Diabetes

"Wer sich satt fühlt, isst weniger Schrott nebenbei"

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Ist Diabetes heilbar? Digitale Sprechstunde mit Dr. Matthias Riedl, Asklepios Hamburg

Ist Diabetes heilbar? Digitale Sprechstunde mit Dr. Matthias Riedl, Asklepios Hamburg

Foto: Mark Sandten

Übergewicht, Diabetes und die Folgen: "Es gibt eine Typ 2-Epidemie." Wie das 20:80-Prinzip helfen kann. Die Digitale Sprechstunde.

Hamburg. „Diabetes Typ 2 ist heilbar“, davon ist Dr. Matthias Riedl, bekannt aus dem NDR-Fernsehen als einer der beliebten „Ernährungs-Docs“, überzeugt. „Wer seine Ernährungsgewohnheiten umstellt, hat eine Heilungschance von etwa 86 Prozent“, sagt der ärztliche Leiter des medicum Hamburg, Europas größtem und ältestem Diabeteszentrum, in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

In Deutschland werde „zu viel, zu schnell und zu früh“ Insulin gegeben, kritisiert der renommierte Ernährungsmediziner. Die verschriebene Menge pro Kopf sei doppelt so hoch wie in Österreich oder der Schweiz. Der Grund seiner Meinung nach: „Über mehr als vier Jahrzehnte haben sich Ärzte und Patienten daran gewöhnt, dass Diabetes Typ 2 eine chronische Erkrankung ist, die leider nicht heilbar und insulinpflichtig ist“, sagt der Internist. „Wer da jetzt Widerspruch einlegt und neue Gedanken entwickelt, eckt erst einmal an.“

Sechs Millionen Diabetiker in Deutschland

Dabei sind die Gedanken des Experten, der seit 2018 die Athleten am Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein betreut, längst auch von Statistik und Wissenschaft belegt: Von den bundesweit rund sechs Millionen Diabetikern leiden 90 Prozent an Typ 2 der Zuckerkrankheit und wiederum 90 Prozent davon gelten als übergewichtig. „Ursache für diese regelrechte Typ 2-Epidemie, die wir in Deutschland beobachten, ist falsche Ernährung“, sagt der Autor von mehr als 20 Ratgeberbüchern.

Was also tun? Diäten? „Auf keinen Fall“, sagt Dr. Matthias Riedl. „Alles, was mit Verboten zu tun hat, führt nur zu kurzfristigem Erfolg. Danach schlägt der Jo-Jo-Effekt erbarmungslos zu.“ Das sei auch die Erfahrung vieler ärztlicher Kollegen, die ihren Patienten nahegelegt hätten, ihr Gewicht zu reduzieren. „Ohne die richtige Methode klappt das eben nicht und dann bleibt man beim Insulin hängen.“

Er selbst empfehle das 20:80-Prinzip. Bedeutet: Man analysiert die Essgewohnheiten und verändert maximal 20 Prozent davon. „Wir schauen uns die wichtigsten Fehler an. Zum Vergleich: Wenn Sie im Haushalt Geld sparen wollen, fangen Sie ja auch nicht beim Spülmittel an, sondern gucken, wo der Großteil der Kohle hinfließt.“

Snacks sind oft billige Kohlenhydrate

Der häufigste Fehler sei das sogenannte Snacking. „90 Prozent der Deutschen snacken – und zwar vornehmlich billige Kohlehydrate. Die Bauchspeicheldrüse ist dadurch im Dauerstress.“ Dieses Verhalten sei leider auch auf Empfehlungen, die lange Zeit propagiert worden seien, zurückzuführen. „Wir Mediziner müssen auch eigene Fehler eingestehen“, sagt der gebürtige Uetersener. „Jahrelang haben wir häufige kleine Mahlzeiten empfohlen – aus heutiger Sicht ein Drama. Heute wissen wir, dass größere Intervalle viel gesünder sind. Lange wurde auch dazu geraten, mit Fructose zu süßen. Völliger Quatsch! Dadurch verfettet die Leber und Patienten werden geradezu in den Typ 2-Diabetes getrieben.“

Wie sieht also der perfekte Ernährungsplan aus Sicht des Diabetologen aus? Zum Frühstück sei ein selbst gemachtes Müsli (gekauftes enthalte meist viel zu viel Zucker!) mit fettarmem Joghurt und Beerenfrüchten optimal. „Wer das nicht mag, sollte ein Vollkornbrot und ein Ei essen.“ Mittags sei Salat prima, allerdings müsse man die Eiweißzufuhr beachten: „Also ein bisschen Käse oder Lachsstreifen dazu - sonst hält der Salat nicht vor und man sitzt zwei Stunden später wieder in der Snacking-Falle“, warnt Dr. Matthias Riedl.

Smoothies oder Latte sind auch Snacks

Übrigens zählten auch ein Smoothie oder ein Latte macchiato zu den Snacks. „Da ist oft Zucker drin oder im Fall der Kaffeespezialität zumindest viel Milch.“ Softdrinks sollten vollkommen tabu sein. „Eine kleine Dose Cola liefert schon die Zuckermenge, die wir pro Tag maximal aufnehmen sollten.“

Beim Abendessen, aber auch grundsätzlich, sei Gemüse unverzichtbar. „400 bis 500 Gramm sollten es schon täglich sein.“ Gemüse führe zu einem nachhaltigen Sättigungsgefühl. Der große Vorteil: „Dann fällt der Beikonsum des ganzen Schrotts weg.“ Brokkoli gilt derzeit als der „Star“ in der Diabetesforschung: „Die Wirkung gilt als anti-diabetisch und krebshemmend.“ Auch Nüsse, das ist bekannt, seien sehr gesund. „Für mich sind sie fast ein Medikament. Da gibt es keine Obergrenze. Essen Sie, bis sie satt sind.“

Ernährungsumstellung unbedingt versuchen!

Für eine Ernährungsumstellung sei es nie zu spät, so der Experte. „Ich kenne Fälle, in denen der behandelnde Arzt Insulin verschreiben wollte und die Patienten abgelehnt habe, weil sie es erst mal selbst mit einer Umstellung ihrer Ernährung probieren wollten.“ Das Ergebnis: Nach sechs bis zwölf Monaten sei die Krankheit verschwunden.

„Ich wünsche mir, dass jeder Diabetiker eine Ernährungsberatung bekommt“, sagt der Arzt, der an der Universität Hamburg auch Medizinstudenten unterrichtet. „Die Ernährungsumstellung darf auch mal scheitern, aber man sollte es zumindest versuchen.“

Auch Tipps, wie man während der Grippezeit sein Immunsystem stärkt, hat der Internist, der als kleiner Junge Förster werden wollte: „Bewegung an der Luft, gern im Wald, ist wichtig. Außerdem viel Schlaf. Und, da schließt sich der Kreis: immer auf die Tagesdosis Gemüse achten.“