Sicherungsverwahrung Hamburg

Hansestadt sucht neue Bleibe für entlassenen Vergewaltiger

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Konzept für den Umgang mit Hans-Peter W. fehlt immer noch. Zustände in dem Haus, in dem der Mann wohnt, verschlechtern sich drastisch.

Hamburg. Es regnet durchs Dach, die Wände sind feucht, und der kleine Heizlüfter kommt nicht gegen die Herbstkälte an. Wenn die vier Beamten ihre Schicht in dem kleinen Niendorfer Einfamilienhaus beendet haben, riecht deren Kleidung muffig. Ihre Kollegen kommen nur ungern zur Wachablösung. Doch sie müssen. Seit Juli ist der 1981 verurteilte Sexualstraftäter und mittlerweile aus der Sicherungsverwahrung entlassene Hans-Peter W. in Hamburg - und muss rund um die Uhr bewacht werden. Eine Änderung der "menschenunwürdigen Umstände für beide Seiten", wie es André Schulz sagt, Landeschef des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK), ist nicht in Sicht.

Der Ärger unter den Beamten ist groß. Es geht nicht nur um die aufwendige Bewachung eines Mannes, der immer noch als gefährlich eingestuft wird. Es geht vor allem darum, in welchem Umfeld das geschieht. Hans-Peter W. wohnt im Obergeschoss des 90 Quadratmeter großen Hauses. Während er oben an seiner Playstation-3-Konsole spielt, sitzen die vier Beamten im Untergeschoss in einem kargen Raum mit drei Pritschen, offenen Elektrokabeln und einer nackten Glühbirne, die von der Decke baumelt. Sie müssen sich mit dem ehemaligen Sicherungsverwahrten dieselbe Toilette teilen. Es gibt in W.s Stockwerk kein fließendes Wasser. Dafür muss er in den Keller gehen. Spätestens im Winter ist das Haus nicht mehr bewohnbar.

An die Beamten hat W. sich schon gewöhnt. Nach fast 30 Jahren Gefängnis scheint er es sogar zu genießen, jemanden in der Nähe zu haben. Dass es sich um Polizisten handelt, die ihn bewachen sollen und nicht freiwillig Zeit mit ihm verbringen, scheint keine Rolle zu spielen. Oft setzt er sich zu seinen Bewachern und erzählt Geschichten aus dem Knast. Etwa, wie er dort Schnaps gebrannt habe und wie man ihn im Gefängnis verstecken könne.

Geht Hans-Peter W. Zigaretten kaufen, begleiten ihn die Polizisten. Vor Kurzem schlossen sie sich zu einer Reisegruppe wider Willen zusammen. W. wollte Verwandte in Koblenz besuchen. Mit den Polizisten im Schlepptau ging es per Zug in Richtung Süden. Nach drei Stunden stiegen W. und die Beamten dann wieder in den ICE und fuhren zurück nach Hamburg.

20 Beamte sind in wechselnden Schichten im Einsatz. Bis zu 50 000 Euro pro Woche oder 2,6 Millionen Euro im Jahr kostet das - allein für Hans-Peter W. Das kann ab Dezember noch sehr viel mehr werden. In dem Monat nämlich wird der nächste Sicherungsverwahrte entlassen. Es handelt sich um einen dann 60-Jährigen, der in den 80er-Jahren zwei Menschen erdrosselt hat. Nach Abendblatt-Informationen soll der Mann sich bislang jeglichen Therapieangeboten verweigert haben. Der verurteilte Gewaltverbrecher müsste wohl ähnlich aufwendig bewacht werden wie Hans-Peter W. Der personelle Aufwand und damit die Kosten würden sich verdoppeln.

Und es geht noch weiter. Derzeit warten in Hamburg 17 Männer, die im Gefängnis oder in geschlossenen Unterbringungen einsitzen, auf ihre Entlassungen. Grund für die Entlassungen sind nicht etwa positive Sozialprognosen, sondern ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Danach darf eine auf zehn Jahre befristete Sicherungsverwahrung nachträglich nicht verlängert werden (wir berichteten). Und so sehen die Gewerkschaften der Polizei mit Sorge auf die kommenden Monate. "Wegen der Personalknappheit werden immer wieder auch Kripo-Beamte eingesetzt, die eigentlich Straftaten aufklären sollten", sagt BDK-Chef André Schulz.

Ein Umzug von Hans-Peter W. ins schleswig-holsteinische Reinbek wo er womöglich ohne den Tross von Beamten ausgekommen wäre, scheiterte an einer Intervention von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen bei Christoph Ahlhaus (beide CDU).

Dabei gilt W. als freier Mann, auch wenn er Auflagen einhalten muss. Einmal in der Woche muss er auf einer Polizeiwache vorstellig werden und bei seiner Bewährungshelferin. Vorgeschrieben ist auch ein monatlicher Besuch bei der Forensischen Ambulanz des UKE, dort wird seine psychiatrische Behandlung koordiniert. An diese Auflagen hält er sich.

Wie groß die Gefahr ist, die noch immer von Hans-Peter W. ausgeht, wissen die Sicherheitsbehörden nicht. Ein Gutachten liegt noch nicht vor. Ob es Pläne gibt, W. woanders unterzubringen, darüber macht die Stadt keine Angaben, die Informationen unterliegen dem Datenschutz. Senatssprecher Markus Kamrad sagt nur: "Es wird an einer langfristigen Lösung gearbeitet."