Meinung
Meine Wilden Zwanziger

Wie geht die Welt ohne Google Maps?

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Ich gebe zu: Ich verlasse mich gern auf die intelligente Landkarte im Smartphone. Und ja, ich landete schon im dunklen Wald ...

Meine Freundin Isi wohnt zehn Autominuten von mir entfernt. Zu den ersten fünf Verabredungen ließ ich mich von Google Maps navigieren. Erst kannte ich den Weg nicht. Dann hatte ich ihn mir nicht eingeprägt. Und später wollte ich nicht riskieren, mich eventuell doch zu verfahren, und schaltete sicherheitshalber die Navigation auf dem Handy ein. Beim sechsten Treffen bei Isi schämte ich mich für meine Google-Maps-Abhängigkeit und fuhr todesmutig auf eigene Faust zu ihr. Und: Ich bin tatsächlich angekommen. Wahnsinn, was man sich alles merken kann … Google Maps hat am vergangenen Wochenende seinen 15. Geburtstag gefeiert. Angefangen hat alles mit drei Unternehmen, die Google aufgekauft hat: einem Satellitenbilderdienst, einer Firma, die digitale Karten- und Routenanweisungen entwickelte, und einem Start-up, das Verkehrsdaten erfasste. Google führte die Fähigkeiten der Unternehmen zusammen und kreierte 2005 Google Maps – damals konnte man sich Wegbeschreibungen noch am Computer ausdrucken, erst zwei Jahre später kam die App für das Smartphone auf den Markt.

An ein Leben ohne Navigationsgerät kann ich mich kaum noch erinnern. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass sich meine Eltern mit faltbaren Landkarten aus Papier zurechtfanden. Jede entferntere Autofahrt muss eine Abenteuerreise gewesen sein. Früher hat man sich Tage vorher eine Route herausgesucht und ins Gedächtnis eingeprägt. So einige Ehekrisen sind ausgebrochen, weil der Beifahrer die Karte nicht lesen konnte. Halb so schlimm: Wer sich verfahren hatte, hielt am Straßenrand an und fragte Fußgänger nach dem Weg. Würde heute jemand neben mir das Fenster herunterkurbeln, würde ich eher eine Entführung statt einen verirrten Autofahrer vermuten.

Ich bin nicht orientierungslos. Aber ich verlasse mich gern auf mein Smartphone. Google Maps erleichtert meinen Alltag, und ich verlerne zunehmend, ohne klarzukommen. Wenn ich aus der Bahn steige und zu Fuß ein neues Restaurant im Schanzenviertel suche, orientiere ich mich an der digitalen Landkarte auf meinem Handy. Ebenso navigiert sie mich mit dem Auto zu Terminen oder in einer fremden Stadt zu Sehenswürdigkeiten. Google Maps gibt mir Sicherheit und übernimmt als Routenplaner, Staumelder, Reiseführer und Restaurantfinder das Denken für mich. Dadurch habe ich mehr Platz für andere Gedanken. Ich kann mich auf das Autofahren konzentrieren, ohne mich zu sorgen, pünktlich an der richtigen Adresse anzukommen. Google Maps ist für mich – und mehr als eine Milliarde andere Menschen – zu einem unverzichtbaren Wegbegleiter geworden.

Inzwischen hat mich die intelligente Landkarte auf meinem Smartphone so weit analysiert, dass sie mir morgens automatisch den schnellsten Weg zu meinem Arbeitsplatz anzeigt – obwohl ich ihr niemals freiwillig verraten habe, wo ich arbeite und wohne. GPS macht es möglich. Einzig beruhigend daran: Wenn ich mir unter der Woche mal einen Urlaubstag gönne, will mich Google Maps trotzdem in die Redaktion schicken. So weit ist das System offenbar dann doch – noch – nicht.

Das Denken der Technik zu überlassen ist nicht immer praktisch. Als ich das erste Mal in Bad Bramstedt war, vertraute ich auf ein mehrere Jahre altes Navigationsgerät im Auto. Tja, leider kannte es die neue Straßenführung nicht. Mindestens fünfmal fuhr ich im Kreis und trommelte irgendwann mit den Händen wütend auf mein Lenkrad ein. Erst als ich der Beschilderung folgte, fand ich aus diesem Irrgarten heraus.

Das wäre mir mit Google Maps nicht passiert, weil es immer auf dem aktuellen Stand ist. Allerdings heißt das nicht, dass ich es nicht trotzdem schaffe, mich zu verirren. Neulich steuerten mein Kollege Christopher und ich in getrennten Wagen dasselbe Ziel an. Während ihn sein Gedächtnis führte, setzte ich auf Google Maps. Er kam nach wenigen Minuten an, ich landete hingegen auf einem verlassenen Parkplatz. Das Navi sagte mir, ich solle den Weg durch den dunklen Wald zu Fuß weitergehen. Klasse Idee. Verzweifelt rief ich Christopher an und ließ mir den Weg am Telefon erklären. Am Ende sollten wir wohl doch lieber unserem Verstand vertrauen, statt fremdgesteuert durch die Welt zu laufen.