Meinung
Meine wilden Zwanziger

Muss ich jetzt wirklich über Corona schreiben?

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Corona: Es gibt nur einige Verstrahlte. Wir alle sehnen uns nach Normalität. Freunde treffen, essen gehen, Partys feiern.

Vor drei Wochen war ich noch traurig, dass wir unseren Familienskiurlaub nach Südtirol abgesagt haben. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Region zwar noch nicht als Risikogebiet eingestuft. Doch immer mehr Coronainfizierte kehrten aus Südtirol zurück nach Deutschland. Wir hatten kein gutes Gefühl mehr.

Bereits nach wenigen Tagen spielte der gecancelte Urlaub keine Rolle mehr. Die Welt hat gerade echt andere Probleme. Trotzdem wollen viele Menschen ihre Normalität noch nicht loslassen und sorgen sich vor allem, wann sie endlich wieder verreisen können. Darum geht es jetzt nicht. Auch wenn wir alle uns nach einem Lichtblick sehnen. Mir geht es genauso. Wann kann ich wieder ins Volksparkstadion gehen? Werde ich in diesem Jahr noch ein Konzert besuchen können? Oder eine Geburtstagsparty? Oder meine Großmutter?

Mein erster Blick: auf den Coronaliveticker

Am liebsten hätte ich diese Zeilen nicht über das Coronavirus geschrieben. Seit Tagen und Wochen dominiert das Thema unser aller Leben. Im Abendblatt und anderen Zeitungen existiert kaum ein Artikel, der nicht mit Covid-19 infiziert ist. Mein erster Blick gilt morgens dem Coronaliveticker auf dem Handy. Den gesamten Tag über verfolge ich die aktuellen Entwicklungen. Und höre erst wieder auf, wenn ich abends im Bett liege. Brauchen wir nicht dringend eine Verschnaufpause? Muss ich Ihnen wirklich auch noch etwas darüber erzählen?

Experten raten uns, sich nicht permanent die volle Coronanachrichtendröhnung zu geben. Sich auch mal Auszeiten zu gönnen. Gern würde ich Ihnen mit dieser Kolumne zumindest ein paar Minuten zum Durchatmen verschaffen. Vielleicht wird es mir in den kommenden Wochen gelingen. Aber im Moment fühlt sich jedes andere Thema als Corona belanglos an.

Corona: Es gibt nur einige Verstrahlte

Es wäre falsch, über fröhliche Anekdötchen aus meinem Alltag zu schreiben. Die junge Generation ist (bis auf einige Verstrahlte) nämlich nicht ignorant.

Ich möchte Ihnen von Petra­ erzählen. Petra ist Italienerin. Sie hat mir das Skilaufen beigebracht, als ich drei Jahre alt war. Seitdem verbindet uns eine Freundschaft. Jedes Jahr haben wir uns in Südtirol in die Arme geschlossen. Dieses Jahr nicht. Petra ist mit ihren zotteligen roten Locken eine Frohnatur. Einer der positivsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Am Wochenende hat sie mir eine Sprachnachricht geschickt. Sie sagte, die Situation in Norditalien sei hart. Wirklich hart. Sie hoffe, in Deutschland komme es nicht so weit. In ihrer Stimme lag eine unerträgliche Schwere.

Mal wieder den Schläger in die Hand nehmen...

Wie oft habe ich geflucht, wenn ich nach der Arbeit müde war und abends noch zum Tennistraining musste. Was würde ich jetzt dafür geben, wieder einen Schläger in den Händen zu halten. Sich im Restaurant mit Freunden zu verabreden war das Normalste der Welt. Jetzt kann ich außer Haus weder etwas essen gehen noch meine Freunde treffen. Einkaufen war bis vor Kurzem eine lästige Pflichtaufgabe für mich. Inzwischen ist der Supermarktbesuch neben dem Spaziergang im Park mein Tageshighlight. Und ja, es bricht mir das Herz, meine Eltern im Moment nicht in den Arm nehmen zu können.

Weil ihre eigene Tochter ein gesundheitliches Risiko für sie darstellt. Dennoch bin ich unendlich dankbar dafür, dass es ihnen gut geht.

Homeoffice: Blöd, aber ich bin froh, einen Job zu haben

Die meisten von uns sind so privilegiert. Immer noch. Wenn ich rausgehe, sauge ich die frische Luft und die Sonnenstrahlen in mich auf. Jede Minute, die ich meine Freunde beim FaceTimen auf dem Handybildschirm sehe, genieße ich. Lebensmittel sind wieder wertvoll. Die Reste werden nicht einfach in den Müll geschmissen, sondern wiederverwertet. Homeoffice kann ich auf die Dauer zwar nicht leiden, weil mir meine Kollegen schrecklich fehlen. Aber ich bin froh, einen Job zu haben.

In diesen Zeiten wünschen wir uns nicht nur ein höfliches „Gesundheit“, wenn jemand niest. Die Verkäuferin beim Bäcker sagte heute Morgen bei der Verabschiedung: „Passen Sie gut auf sich auf!“ Unter vielen E-Mails steht nicht mehr nur „Mit freundlichen Grüßen“, sondern „Bleiben Sie gesund.“ Gesundheit ist eben das Wichtigste. Daran werden wir gerade erinnert. Und während wir uns nach Normalität sehnen, hoffe ich, dass wir sie zu schätzen wissen, wenn wir sie endlich zurückhaben.