologin.

Zwischen 18 und 20 Uhr, also nach Feierabend, und sonnabends sei besonders viel los, sagt die Medizinerin in der „Digitalen Sprechstunde“, dem Gesundheitspodcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Doch wie lange wartet ein Patient dann im Schnitt in der Notaufnahme? „Das hängt von der Ersteinschätzung, von der sogenannten Triagierung, ab. Die erfolgt sofort. Wer mit Luftnot eingeliefert wird, der ist natürlich in wenigen Minuten dran. Wer mit starken Rückenschmerzen kommt, wird auch sofort angesehen. Wenn sich daraus aber ergibt, dass es kein akuter Notfall ist, dann kann es sein, dass der Patient im Einzelfall dann auch schon mal einige Stunden warten muss, bis es weitergeht.“

Hamburger Hausarztpraxen ebenfalls überlastet

Mindestens jeder dritte Patient, der eine Notaufnahme aufsucht, wird laut einer aktuellen bundesweiten Studie als „niedrig dringlich“ eingestuft. Kommen also tatsächlich zu viele Patienten, die eigentlich zunächst einmal beim Hausarzt in den richtigen Händen wären? „Das ist eine sehr schwierige Diskussion“, sagt die Ärztin, die mit ihrem Mann, einem Chefarzt der Neurologie, und zwei Kindern in Hoheluft lebt. „Ich glaube nicht, dass das die Schuld der Patienten ist. Die haben Schmerzen und können naturgemäß nicht einschätzen, was dahinter steckt und wollen das schnellstmöglich abklären lassen.“ Hinzu komme, dass viele Hausarztpraxen ebenfalls überlastet seien, man lange auf einen Termin warten müsse und sich manchmal dort vielleicht auch nicht richtig aufgehoben fühle. „Ich glaube, der Fehler liegt im System, in dieser Trennung von ambulantem und stationärem Sektor, also Praxis und Krankenhaus, die sich nicht immer erschließt.“

Für die Ärztin mit persischen Wurzeln, deren Vater Professor für Kardiologie in Lübeck war, sollte die Notaufnahme nur eine kurze Station auf dem Karriereweg sein. „Doch dann habe ich mich verliebt. In den Stress, die Unmittelbarkeit, die schnelle Medizin.“ Man wisse nie, was komme, werde immer in eine Situation „hineingeworfen“.

Patienten haben niemanden, der sich um sie kümmert

„Das ist intellektuell herausfordernd. Da kommt ein Patient mit einem bestimmten Symptom und man muss in kürzester Zeit herausfinden, was er hat.“ Die Notaufnahme sei auch deshalb ein spannender Arbeitsplatz, weil sie ein „Spiegel der Gesellschaft“ sei. „Und im Moment sehe ich da vor allem die alternde Gesellschaft und auch die Einsamkeit der Großstadt.“ Viele Patienten hätten einfach niemanden, der sich um sie kümmere. „Das geht mir manchmal noch mehr ans Herz als die vermeintlich spektakulären Fälle.“

Abends – der Dienst beginnt um 7.30 Uhr mit der Visite, und bei wichtigen Fragen ist Dr. Sara Sheikhzadeh für ihr Team rund um die Uhr erreichbar – habe sie schon oft das Bedürfnis, über ihren Tag zu sprechen. „Am Anfang war es noch mehr. Da habe ich manchmal aus der Notaufnahme heraus meine Mutter angerufen und gesagt: Mama, ich muss dir mal kurz was erzählen.“

Etwas Sorge macht der Ärztin, die eigentlich Literaturwissenschaften studieren wollte und sehr gern liest (aktuell „Blinde Liebe“ von William Boyd), dass die Gewaltbereitschaft der Patienten zunehme. „Im Grunde begegnet uns jeden Tag mindestens ein aggressiver Patient. Seit zwei Jahren ist in unserer Notaufnahme daher ein Sicherheitsdienst im Einsatz, und wir werden darin geschult, Situationen zu deeskalieren.“

Ein guter Tag in der Notaufnahme sei einer, an dem die Organisation reibungslos klappe. „Ich versuche alles, damit jeder Tag gut wird. Grundsätzlich gilt: Die Notaufnahme ist immer nur so gut, wie die Klinik dahinter.“

Gesundheits-Podcast mit Asklepios

Die digitale Sprechstunde ist die Gesundheitsgesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche beantwortet ein Experte die Fragen von Vanessa Seifert.

In der nächsten Folge berichtet Professor Dr. Thomas von Hahn, Chefarzt an der Asklepios Klinik Barmbek, über die Gefahren der Fettleber.

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