Digitale Sprechstunde

Nach Ayurveda-Pillen: Hamburgerin wochenlang in Lebensgefahr

Honorarprofessor Dr. Tobias Meyer, Chefarzt der Abteilung für Nephrologie an der Asklepios Klinik Barmbek.

Honorarprofessor Dr. Tobias Meyer, Chefarzt der Abteilung für Nephrologie an der Asklepios Klinik Barmbek.

Foto: Mark Sandten

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Dr. Tobias Meyer, Chefarzt für Nephrologie im AK Barmbek, berichtet im Podcast über schwere Nierenerkrankungen und Heilungschancen.

Hamburg. Jeder Arzt erlebt sie – die außergewöhnlichen, die fast unglaublichen Fälle, die man nicht mehr vergisst. Und so erinnert sich Honorarprofessor Dr. Tobias Meyer, Chefarzt der Abteilung für Nephrologie an der Asklepios Klinik Barmbek, auch noch genau an jene Hamburgerin, Anfang 40 und bis vor wenigen Wochen wohl völlig gesund, die im August 2015 auf die Intensivstation gebracht wurde.

„Die Patientin hatte ein völlig derangiertes Blutbild und war komplett verwirrt. Sie konnte weder gehen noch stehen, sie war fast komatös“, erzählt der Nierenspezialist in einer neuen Folge der „digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios. „Es deutete alles auf eine Vergiftung hin und tatsächlich fanden wir Quecksilber, Arsen und Blei im Blut der Frau. Aber die Ursache, die blieb zunächst rätselhaft.“

Ayurveda-Kur auf Sri Lanka führte fast zum Tod

Bis zum Gespräch mit dem Ehemann. Dieser erzählte den Medizinern nämlich von einer Ayurveda-Kur seiner Frau. Drei Wochen unter der Sonne Sri Lankas, den Körper reinigen, innere Ruhe finden – und das ganze Gift herausspülen.

Doch ausgerechnet im Wellness-Resort gelangte das Gift in den Körper der Hamburgerin – durch Pillen, die sie dort täglich schluckte. „Nun war diese Patientin besonders akribisch, denn sie deckte sich vor der Abreise noch mit einem Vorrat ein, um die Tabletten, hergestellt nach Rezepturen der indischen Heilkunst, in Deutschland weiternehmen zu können“, erzählt der Mediziner. „Als es ihr dann hier langsam schlechter ging, erhöhte sie auch noch die Dosis. Nichtsahnend, dass sie sich damit systematisch vergiftete und um ein Haar gestorben wäre.“

Quecksilbergehalt in Ayurveda-Pillen millionenfach erhöht

Denn das Laborergebnis war eindeutig: In einer der untersuchten Pillen lag der Quecksilbergehalt 2,3 Millionen mal höher als erlaubt. „Das war unglaublich.“ Man habe sich entschieden, mit dem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen – als Warnung. „Und plötzlich stellte sich heraus, dass es zahlreiche Betroffene gab. Von überall her kamen Patienten nach Hamburg, um uns ihre Ayurveda-Pillen zu zeigen.“

Längst warnt auch das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen für Sri Lanka davor, dort „unzertifizierte Medikamente zu sich zu nehmen“. Honorarprofessor Dr. Tobias Meyer sagt: „Sri Lanka ist ein fantastisches Land, ich selbst war auch schon mehrfach dort. Man kann dort auch wunderbare Kuren machen, man darf nur bitte keine Pillen essen.“

Als Schulmediziner sei er ohnehin etwas verwundert: „Hierzulande wird bei jeder Tablette nach einer möglichen Nebenwirkung gefragt und dort schluckt man einfach irgendwas.“ Der Patientin von damals gehe es zum Glück wieder gut, das Gift sei mit entsprechenden Medikamenten aus dem Körper herausgeleitet worden. „Heute ist das wieder eine Frau voller Lebensfreude, wir haben neulich erst telefoniert.“

800.000 Deutsche sind nierenkrank

Menschen durch eine schwierige Zeit zu begleiten, das tut der Internist oft. 800.000 Deutsche sind nierenkrank, doch viele wissen dies gar nicht. „Die meisten haben ihre Nieren gar nicht auf dem Schirm. Die tun nicht weh und man geht davon aus, dass die so vor sich hinfunktionieren“, sagt der Nephrologe. Bis sie irgendwann – Hauptursachen sind Diabetes und Bluthochdruck – so geschädigt seien, dass sie nicht mehr arbeiten könnten.

Früherkennung sei schwierig, Warnsignale könnten Blut (selten) oder Eiweiß im Urin sein. Gerade Letzteres bemerke man aber eben auch nicht unbedingt. „Der Patient selbst weiß also womöglich erst kurz vor der Dialyse, wie schwerwiegend sein Problem wirklich ist.“ Die Dialyse sei keine Therapie, sondern eine Technik, so der Experte. „Anders ausgedrückt: Damit wird nichts geheilt. Uns ist es nur möglich, ein Organ durch eine Maschine zu ersetzen.“

Aktuell gibt es 2000 Dialyse-Patienten in Hamburg

2000 Dialyse-Patienten gebe es derzeit in Hamburg, die meisten davon müssten drei Mal pro Woche für vier bis fünf Stunden an das Gerät. „Wer dialysepflichtig ist, hat eine deutlich eingeschränkte Lebenserwartung. Denn wenn die Nieren kaputt sind, sind oft auch Herz und Lunge betroffen.“

Von den bundesweit 80.000 Dialyse-Patienten stünden derzeit gerade einmal 8000 auf der Liste für eine Transplantation. „Das hängt auch damit zusammen, dass man körperlich in der Lage sein muss, diesen komplexen Eingriff zu überstehen“, so der Nephrologe, der sein „Lieblingsorgan“ Niere im dritten Studienjahr entdeckte und an der Universität Freiburg dazu promovierte.

Acht bis zehn Jahre betrage derzeit die durchschnittliche Wartezeit auf ein Spenderorgan. „Das ist natürlich viel zu lang, so lange überlebt kaum jemand an der Dialyse. Insofern bleibt nur die große Hoffnung in die Forschung.“

Gesundheitspodcast mit Asklepios

Die digitale Sprechstunde“ ist die Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein bestimmtes Krankheitsbild und gibt Auskunft über Vorsorge und Möglichkeiten der Therapie.

Nächste Folge: Prof. Dr. Dr. Christian Weber, Chefarzt der Anästhesiologie und Intensiv- und Notfallmedizin an der Asklepios Klinik Wandsbek, über die Angst vieler Patienten vor der Vollnarkose und seine Einsätze als Notarzt.

Haben Sie Anregungen? Schreiben Sie uns eine E-Mail an sprechstunde@abendblatt.de