Meine wilden Zwanziger

Endlich: Wir haben die Lizenz zum Entschleunigen

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Annabell Behrmann
Annabell Behrmann ist Redakteurin des Abendblatts.

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

… und das von Merkel angeordnet. Warum muss erst ein Virus kommen, damit wir aufhören, ständig Erlebnissen hinterherzujagen?

„Lass uns etwas Aufregendes unternehmen!“, schlug mein Freund am Wochenende vor. Ich schaute ihn schief an. „Shoppen? Kino? Tennis spielen?“, fragte ich ironisch. Doch es war ihm ernst. Statt des üblichen Quarantänepfads von der Haustür bis zum Park und wieder zurück wählten wir eine neue Strecke zum Spazierengehen. Und wissen Sie was: Das war besser als ein neuer Bond-Film.

Vor Corona bedeutete „etwas Aufregendes unternehmen“ für mich, spontan an die Ostsee zu fahren. Oder mit Freunden was trinken zu gehen. Mein Terminkalender sieht inzwischen so aus, als hätte ich mehrere Wutanfälle gehabt. Alle geplanten Erlebnisse der nächsten Wochen habe ich wild durchgekritzelt. Treffen mit Isi – fällt aus. Flos Geburtstagsparty – gecancelt. Basketballspiel der Towers in der Barclaycard Arena – ha ha.

"FOMO" gilt als Social-Media-Krankheit

Bis auf ein paar Geburtstage sind die Seiten im Kalender leer. Doch das fühlt sich gar nicht so schlimm an wie gedacht. Die Langeweile hat auch etwas Erleichterndes.

Vor längerer Zeit habe ich in einer Kolumne mal davon erzählt, dass ich an „FOMO“ leide. Die Abkürzung steht für „Fear of missing out“ – die Angst, etwas zu verpassen. Jene Momente mit Freunden, von denen man sich noch Jahre später erzählt. Etwa die legendäre Party, die am Ende von der Polizei aufgelöst wurde, die man aber niemals vergessen wird.

Die Angst, nicht mitreden zu können, wird durch die sozialen Netzwerke verstärkt. Instagram präsentiert einem in Echtzeit die Erlebnisse, an denen man nicht teilnimmt. Die anderen reisen um die Welt, die anderen lassen es in der Stammkneipe krachen. Ohne dich. Und das reiben sie dir mit ihren Bildern und Videos unter die Nase. Mit dem Handy kann man live verfolgen, wie viel Spaß die anderen Menschen gerade haben (oder vorgaukeln zu haben). Deshalb gilt „FOMO“ auch als Social-Media-Krankheit. Besonders anfällig ist die junge Generation.

Coronakrise zwingt einen zur Ruhe

Wenn Corona etwas Positives mit sich bringt, dann das: Es zwingt einen zur Ruhe. Der Druck, etwas Aufregendes unternehmen zu müssen, um mit dem spannenden Leben der anderen mithalten zu können, ist verpufft. Wir haben von der Bundeskanzlerin höchstpersönlich die Anordnung erhalten, auf dem Sofa zu gammeln und „Gossip Girl“ auf Netflix zu schauen. So habe ich Angela Merkel zumindest interpretiert. Man muss kein schlechtes Gewissen mehr haben, zu Hause zu bleiben. Im Gegenteil.

Corona hat diejenigen, die das Glück haben, im Homeoffice arbeiten zu dürfen, alle gleich gemacht. Morgens wandere ich vom Bett unter die Dusche, dann an meinen Arbeitsplatz am Esstisch. Nach Feierabend lege ich mich auf die Couch, dann wieder ins Bett. Ab und zu bringe ich den Müll runter, gehe einkaufen oder spazieren. Dabei weiß ich: Die anderen langweilen sich auch.

Das sehe ich an den Fotos, die sie von ihren nach Farben sortierten Kleiderschränken posten. Oder von den drei verschiedenen Kuchen, die sie innerhalb der letzten 24 Stunden gebacken haben. Niemand geht feiern. Alle putzen nur ihre Fenster. Bye-bye „FOMO“!

Wir müssen aufhören, Erlebnissen hinterherzujagen

Das Einzige, was uns noch neidisch machen kann, sind Angeberbilder von aufgeräumten Homeoffice-Plätzen. Aber die halten sich noch in Grenzen. Corona schickt uns in die Zwangspause. Zur kollektiven Entschleunigung. Erschreckend daran finde ich, dass erst ein Virus kommen muss, damit wir aufhören, Erlebnissen hinterherzujagen. Als hätten wir nur nach einer Legitimation gesucht, uns zu langweilen. Denn mal ehrlich: Eigentlich liebt es doch jeder, mal einen Abend auf der Couch zu verbringen. Dafür brauchen wir doch keine Entschuldigung.

Wir sollten auch in Zukunft darüber nachdenken, warum wir zu Partys gehen und bis 2 Uhr nachts in der verschwitzten Menge warten, bis der angesagte Star-DJ endlich auflegt. Weil wir es wirklich wollen? Oder weil wir denken, wir müssen mit dem aufregenden und angeblich besseren Leben der anderen mithalten? Weil wir jung sind und man so was von uns erwartet?

Meine Freundin Isi fragt mich immer, was ich am Wochenende mache. Seit ein paar Wochen antworte ich ihr: „Nichts – und du?“ – „Auch nichts.“ Und das ist völlig in Ordnung. Auch dann, wenn Corona uns nicht mehr zur Erholung zwingt.

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