Unfall von Eppendorf

Der Todesraser fuhr mit Tempo 98 auf der Gegenfahrbahn

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Zeugenaussagen bringen neue Details zu dem Eppendorfer Unfall mit vier Toten. 38-jähriger Verursacher bleibt bis zum Prozessbeginn frei.

Hamburg. Wenige Tage nach dem tragischen Unfall von Eppendorf werden immer neue schockierende Details bekannt: Der 38-jährige Unfallfahrer Alexander S. war offenbar nicht nur deutlich zu schnell und bei Rot gefahren - er raste mit seinem Fiat Punto auch durch den Gegenverkehr. Das bestätigte Polizeisprecher Andreas Schöpflin dem Hamburger Abendblatt auf Anfrage.

Die Ermittlungen des Verkehrsunfalldienstes und des Gutachters sowie Zeugenaussagen hätten ergeben, dass Alexander S. nicht rechts, sondern links an der Verkehrsinsel vorbeifuhr, die die beiden Fahrbahnen der Eppenorfer Landstraße vor der bekannten Kreuzung trennt.

Damit ergibt sich folgendes Bild: Immobilienkaufmann Alexander S. beschleunigt seinen Fiat um 16.44 Uhr auf der Eppendorfer Landstraße aus ungeklärter Ursache auf 98 Kilometer pro Stunde. In diesem Tempo nähert er sich der Kreuzung am Eppendorfer Baum. Die Ampel ist rot, auf beiden Fahrspuren stehen Autos und warten. Wegen des hohen Tempos kann er in der lang gezogenen Rechtskurve offenbar nicht mehr die Spur halten und rast auf die Gegenfahrbahn. Auf der Kreuzung erfasst der Geisterfahrer schließlich ungebremst das Heck des Golf Cabrios von Ulla und Peter Striebeck.

Das Heck des Fiats bricht aus, der Wagen überschlägt sich mehrfach und fliegt in die Menschengruppe an der Fußgängerampel vor der Bäckerei "Backwerk". Dort sterben der Soziologe Günter Amendt, Angela K. sowie der Schauspieler Dietmar Mues und dessen Ehefrau, die Lehrerin Sibylle Mues.

Aufgrund dieser Erkenntnisse wird auch die Möglichkeit eines epileptischen Anfalls des Fahrers - der 38-Jährige soll seit Jahren an Epilepsie leiden - immer unwahrscheinlicher.

Die Polizei hat den Todesfahrer inzwischen für übernächste Woche vorgeladen. Dem 38-Jährigen werde dann "rechtliches Gehör" angeboten, so ein Polizeisprecher. Alexander S. stand während der Fahrt vermutlich unter Drogeneinfluss - das hat ein Urin-Schnelltest gezeigt. Das Ergebnis des Bluttests steht bisher allerdings noch aus, wird aber spätestens in der kommenden Woche erwartet.

Alexander S. war nach dem Unfall kurz vernommen worden und kam dann auf freien Fuß. Laut Staatsanwaltschaft gab es keine Haftgründe wie etwa Fluchtgefahr oder Verdunklungsgefahr, die es gerechtfertigt hätten, Alexander S. in Untersuchungshaft zu nehmen. Dennoch wartet die Polizei seitdem auf ein Lebenszeichen. Er soll zum Unfallhergang vernommen werden. Doch wo er sich derzeit aufhält, sei nicht bekannt, heißt es aus Polizeikreisen.

+++ Kriminologe: Diese Tragödie hätte nie passieren dürfen +++

Mehrere Anrufe habe er nicht beantwortet. Einige Medien spekulieren, er sei bereits untergetaucht. Wie das Abendblatt erfuhr, muss sich Alexander S. jedoch nicht zu dem Fall äußern, etwa wenn er sich anwaltlich vertreten lässt und sein Rechtsbeistand "rechtliches Gehör" ablehnt. Spätestens jedoch im Fall einer Anklage wird er vor Gericht erscheinen müssen.

Auch wenn Alexanders S. in den Augen vieler als Unfallverursacher primär "Täter" ist, ist er doch auch ein Opfer der Vorfälle. Nach dem Unfall stand er unter Schock und nun muss er lernen, mit dem Tod von vier Menschen zu leben. Psychologische Betreuung wurde ihm seitens der Rettungskräfte am Unfallort nicht angeboten. Darum muss er sich privat kümmern.

Psychologen raten in solchen Fällen dringend, Betreuung zu suchen: Nicht zuletzt bestehe in solchen Fällen die Gefahr, dass sich Unfallfahrer wie Alexander S. das Leben nehmen.

Gerade jetzt seien die Eindrücke noch sehr frisch, und ein mögliches Schuldgefühl sowie die große beobachtende Öffentlichkeit können es zusätzlich erschweren, das Erlebte zu verarbeiten, erklärt der bekannte Psychologe Thorsten Kienast, Chef der Psychiatrie und Psychotherapie der Schön Klinik Eilbek. "Der Unfallverursacher bräuchte jetzt einen Anlaufpunkt, an dem er sich frei und diskret öffnen kann."

Über das Schreckliche zu reden, sei der erste Schritt. "In fast 90 Prozent der Fälle erfüllen diese Funktion auch Gespräche mit Freunden und Verwandten." Bei schweren Ereignissen wie diesem könne eine Familie dies aber nicht auffangen. Es gebe effektive Therapiekonzepte. In akuten Fällen wie diesen seien die psychiatrischen Ambulanzen der Hamburger Kliniken die erste Anlaufstelle, da schnell und ohne lange Wartezeiten helfen.