Digitale Sprechstunde

Rückenschmerzen, Migräne? Dr. Frank weiß, was wirklich hilft

Dr. Gundula Frank leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie an der Asklepios Klinik Nord-Heidberg.

Dr. Gundula Frank leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie an der Asklepios Klinik Nord-Heidberg.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Dr. Gundula Frank klärt in der neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“ auf, was zu tun ist, wenn Schmerzen chronisch werden.

Hamburg. Was tun, wenn die Rückenschmerzen über Monate, vielleicht sogar über Jahre andauern? Wenn es zwar schmerzfreie Phasen gibt, der stechende Migräne-Kopfschmerz aber immer wiederkehrt? Kurz: Was tun, wenn Schmerz längst kein Warnsignal des Körpers mehr ist, sondern eine eigenständige Erkrankung? „Wir sprechen von chronischen Schmerzen, wenn sie länger als drei Monate, in manchen Fällen länger als sechs Monate anhalten“, sagt Dr. Gundula Frank in der neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Gesundheitspodcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Zwischen fünf und 30 Millionen Deutsche leiden Schätzungen zufolge unter chronischen Schmerzen, doch die Zahlen schwanken eben sehr. „Das liegt daran, dass die Definition von Schmerz schwierig ist und stark von der eigenen Wahrnehmung und der individuellen Leidensfähigkeit abhängt“, sagt die Anästhesistin, die das Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie an der Asklepios Klinik Nord-Heidberg leitet. „Es ist zum Beispiel sehr gut möglich, dass ein Patient, der seinen Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10 bei 4 einstuft, genauso heftig leidet wie ein anderer, der seinen Schmerz mit 8 skaliert.“

40 Jahre Rückenschmerzen – geheilt

Fast die Hälfte der Patienten komme wegen anhaltender Rücken- oder Nackenbeschwerden, sagt die Schmerzexpertin. Gerade erst habe sie einem Mann helfen können, den 40 Jahre lang der Rücken schmerzte. „Eine unvorstellbar lange Zeit. So etwas mag auch daran liegen, dass manche Ansätze der Schmerztherapie früher schlicht noch nicht bekannt waren und man gemeinhin vielleicht auch dachte: Schmerztherapie? Da werden ein paar Opiate verschrieben, und das war’s dann.“

Längst habe sich bei der Behandlung chronischer Leiden viel getan. Dr. Gundula Frank setzt mit ihrem Team auf die sogenannte multimodale Therapie. „Wie dieser Name sagt, wollen wir auf vielfältige Weise helfen“, sagt die Mutter von drei Kindern (15, 19 und 21 Jahre alt). „Unser Team besteht aus Kollegen verschiedener Fachrichtungen, von der Neurologin über den Orthopäden bis hin zu Physio- und Ergotherapeuten.“ Bei diesem ganzheitlichen Ansatz habe man Zugriff auf viele verschiedene Ideen. „Und da ist die Wahrscheinlichkeit natürlich groß, dass mindestens eine davon dem Patienten richtig gut hilft.“

Warteliste reicht schon jetzt bis Januar 2020

Über zehn Tagesklinik-Plätze und acht Betten verfügt das Zentrum, doch der Bedarf ist ungleich höher: Die Warteliste reicht schon jetzt bis Januar 2020. „Wir schauen uns aber natürlich jeden Patienten an und entscheiden dann nach Dringlichkeit, ob nicht zum Beispiel eine stationäre Therapie eine Alternative sein könnte.“ Und was sind die Voraussetzungen für eine Aufnahme in das vierwöchige Therapieprogramm? „Eine Kernfrage ist immer: Wie stark ist die Lebensqualität eingeschränkt? Ist der Patient zum Beispiel nicht mehr arbeitsfähig, dann besteht absoluter Handlungsbedarf“, sagt die Medizinerin, die selbst am liebsten mit Yoga und bei der Gartenarbeit entspannt.

Auch Stress kann Schmerzen auslösen

Zudem müsse zunächst eine von einem Facharzt angeleitete Therapie erfolgt sein. Konkret bedeutet das: Der Patient hat Rückenschmerzen, sucht den Hausarzt auf, der ihn dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Orthopäden überweist, der dann behandelt und unter anderem womöglich auf Physiotherapie setzt. Sollte dann nach einigen Wochen keine Besserung einsetzen, müsse man auf die psychisch-sozialen Komponenten schauen, sagt die Schmerztherapeutin. „Stress, beruflicher Druck, familiäre Probleme – all das kann auch chronische Schmerzen auslösen. Und es gab eine Zeit, in der diese Dimension leider gar nicht bis zu wenig beachtet wurde.“

Doch wie ist der Ablauf in der Tagesklinik? Über einen Zeitraum von einem Monat seien die zehn Patienten wochentags von acht bis etwa 17 Uhr in der Klinik, vier bis sechs Stunden davon seien Therapie, allein und in der Gruppe. Es gebe ein gemeinsames Mittagessen und eine tägliche ärztliche Visite. Zudem stehe „Unterricht“ auf dem Stundenplan. „Denn ein großes Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe. Es geht vor allem darum, dass unsere Patienten lernen, mit ihrem Schmerz umzugehen“, sagt Dr. Gundula Frank. Denn, und da müsse man realistisch sein, komplette Schmerzfreiheit bleibe für die meisten ein Traum. „Fakt ist aber, dass sich unsere Patienten, die oft auch nach dem Programm mit ihrer Gruppe engen Kontakt halten, fitter fühlen und dass sie ihren Schmerz auf der Skala im Schnitt zwei bis drei Punkte milder einstufen als zu Beginn.“

Handbuch gegen den Schmerz

Für alle Leidenden, die noch nicht in Behandlung sind, hat die Schmerzexpertin noch zwei Lektüretipps: „Schmerz – eine Herausforderung“ von Hans-Günter Nobis, Roman Rolke und Toni Graf-Baumann (Springer Medizin Verlag) sowie das „Handbuch gegen den Schmerz: Rücken, Kopf, Gelenke, seltene Erkrankungen“ (ZV Verlag). „Wer das liest, ist besser informiert als alle, die nur Dr. Google befragen.“

Gesundheitspodcast mit Asklepios

„Die digitale Sprechstunde“ ist die Gesundheitsgesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche beantwortet ein Experte die Fragen von Vanessa Seifert.

Nächste Folge: Privatdozent Dr. Gunther Harald Wiest, Chefarzt der Abteilung für Lungenheilkunde am Asklepios Klinikum Harburg, über die Möglichkeiten der Therapie bei Lungenkrebs sowie über die richtige Prävention.

Haben Sie Anregungen zu diesem Format? Schreiben Sie uns eine E-Mail an sprechstunde@abendblatt.de