Digitale Sprechstunde

Burnout-Syndrom: Achten Sie auf die 14-Tage-Regel

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Dr. Maren Kentgens, Geschäftsführerin der Asklepios-Tochterfirma Insite Interventions

Dr. Maren Kentgens, Geschäftsführerin der Asklepios-Tochterfirma Insite Interventions

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Arbeitspsychologin Dr. Maren Kentgens erklärt, welche Leiden noch "normal" sind und wann wahrscheinlich ein Burnout vorliegt.

Hamburg. Gestresst, erschöpft, ausgebrannt – schon jeder zweite Arbeitnehmer, das belegen aktuelle Studien, fühlt sich überlastet durch die Anforderungen im Beruf und den teils selbst gemachten Freizeitstress. Doch wann droht der Kollaps, was sind die Warnsignale für ein Burnout-Syndrom?

„Wir sagen gern: Die Seele hat keine Stimme, deshalb müssen wir auf unseren Körper hören, beziehungsweise überhaupt erst wieder lernen, hineinzuhorchen“, sagt Arbeitspsychologin Dr. Maren Kentgens in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Burnout – was ist normal, was ist Erkrankung?

Jeder Mensch reagiere auf Anspannung anders, so Dr. Maren Kentgens weiter. „Einer spürt vielleicht ein Grummeln im Magen, der Nächste leidet unter ständigem Kopfschmerz, der Dritte kann nachts nicht mehr schlafen“, sagt die Expertin, die als Geschäftsführerin die Asklepios-Tochterfirma Insite Interventions leitet.

Grundsätzlich gelte: Seien die Leiden nach zwei Wochen wieder verschwunden, sei alles gut. Seien sie jedoch nach zwei Monaten immer noch spürbar, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen. „Leider kommen die meisten Betroffenen aber erst nach zwei Jahren. Dann ist das Leiden schon chronifiziert, das heißt, der Körper hält den ungesunden Zustand für normal“, sagt die promovierte Psychologin. „Es gilt die Faustregel: So lange, wie man erkrankt war, so lange dauert auch der Prozess der Genesung. Es empfiehlt sich, die Warnsignale so früh wie möglich ernst zu nehmen.“

So lässt sich ein Burnout verhindern

Und wie lässt sich ein Burnout – ein Begriff, der übrigens die Phase einer Überlastung beschreibt, aber nie eine klinische Diagnose darstellt (im Arztbrief ist in diesen Fällen oft von psychischen Erkrankungen wie einer Depression oder Angststörung die Rede) – verhindern? „Achtsamkeit, als Begriff momentan sicher auch ein bisschen in Mode, ist die Antwort. Im Grunde heißt das ja nichts anderes, als sich auf seine Kraftquellen zu besinnen“, sagt die Mutter von zwei Söhnen, zehn und 14 Jahre alt.

„Man muss für sich die Frage beantworten: Was tut mir gut? Sport? Singen? Ein Waldspaziergang mit dem Hund?“ Diese Entspannung sollte man dann fest in seinen Alltag integrieren, als eine Art „heiligen Termin“. Feste Rituale seien in einer Zeit, in der alles zu jeder Zeit verfügbar sei, umso wichtiger.

Ein Burnout-Syndrom kann jeden treffen

Ein Burnout-Syndrom, nach Einschätzung der Expertin immer noch tabuisiert, könne jeden treffen. „Vom Vorstand bis zum Fließband-Arbeiter. Es macht auch vor keiner Berufsgruppe halt.“ Man könne noch am ehesten feststellen, dass es ein bisschen typabhängig sei. „Wer nach Perfektion strebt, extrem hohe Ansprüche an sich selbst stellt, aber beruflich in einem Korsett gefangen ist und über wenig Entscheidungsspielraum verfügt, der ist stärker gefährdet“, so die Expertin für betriebliches Gesundheitsmanagement. Es gebe zum Beispiel Studien, wonach Selbstständige, obwohl sie lange und viel, dafür aber eben komplett selbstbestimmt arbeiteten, weniger oft betroffen seien.

Lag die Zahl der Fehltage bundesweit im vergangenen Jahr bei insgesamt 107 Millionen, waren es vor zehn Jahren gerade einmal halb so viele. Ist das Berufsleben also stressiger geworden oder vertragen wir weniger Druck als die Generationen vor uns? „Na ja, die Art der Belastung hat sich verändert“, sagt die Expertin. Durch die Digitalisierung und die Dauererreichbarkeit falle das Abschalten schwerer. „Ich rate dringend dazu, das Handy auch mal konsequent auszumachen.“ Auch die sozialen Netzwerke führten zu Stress. „Man sieht die schönen Fotos der Anderen und will mithalten. Und auch die Chatgruppen stressen, weil eine schnelle Reaktion erwartet wird.“

Expertin empfiehlt acht Stunden Schlaf

Flexible Arbeitszeitmodelle und auch das Arbeiten im Home Office seien von unschätzbarem Vorteil. „Ich kann als Mutter zum Beispiel mal nachmittags zu einer Theateraufführung meines Sohnes gehen und mich dann abends an den Schreibtisch setzen. Allerdings, und das ist die Herausforderung, muss ich eben selbst für meinen Feierabend sorgen.“

Die Expertin, die selbst seit sieben Jahren Yoga macht und ihren Arbeitsweg von 14 Kilometern immer mit dem Fahrrad zurücklegt („da habe ich den Stress schon weggeradelt, wenn ich abends zuhause ankomme“), empfiehlt, sich wieder auf das soziale Miteinander im wahren Leben zu konzentrieren. „Einfach mal die Mittagspause mit den Kollegen verbringen und nicht nebenbei am Schreibtisch ein Brötchen essen.“ Auch genügend Schlaf sei wichtig. „Es gibt ja viele Menschen, die sagen, sie kämen mit sechs Stunden pro Nacht aus. Das mag eine Zeit lang gehen. Ich glaube, dass acht Stunden nicht zu viel für uns sind.“

Gesundheits-Podcast mit Asklepios

Die "Digitale Sprechstunde“ ist die Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild und gibt Auskunft über Vorsorge und Möglichkeiten der Therapie.

In der nächsten Folge spricht Dr. Jörg Elsner, Chefarzt am Asklepios Klinikum Harburg, über Handchirurgie.

Haben Sie Anregungen? Schreiben Sie uns eine E-Mail an sprechstunde@abendblatt.de