Digitale Sprechstunde

Das Implantat, mit dem Taube wieder hören können

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Dr. Veronika Wolter trägt selbst ein Cochlea-Implantat.

Dr. Veronika Wolter trägt selbst ein Cochlea-Implantat.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Dr. Veronika Wolter trägt selbst ein solches Gerät. Sie leitet das Cochlea Implantat Zentrum an der Asklepios Klinik Nord.

Hamburg.  Es gibt wohl kaum eine Ärztin, die so genau versteht, wie sich ihre Patienten, von denen die meisten fast gar nichts mehr hören oder schon ganz taub sind, fühlen. Denn Dr. Veronika Wolter ist selbst betroffen, seit sie als neunjähriges Mädchen nach einer viralen Hirnhautentzündung, die damals nicht als solche erkannt wurde, fast ihr gesamtes Gehör verlor.

Ihre Kindheit und Jugend sei nicht einfach gewesen. Plötzlich sei sie, das Mädchen, das bis zur dritten Klasse zu den Besten gehörte, gehänselt und ausgegrenzt worden. Denn ein Kind, das diese Hörgeräte trägt, wie man sie sonst nur von Omas und Opas kannte, das habe man in in den 90er-Jahren in ihrer Heimat Niederweimar, einem 2500 Seelen-Örtchen bei Marburg, noch nie gesehen. „Irgendwie hatte ich aber immer einen starken inneren Antrieb“, erzählt Dr. Veronika Wolter in dieser besonderen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios. „Ich wollte einfach nicht zulassen, dass die Leute, die mich auf eine Sonderschule schicken wollten, Recht behalten. Ich wollte beweisen, dass man auch mit einem Hörschaden etwas erreichen kann.“

Wolter leitet das Cochlea Implantat Zentrum

Und genau das ist der jungen HNO-Ärztin, die seit August 2018 das Hanseatische Cochlea Implantat Zentrum an der Asklepios Klinik Nord leitet, eindrucksvoll gelungen. Nach dem Abitur studiert sie in Leipzig und Hamburg Medizin, arbeitet anschließend an einem Klinikum in München, wo sie ihren Mentor findet, und an der Medizinischen Hochschule Hannover. Auch während der Ausbildung gibt es immer wieder ärztliche Kollegen, die ihr nahelegen, in die Forschung zu wechseln statt am Patienten zu arbeiten. Sie verstehe doch so schlecht. Die im OP-Saal die Musik noch einmal extralaut aufdrehen, so dass die junge Ärztin wirklich gar nichts mehr hört. „Und weil ja alle Mundschutz tragen, fällt das Lippenlesen als Alternative in dieser Situation auch weg“, sagt die Medizinerin. Wieder hält sie durch.

„Ich will, dass sich die Situation für Menschen mit einem Hörschaden verbessert. Mein größter Wunsch wäre natürlich, dass man die irreparabel geschädigten Haarzellen im Innenohr rekonstruieren könnte.“ Forschergruppen an der Elite-Universität Stanford arbeiten derzeit daran, auch in Hannover laufen Versuche.

Pro Jahr erhalten 5000 Menschen in Deutschland ein Cochlea Implant

„Mit Kortison, das weiß man heute, lässt sich der Zelltod aufhalten. Allerdings nur in der Akutsituation, wie zum Beispiel bei einem Hörsturz.“ Für die Kortisontherapie ist es bei vielen Patienten jedoch zu spät, weil der Hörverlust meist schleichend einsetzt und über viele Jahre langsam fortschreitet.

Cochlea-Implantate, wie sie die verheiratete Mutter eines zweijährigen Sohnes seit 2009 selbst trägt und wie sie in Deutschland jedes Jahr bei 5000 Patienten eingesetzt werden, seien die derzeit wohl beste Hörhilfe – vor allem, wenn Hörgeräte nicht mehr reichen. „Im Prinzip ist das ein neues künstliches Innenohr“, erklärt die Spezialistin, die sich einst auch – als dritte Patientin weltweit – ein komplettes Hörgerät implantieren ließ. Mit mäßigem Erfolg.

Mit den Cochlea-Implantaten dagegen, deren Name sich aus dem Lateinischen ableitet (cochlea bedeutet Schnecke), hört sie heute fast glasklar. Etwa zwei Stunden, so Dr. Veronika Wolter, dauere der Eingriff. „Ich nehme mir da immer genug Zeit, um zu schauen, wo genau ich das Implantat platziere, damit es perfekt sitzt und auch nichts verrutscht.“ Neben diesem implantierten Teil gehört zu der Neuroprothese auch ein externer Sprachprozessor, der alles, was gehört werden soll, digitalisiert und als Signal durch die Kopfhaut an das Implantat sendet. „Dieser Teil sieht aus wie ein Hörgerät und wird auch hinterm Ohr, beziehungsweise am Kopf getragen.“

Wer schlecht hört, erkrankt eher an Demenz

Während man noch vor einigen Jahren diese Implantate bevorzugt jungen Patienten einsetzte, werden mittlerweile längst auch über 80-Jährige damit versorgt. „Bestmögliches Hören ist gerade im Alter wichtig“, sagt die Ärztin. Vor Kurzem erst hätten Studien ergeben, dass ältere Menschen, die hochgradig schlecht hören, fünfmal eher an Demenz erkranken als hörende Gleichaltrige. „Ist eigentlich klar: Denn wenn unser Gehirn nicht akustisch stimuliert wird, degeneriert es“, so die Ärztin, die jeden Tag mit dem Rennrad in die Klinik fährt und auch gern mal Halbmarathon läuft.

Das Cochlea Implantat Zentrum, das Asklepios 2013 in Hamburg gegründet hat, biete Patienten den Vorteil, dass von der Beratung über den Eingriff, der rund 30.000 Euro kostet und in der Regel von den Kassen getragen wird, bis zur Nachsorge („auch der Schnellste braucht im ersten Jahr mindestens sieben Termine, die jeweils einen Tag andauern“) alles unter einem Dach stattfinde. „Aufklärung ist besonders wichtig. Es gibt mittlerweile vier verschiedene Hersteller, ein Dutzend Elektroden.

Da braucht es schon ein bisschen Expertise, um dem Patienten individuell das Beste zu empfehlen.“ Niemals aber würde sie einem Patienten, der nicht völlig von dem Implantat überzeugt sei, zu dem Eingriff raten. „Man kann auch mit Taubheit leben, so ist es ja nicht. Und manchmal genieße auch ich es, das Gehör einfach mal auszustellen, zum Beispiel im Sommerurlaub am Pool.“ Diese Erfahrung der absoluten Stille, die würden Normalhörende niemals erleben.

Der Podcast

„Die digitale Sprechstunde“ ist die neue Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild und gibt Auskunft über Vorsorge und Möglichkeiten der Therapie. Die erste Folge und künftig jede weitere Episode hören Sie auf www.abendblatt.de/digitale-sprechstunde/

In der nächsten Folge am kommenden Mittwoch Dr. Harald Daum, Chefarzt der Gefäßchirurgie am Asklepios Klinikum Harburg, über die „Schaufensterkrankheit“.