Meinung
Meine wilden Zwanziger

Naturdokus gucken – wie cool ist das denn!

| Lesedauer: 4 Minuten
Annabell Behrmann
Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Früher fanden wir Tierfilme zum Gähnen. Und heute können wir von Bildern unserer schönen Welt nicht genug bekommen . . .

Hamburg. 1400 Menschen in der Laeiszhalle erheben sich von ihren Plätzen und applaudieren. Der Beifall hält minutenlang an. Die per Videokonferenz zugeschaltete Tracy Edwards wischt sich immer wieder Tränen von den Wangen. Meine Augen sind ebenfalls glasig.

Am Dienstagabend war ich bei der Premiere der International Ocean Film Tour in Hamburg. In fünf Kurzfilmen wurden die Geschichten von Menschen auf die Leinwand gebracht, die alle eine besondere Verbindung zum Meer haben.

Eine davon war Tracy Edwards. Sie hat vor gut 30 Jahren Segelgeschichte geschrieben. Die Britin gründete die erste rein weibliche Crew und umsegelte beim berühmten Whitbread-Rennen die Welt. Die Skipperin wurde damals von der männlichen Konkurrenz belächelt. Niemand hatte dem zwölfköpfigen Frauenteam zugetraut, überhaupt am Ziel anzukommen. Als die „Maiden“ im Mai 1990 in Southampton einlief, hatte sich Edwards nicht nur ihren Traum erfüllt, sondern der Frauenwelt zu mehr Gleichberechtigung verholfen. Ihr Antrieb: die Liebe zum Sport. Und die Begeisterung für die Natur und das Element Wasser.

Zum einen war das Publikum tief bewegt von der unglaublichen Willensleistung von Tracy Edwards. Zum anderen teilen viele Menschen ihre Faszination für die Natur. Reisefilme und Naturdokus treffen den Nerv der Zeit. Sie stillen unsere Sehnsucht nach Ausbruch, Abenteuer und fernen Ländern. Gleichzeitig liefern die Geschichten von Aussteigern Inspiration für unser eigenes Leben. Gerade die junge Generation, die früher bei Tierdokumentationen im Biologieunterricht vor lauter Langeweile fast eingeschlafen ist, kann inzwischen gar nicht genug davon bekommen. Zur Premiere der Ocean Film Tour kamen überwiegend junge Leute. Mehr als 200 Veranstaltungen sind in den kommenden Wochen in 13 Ländern geplant.

In den Kinos laufen etliche Filme, die die Wunder unserer Erde zeigen. Auch Netflix bietet diverse Serien an – von „Unser Planet“ über „Wildes Skandinavien“ bis hin zu „Die Erde bei Nacht“. Hinzu kommen eine Reihe an Fernsehformaten wie „Wunderschön!“ und „Terra X“. Sie holen den Zuschauer vom heimischen Sofa ab und reisen gemeinsam mit ihm um die Welt.

Durch die Reiselust, die immer mehr Menschen packt, wächst auch die dazugehörige Filmbranche. Hinzu kommt: Heutzutage kann jeder mit der GoPro ein Video von seinem Urlaub drehen. Das mache ich auch. Die kleine Kamera setze ich auf meinen Skihelm oder schraube sie an den Mountainbike-Lenker. Dann muss ich nur noch den Knopf drücken – und die GoPro liefert mir qualitativ brauchbare Bilder, die ich anschließend mit einem Programm zusammenschneiden kann. Dafür muss man kein Profi-Dokumentarfilmer sein. Auf diese Weise verdienen viele Reiseblogger eine Menge Geld. Weil wir uns an der Schönheit der Natur einfach nicht sattsehen können.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum ich Naturdokus so liebe: Sie entspannen mich. Wenn Delfine durch das Meer gleiten, Löwen majestätisch durch die Savanne schreiten oder Affen sich durch die Bäume hangeln, vergesse ich jeden stressigen Arbeitstag. Die Stimme von Christian Brückner, der in gefühlt jedem Dokumentarfilm der Sprecher ist, wirkt beruhigender als jede Meditations-CD.

Viele Menschen töpfern, malen oder gehen zum Yoga als Ausgleich zu ihrem Alltag – ich schaue Naturdokus. Was vor einiger Zeit noch uncool war, ist heute Trend in meiner Generation. Natürlich ist es nicht dasselbe, die Welt am Bildschirm zu entdecken. Aber Reisefilme sind eine prima Alternative, wenn der nächste Abenteuerurlaub gerade nicht in Sichtweite ist.

Nicht nur Tracy Edwards bekam am Dienstag Standing Ovations. Als Dean, ein Junge aus den USA mit Downsyndrom, die Bühne betrat, wurde er gefeiert wie ein Popstar. Der Kurzfilm „Dean goes Surfing“ zeigte das Wasser als sein barrierefreies Element. Auch die Dokumentation über Profisurferin Bethany Hamilton, die im Alter von 13 Jahren ihren linken Arm durch die Attacke eines Tigerhais verlor, traf das Publikum ins Herz. All diese Protagonisten haben die Liebe zur Natur gemein. Ihre Geschichten können uns nur berühren, weil Filmer sie für uns festgehalten haben.

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