Horror-Unfall in Hamburg-Eppendorf

Mitten im Leben, mitten aus dem Leben

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Hamburg muss den Unfalltod von vier prominenten Künstlern und Wissenschaftlern verkraften. Letzte Worte zu einem allzu plötzlichen Abschied.

Hamburg. Trauer, Bestürzung, Fassungslosigkeit: Der tragische Tod des Schauspielers Dietmar Mues und seiner Ehefrau Sibylle, des Publizisten Günter Amendt und der Künstlerin Angela Kurrer bei einem Verkehrsunfall in Eppendorf am vergangenen Sonnabend liegt wie ein schwerer Schatten auf dem Herzen der Stadt. Ein Weggefährte und Abendblatt-Redakteure nehmen Abschied.

Lieber Dietmar , am Sonntagabend habe ich von diesem so sinnlosen Tod von Dir und Sibylle erfahren und wollte (und will es bis heute) gar nicht glauben, aber Wikipedia hatte es schon zu einer unumstößlichen Gewissheit gemacht. Und das nach einem Wochenende von düsteren Ahnungen und Ängsten um die atomare Katastrophe in Japan.

Ich probiere gerade ein Stück, das mehr im jüdischen Glauben verwurzelt ist: "Anatevka". Und da kann der Milchmann Tevje etwas, was ich jetzt auch mit unserem Gott gerne tun würde, mit ihm schimpfen und streiten, warum das sein musste. Die ganzen Umstände - und ich will die beiden anderen Toten und weiteren Beteiligten dabei nicht vergessen - sind so absurd und klingen so konstruiert wie ein Stück auf dem Theater.

Und da passt es auch, dass wir uns bei einem Stück richtig kennengelernt haben, das mit einem schweren Autounfall anfängt, und man nicht weiß, ob die Figuren, die dann auftreten in diesem New Yorker Restaurant, noch am Leben oder schon im Himmel sind. "After Play" hast Du zusammen mit Hannelore Hoger, Angela Schmid, Gerhard Garbers und Brigitte Janner über 80-mal gespielt, einer der größten Erfolge der Kammerspiele. Der leichte Zynismus und die Ironie des gealterten Drehbuchschreibers Phil Shredman kam Dir dabei als gelerntem Komiker sehr entgegen. Mit welchem trockenen Witz Du die aufbrausenden Temperamente der anderen am Tisch wieder heruntergeholt hast.

Den leicht rauen Klang Deiner Stimme, die nach Bier und Zigaretten, also nach Leben klang und die man bei vielen Hörspielen und Dokumentationen hören konnte, werde ich vermissen. Wie auch den leicht sächsischen Einschlag, der einen lange vor der Wiedervereinigung mit einem Volksstamm versöhnte, den man bis dato nur durch sein Geschnauze an der deutschen Grenze kannte. Und wie Du dann Deinen Landsmann Karl May entdeckt hast, in diesen unvergesslichen chaotischen, überbordenden Abenden auf Kampnagel. Nein, Du hast als gebürtiger Dresdner den Sachsen den Weg gebahnt in Hamburg. Auf YouTube, das ist tröstlich, läuft noch ein kleiner Film von Dir: die Lesung eines Stückes von Zelter in Lisas Polittbüro, in dem Du Dich mit Moni Bleibtreu über den alltäglichen Nutzwert der Philosophie von Heidegger streitest. Eine wunderbare Erinnerung an durchstrittene und durchtrunkene Nächte, nach denen man sich mit Dir immer wieder genauso heftig versöhnen konnte.

Du wirst uns fehlen, mit Deinen verrückten Ideen - wie z. B. der, zu einem Fest außerhalb von Hamburg auch schon mal 100 km mit dem Fahrrad (einem Rennrad natürlich) zu fahren, nur weil Dich Landschaft und sportliche Leistung gleichermaßen interessierten -, mit Deinem Kopf, dem Du abseits aller Moden in Politik und Theater immer treu geblieben bist. Ich denke an Deine, an Eure drei wunderbaren Söhne und wünsche mir, dass - wie damals in "After Play" - der Kellner (oder war es nicht ein Engel?) Raziel auftritt und erklärt, dass das alles nicht wahr ist.

Ulrich Waller, Regisseur und Intendant des St.-Pauli-Theaters

+++ Dietmar Mues: Der bekannte Schauspieler +++

Für die Generation der 68er gehörte Günter Amendts Buch "Sexfront" ebenso zum Leben wie Jimi Hendrix, lange Haare oder die Cordhose. Amendts knallgelber Sexualaufklärer stand bei uns allen, die an "Trau keinem über 30" glaubten, im Regal. Es war ein Aufklärungsbuch für Jugendliche, erkundete in lockerer Sprache den Körper und dessen Funktionen, versicherte uns, dass es Sex nicht nur zwischen erwachsenen Eheleuten gibt, entkrampfte das Thema und gefiel uns auch wegen seiner direkten Sprache und Sprüchen wie "Onanie, Onamanchmal, Onaoft". 500 000-mal verkaufte sich dieser erste Bestseller der Popkultur, für den Jugendversteher Amendt bürgerliche Hasstiraden und sogar Morddrohungen auf sich zog. Noch Anfang der 80er-Jahre gab es zensurähnliche staatliche Eingriffe gegen das Buch, dem der Straftatbestand "Verbreitung pornografischer Schriften" unterstellt wurde.

Damals gab es noch keine Nachmittagtalkshows, in denen Sextechniken oder absonderliche Beziehungsformen vor aller Welt ausdiskutiert wurden. Und anders als heute konnte man weder mit einem Klick bei youporn oder redtube völlig bizarre Sexpraktiken beobachten noch neue Partner bei poppen.de kennenlernen. Bei Amendt ging's um das Politische, das im Privaten liegt, um Verhütung, Abtreibung oder Spaß jenseits von spießigen, prüden, emotional verarmten Elternhäusern. Das gefiel uns. Günter Amendt war Sozialwissenschaftler, Schüler von Adorno und Horkheimer und Mitte der Sechzigerjahre an der kalifornischen Universität Berkeley politisiert worden. Er war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, promovierte mit einer Arbeit über "Das Sexualverhalten von Jugendlichen in der Drogensubkultur". Er arbeitete als Journalist und war Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sexualforschung. Und er war einer der ersten bekennenden Homosexuellen.

Amendt sah gut aus, konnte im Gegensatz zu vielen anderen gut und flockig formulieren, wandte sich aber bald ab von der Sexualforschung und dem Thema Drogen zu, unter anderem weil ihm "die Pornografisierung und das Aufgeilen des Publikums zuwider" waren. Über Drogenhandel, Drogengesellschaft, Drogenkonsum und die Auswirkungen von Drogen auf den globalisierten Markt veröffentlichte er in den vergangenen Jahrzehnten Bücher. Cannabis gehöre genauso zu seinem Leben wie Alkohol, hat er einmal gesagt. Geradezu unfassbar erscheint es da, dass Günter Amendt bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, bei dem der Fahrer bekifft gewesen sein soll. (See)

+++ Günter Amendt: Der berühmte Soziologe +++

Das Laute war ihre Sache nicht. Die Designerin Angela Kurrer liebte die leisen Töne, das Zurückhaltende, sie mochte es sehr privat und zurückgezogen. Werbung für ihre Arbeit hat sie nie gemacht, sie wollte nichts vermarkten. Große Ausstellungen gab es auch nicht. Wer etwas von ihr wollte, hatte über Freunde und deren Mundpropaganda von ihren Arbeiten erfahren. Die gebürtige Göttingerin lebte in Eppendorf, wo sie unweit ihrer Wohnung, in der sich auch ihr Atelier befand, dem Unfall zum Opfer fiel - sie wurde 65 Jahre alt.

Angela Kurrer studierte in Hamburg an der HFBK Design, war Stipendiatin der Villa Massimo in Rom, interessierte sich wie ihr Sohn Roman Raacke (aus der Liaison mit dem Berliner Design-Professor Peter Raacke) für Fotografie und war kreativ auf vielen Feldern: vor allem im Möbeldesign, wobei sie immer minimalistischen Gestaltungsprinzipien folgte. Es waren treffende Ideen, vor allem aber "100-prozentig schöne", wie ein Kenner ihres Werks sagt. Ein Papierkorb aus Papier konnte das sein, ein puristisches Schmuckstück. Mit dem Wort trendy konnte sie nichts anfangen. Sie suchte zeitlos schöne Ideen, für die sie sich immer wieder in der Kunstszene umschaute. Offenbar hat sie gerade damit ein Bedürfnis getroffen, denn sie wurde gebeten, in ihrem Stil ganze Bürohäuser und Anwaltskanzleien einzurichten - was ihr sehr gefiel. Für Angela Kurrer waren neben den puristischen Konzepten auch immer die Menschen wichtig, die sich dafür interessierten. (hjf)

+++ Angela Kurrer: Die engagierte Bildhauerin +++

Lesen Sie dazu auch den Bericht von Sarah Kehne und Gloria Veeser:

Hunderte gedenken der Opfer - Sondersendungen geplant

Zahlreiche Menschen stehen an der Kreuzung Eppendorfer Baum um die niedergelegten Blumen, Briefe und Bilder versammelt. Der Regen löscht die zahllosen Kerzen immer wieder aus, die Trauernden zünden sie immer wieder an. Der kleine Baum an der Unfallstelle ragt kahl aus dem bunten Blumenmeer. Von einem abgebrochenen Ast baumelt ein Kettchen mit einem gläsernen Kreuz. Zahllose Briefe und Bilder bedecken das Beet und die Bänke.

Unter einer weißen Rose liegt der Abschiedsbrief einer jungen Lehrerin, sie hat erst am Morgen erfahren, dass ihre Kollegin Sibylle Mues eines der vier Todesopfer ist: „Das ist alles so surreal. Gerade hatten wir noch darüber geredet, wie es nach den Ferien weitergeht. Jetzt kommt sie nicht mehr wieder. Sie war so ein toller Mensch, sie hat mich mit offenen Armen empfangen als ich im vergangenen Herbst neu an die Schule kam, war immer freundlich und herzlich. Sie wird uns allen so fehlen.“

Am kommenden Montag geht auch an der Marie-Beschütz-Schule, ganz in der Nähe der Unfallstelle, der Unterricht wieder los. Jemand muss den Erstklässlern erklären, warum ihre Lehrerin nicht mehr da ist. Schülerbriefe zeugen davon, wie beliebt Sibylle Mues auch bei den Kindern war: „Sie waren die beste Lehrerin. Mit Ihnen hatte die ganze Klasse Spaß. Ich vermisse Sie sehr“ steht da, mit Buntstift geschrieben, mit Herzchen verziert.

Der weithin sichtbare Farbtupfer im sonst eintönigen Regengrau dieses Montags verleitet jeden zum Innehalten: Jogger, die ihre Runde drehen, Hundebesitzer beim Gassigehen, Mütter mit ihren Kinderwagen, Alte, Junge, niemand geht einfach vorbei. Angehörige und Unbeteiligte treffen sich, trösten sich, tauschen sich aus über das Unfassbare, einige weinen.

Nicoletta Dreger beobachtet die Szene durch die Fensterfront ihrer Bäckerei-Filiale und erinnert sich an den Unglücksnachmittag. Um 16.44 Uhr hatte sie gerade fertig geputzt und wollte nach Hause gehen, als sie den gigantischen Knall hörte. „Es war der reinste Horror“, sagt die Verkäuferin, die alles mitangesehen hat. „Ich habe ständig diese toten Menschen im Kopf“. Frei nehmen kam für Nicoletta Dreger trotzdem nicht in Frage: „Am Sonntag hatten wir extra geschlossen, aber heute wollte ich wieder arbeiten. Zu Hause sitzen ist noch schlimmer.“ Hier könne sie den Schock besser verarbeiten, reden, sich austauschen. Nach der Arbeit möchte sie auch noch eine Kerze kaufen und ein kleines Licht für die Toten anzünden.

Zum Gedenken will der NDR ab Dienstag in mehreren Sendungen in Radio und Fernsehen an die Opfer erinnern. „Dietmar Mues war ein sehr vielseitiger Künstler mit einer ganz breiten Palette von darstellerischen Möglichkeiten. In meiner Erinnerung sind seine Auftritte mit der NDR Bigband unter Dieter Glawischnig besonders präsent", sagte NDR-Intendant Lutz Marmor dem Radiosender NDR Kultur. "Sein tragischer Tod ist sehr traurig und auch für uns ein großer Verlust. Mein und unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen.“

Auch an den Wissenschaftler Günter Amendt will NDR 90,3 in einem Schwerpunkt am Montag, 14. März erinnern. Im „Abendjournal“ ab 18.05 Uhr spricht Patricia Seeger mit Freunden und Wegbegleitern der Verunglückten.