Meine wilden Zwanziger

Wann kann ich Freunde wieder in den Arm nehmen?

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Das Virus verändert unser Leben – aber es darf nicht uns verändern. Vielleicht sollten wir schon mal mit einem Lächeln anfangen.

Hamburg. Spazierengehen ähnelt in Zeiten von Corona einem Hindernislauf. Am Wochenende kam mir eine junge Frau auf dem Gehweg entgegen. Als sie nur noch wenige Meter von mir entfernt war, atmete sie tief ein. Offensichtlich hielt sie die Luft an, während sie an mir vorbeiging. Ein Paar wechselte die Straßenseite. Andere Fußgänger liefen einen weiten Bogen um mich. So wie ich um sie. Beim Bäcker hielt eine Dame, die hinter mir in der Schlange stand, fünf statt eineinhalb Meter Sicherheitsabstand. Um Mund und Nase hatte sie einen dicken Schal gewickelt. Ihr Blick verriet, wie unwohl sie sich fühlen musste, unter Menschen zu sein. Nicht nur das Coronavirus ist gerade unser aller Feind. Auch die Angst.

Ich weiß, dass unser distanziertes Verhalten genau richtig und notwendig ist, um sich selbst und andere Menschen zu schützen. Es rettet Leben. Vor Corona hätten wir es noch als unsozial bezeichnet, seinen Mitmenschen derart offensichtlich aus dem Weg zu gehen. Jetzt ist der tägliche Hindernislauf im Supermarkt, Treppenhaus und Park ein Ausdruck von Rücksicht. Solidarität. Und Miteinander. Dennoch: Daran gewöhnt, dass wir in anderen Menschen vor allem potenzielle Virenschleudern sehen, habe ich mich noch nicht.

Mein Freund sagt immer, ich sei ein Herdentier. Unter Menschen fühle ich mich am wohlsten. Beim Tennis spiele ich lieber Doppel als Einzel. Fußballspiele schaue ich am liebsten mit möglichst vielen Gleichgesinnten im Stadion. Gut, das Ed-Sheeran-Konzert im Sommer 2018 auf der Trabrennbahn mit 80.000 Fans war zu viel des Guten (was für eine absurde Vorstellung gerade). Davon abgesehen habe ich aber keine Berührungsängste, nehme Menschen furchtbar gern in den Arm. Doch gerade ist alles anders.

Corona: Die Sehnsucht nach den Kollegen

Bevor ich die Wohnung verlasse, schaue ich durch das Guckloch in der Tür, ob sich auch ja keine Nachbarn im Treppenhaus tummeln. Normalerweise macht es mir Spaß, mit ihnen zu quatschen. Zwar wünsche ich mir nichts sehnlicher, als wieder mit meinen Kollegen im Büro zu sitzen. Gleichzeitig frage ich mich, wann es wieder möglich sein wird, sich mit einem guten Gefühl gemeinsam in der Küche Mittagessen zu kochen. Eine heilige Prozedur bei uns. Wie werden wir uns künftig verhalten, wenn Corona eine immer kleinere Rolle spielt? Wie verändert das Virus langfristig unser Zusammenleben?

Bisher galt es in unserer Gesellschaft als gute Sitte, sich bei der Begrüßung die Hände zu schütteln. Jetzt zucke ich zusammen, wenn ich alte Fernsehaufnahmen sehe, auf denen sich Menschen die Hände reichen. Seid ihr denn des Wahnsinns?! So übertragen sich Krankheiten! Spätestens mit Covid-19 müssen wir uns fragen, ob wir dieses Begrüßungsritual überhaupt noch wollen. Setzt sich stattdessen vielleicht der lässige Ellenbogencheck durch? Diesen Anblick finde ich allerdings noch sehr gewöhnungsbedürftig.

Wie sieht es mit den anderen Verhaltensweisen aus, die wir uns während der Kontaktsperre aneignen? Halten wir weiterhin eineinhalb Meter Abstand zueinander? Gehört Desinfektionsmittel ab sofort in jede gut ausgestattete Damenhandtasche? Und was ist mit unserem Reisefieber? Werden wir uns mehr auf die Natur vor der eigenen Haustür besinnen?

Was die Menschen von Corona lernen können

Natürlich kann niemand die Zukunft voraussagen. Schon gar nicht, wenn wir nicht einmal wissen, wann Corona besiegt sein wird. Aber ich würde mir für die Zeit danach ein paar Dinge wünschen: Bitte lasst uns nicht zu Eigenbrötlern werden, die Gesellschaft meiden. Trotz der physischen Entfernung nehme ich gerade einen unglaublichen Zusammenhalt wahr. Rentner, die Masken für Krankenhäuser nähen. Nachbarn, die für Ältere einkaufen gehen. Ärzte, die für uns alle ihr Leben riskieren.

Die Frage „Wie geht es dir?“, die zu oft nur noch aus reiner Höflichkeit gestellt wurde, gewinnt ihren Wert zurück. Wir beginnen wieder, uns ehrlich füreinander zu interessieren. Das ist wunderbar. Ich wünsche mir, dass wir uns das Mitgefühl für andere bewahren. Dass wir Kassierern, Busfahrern und Erziehern noch häufiger ein Lächeln schenken, weil wir endlich begriffen haben, was sie leisten. Dass wir nicht auf Umarmungen verzichten. Aber vor allem hoffe ich, dass wir aus dieser Zeit lernen. Am schlimmsten wäre es, wenn sich nichts ändert.

Corona-Konzert von Scooter live! "I want to stream"