Meinung
Meine wilden Zwanziger

Wer nimmt die letzte Scheibe im Brotkorb?

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Ja, es gibt sie: die ganz alltäglichen Momente, in denen sich plötzlich Abgründe des Menschlichen auftun ...

Kürzlich bei einem Abendessen unter Freunden: Mein Magen knurrt. Den ganzen Tag über habe ich so gut wie nichts gegessen. Kein Moment, in dem man mich auf das letzte Stadtderby ansprechen sollte. Der Kellner bringt den rettenden Brotkorb an unseren Tisch. Nach wenigen Griffen ist er fast leer – nur eine Scheibe bleibt liegen. O nein. Das Anstandsstück. Die tickende Zeitbombe, die jede Freundschaft auf die Probe stellt. Der Grund, warum Familien schon ihr Testament geändert haben. Der Gruß des Teufels, der unsere dunkelste Seite zum Vorschein bringen kann.

Der Kampf ist eröffnet.

Ich beobachte meine Freunde in der Runde. Jeder will die letzte Scheibe Brot haben. Aber keiner traut sich zuzugreifen. Das gehört sich nicht! Das ist gierig! Unsere gesellschaftlichen Gepflogenheiten verlangen von uns zu verzichten. Nur unverschämte Menschen wagen es, ungefragt das letzte Stück zu nehmen. Und wer will bitte so dreist sein?

Einer schielt nervös auf das Weißbrot. Die andere erwähnt zum dritten Mal, was für einen Hunger sie doch habe. Der Dritte hält es nicht mehr aus: „Möchte noch jemand die letzte Scheibe essen?“, fragt er. Alle schütteln artig mit dem Kopf. „Nein, nein, iss du ruhig“, sagen wir im Chor. Doch innerlich verfluchen wir ihn. Verdammt, der hatte doch schon zwei Scheiben Brot, der Egoist.

Es gibt rätselhafte Verhaltensregeln, die sich von Generation zu Generation vererben, ohne dass sie jemand hinterfragt. Das letzte Stück nicht zu nehmen, ist eine davon. Warum das so ist? Na darum! Ist halt unhöflich. Wenn man jemanden nach einem Kaugummi fragt, dieser aber nur noch eins hat, darf man auf gar keinen Fall zugreifen. Ein soziales No-Go. Im Gegenteil: Dein Gegenüber erwartet von dir, dass du ablehnst. Dasselbe gilt für den letzten Schluck Wein in der Flasche, das letzte Taschentuch im Paket oder das letzte Stück Pizza im Karton.

Dem einzigen Menschen, dem ich es wirklich abkaufe, aus altruistischen Motiven auf ein Stück Kuchen zu verzichten, ist eine Mutter. Sie ist es gewohnt, sich aufzuopfern. Sie stellt sich gern in den Dienst der Familie und lässt ihren Kindern den Vortritt. Meistens bedient sich dann ihr Ehemann am Kuchen.

Innerhalb der Familie ist man ehrlicher zueinander. Da kommt der Pedant in uns zum Vorschein. Kein Hungriger verzichtet freiwillig auf das letzte Stück Torte und lässt es nur aus Prinzip auf dem Blech verrotten. Frei nach Darwins Survival of the Fittest wird darum gekämpft. Ich bin überzeugt: In manchen Familien werden Statistiken darüber geführt, wer auf den letzten zehn Festen wie viel Torte hatte. Wer sich das letzte Stück vermehrt unter den Nagel gerissen hat, muss womöglich damit leben, das schwarze Schaf der Familie zu sein. Und wehe, er fängt auch noch an zu essen, bevor nicht alle einen Teller vor der Nase haben!

Dass es bei uns in der Redaktion immer familiärer zugeht, merkt man auch daran, dass ohne Hemmungen das letzte Stück verputzt wird. Der Umgang mit dem Anstandshappen ist ein gutes Indiz dafür, wie vertraut man miteinander ist. Bei flüchtigen Bekannten reißt man sich in der Regel eher zusammen.

Jedenfalls: Zum Geburtstag habe ich von Freundin und Kollegin Luka ein prall gefülltes Glas mit Erdbeerbonbons aus den Niederlanden geschenkt bekommen. Sie meinte, die würden mindestens für ein Jahr reichen. Ich stellte das Glas auf meinen Schreibtisch im Büro. Jeder durfte sich gern bedienen. Bereits nach vier Wochen – kurz bevor ich mich in den Urlaub verabschiedete – war es fast leer. Einige Tage tänzelten die Kollegen um die letzten drei Bonbons herum. Während meiner Abwesenheit hat dann einer die Beherrschung verloren ...

Wie kann man das Problem lösen? Sollte den jungen Generationen ein Verbot erteilt werden, die Gepflogenheit an ihre Kinder weiterzugeben? Nein, dafür sind Höflichkeiten ein zu wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Eine Möglichkeit wäre, dass derjenige, der die letzte Scheibe Brot isst, sofort einen neuen Korb ordert. Das setzt allerdings voraus, dass Restaurants ihren Brotvorrat aufstocken. Eine andere Variante: Man teilt die letzte Scheibe geschwisterlich. Aber nur, wenn keiner vorher ein Brot mehr gegessen hat, als ihm zustand ...