Bürgerschaftswahl

Wie Image-Berater Hamburgs Kandidaten beeinflussen

Die Vorbereitungen für den Wahlkampf laufen auf Hochtouren: Peter Tschentscher (SPD, l.) und Katharina Fegebank (Grüne).

Die Vorbereitungen für den Wahlkampf laufen auf Hochtouren: Peter Tschentscher (SPD, l.) und Katharina Fegebank (Grüne).

Foto: dpa

Die Woche im Rathaus: Die großen Parteien haben ihre Wahlkampfberater ausgewählt. Und die haben sehr unterschiedliche Strategien.

Hamburg.  Wahlkampf ist nichts für Weicheier. Nein, dafür braucht man Männer und Frauen mit stahlharten Nerven – und großem Aggressionspotenzial. Von wegen zivilisierter Austausch von Argumenten, pah! Der Kampf um die Macht hat bisweilen eher etwas von Krieg (zumindest hinter den Kulissen, vor denen man sich ja staatstragend und zuvorkommend geben muss). Oder wenigstens von einem Champions-League-Finale, vor dem sich „aggressive leader“ wie Torwartlegende Oliver Kahn mit Adre­nalin vollpumpen, indem sie sich vor die gegnerische Fankurve stellen und sich dort beschimpfen lassen.

"Wenn dein Gegner ertrinkt, wirf dem Hurensohn einen Amboss zu"

So ähnlich jedenfalls stellt es der bekannte Wahlkampfberater Frank Stauss in seinem Buch „Höllenritt Wahlkampf“ dar. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, und wer gegen uns ist, ist unser Feind“, schreibt er über die nötige Autosuggestion. „Nicht ,Gegner‘ oder ,Konkurrent‘ oder vielleicht am Ende gar ,Mitbewerber‘. Bullshit. Feind.“ Und er zitiert einen Satz aus dem US-Wahlkampf: „Wenn dein Gegner am Ertrinken ist, wirf dem Hurensohn einen Amboss zu!“ Nur wer sich mit starken Gefühlen (etwa „Hass“ auf Niederlagen) auflade, halte Strapazen und Verletzungen des Wahlkampfs aus.

Stauss, der schon Wahlkampf für Gerhard Schröder machte und 2011 Olaf Scholz zur absoluten Mehrheit in Hamburg verhalf, ist derzeit wieder in der Hansestadt aktiv. Obwohl er mit der SPD zuletzt bittere Niederlagen eingefahren hat, haben ihn die Hamburger Genossen für den Wahlkampf zur Bürgerschaftswahl im Februar 2020 erneut engagiert. Sein Job: das Image von Bürgermeister Peter Tschentscher schärfen und dafür sorgen, dass die SPD trotz Shrek-lich starker Grüner die Nummer eins bleibt.

Für das Prinzip der guten alten Volkspartei ins Rennen gehen

Das Gerüst der Kampagne steht offenbar bereits. Tschentscher soll demnach als Politiker dargestellt werden, der als Einziger die gesamte Stadt und alle ihre Einwohner im Blick hat – nicht nur einzelne Gruppen. Nicht nur Radfahrer oder Sozialpädagogen aus Ottensen, nicht nur SUV-Fahrer oder Hausbesitzer aus den Walddörfern. Nein, alle! „Der Erste Bürgermeister ist verantwortlich für das Ganze: für Fragen des Zusammenhalts, der Bildungsgerechtigkeit, für Arbeitsplätze und die altersgerechte Entwicklung der Stadt, die sich an der demografischen Entwicklung orientiert“, sagt Stauss.

„Er hat alles im Blick. Und genau das macht einen Großteil der Glaubwürdigkeit der Hamburger SPD aus.“ Damit wird Tschentscher indirekt noch einmal für das Prinzip der guten alten Volkspartei ins Rennen gehen: Nur die SPD schafft es, so die implizite Behauptung, die unterschiedlichen Interessen der Menschen auszutarieren und Kompromisse zu schaffen, mit denen das ganze Stadtvolk gut leben kann.

Verantwortung für eine funktionierende Wirtschaft

Zweite Säule der SPD-Kampagne dürfte die Verantwortung für eine funktionierende Wirtschaft sein – traditionell ein Erfolgsrezept in dieser Kaufmannsstadt. „Die Hamburger SPD hebt sich von der Bundespartei gerade durch die ihr zugeschriebene hohe Wirtschaftskompetenz ab“, sagt Stauss. „Es geht eben nicht nur darum, wie wir zur Arbeit fahren – sondern auch, zu welcher Arbeit wir fahren und ob es diese Arbeit noch gibt.“

Seinem Kandidaten schreibt der Wahlkampf-Experte die Attribute „Vertrauenswürdigkeit, Intelligenz und Neugierde“ zu. Dabei sei Tschentscher „überlegt und beherrscht“ und rede erst, wenn er sich ein Bild gemacht habe. Die Botschaft ist klar: Der Mann ist zwar offen für Neues, aber komische Experimente wird es mit ihm nicht geben.

„Bock auf besser“ ist das Motto der Grünen

Das Image, das die Wahlkampfexperten für Grünen-Frontfrau Katharina Fegebank entwerfen, sieht völlig anders aus. Vor allem auf zwei Unterschiede zu Tschentscher und seinen Sozis dürfte ihre Kampagne abheben: Erstens pflege Fegebank „einen Politikstil, bei dem es kein ‚von oben herab‘ gibt, sondern viel Wert auf Dialog und das Gemeinsame gelegt wird“, sagt Matthias Riegel von der Agentur Wigwam, die bereits für den ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg Wahlkampf gemacht hat – und nun Katharina Fegebank zur Ersten Bürgermeisterin in Hamburg machen soll.

Und zweitens stehe die Kandidatin „für Leidenschaft und Lust auf Zukunft“, so Riegel. „Bock auf besser“ ist das Motto. „Da geht es um Zuversicht und Mut, die Stadt besser zu machen.“ Die Grünen hätten in Hamburg den Vorteil, „dass sie das Fahrwasser genau kennen, da sie schon mitregieren“, so Riegel. „Zugleich wissen sie auch genau, wo sie bisher gebremst wurden. Es geht angesichts mancher verkrusteter roter Strukturen auch darum, künftig nicht nur zu verwalten – sondern endlich mutig zu gestalten“.

Die Grünen haben die Rollen gut verteilt

Wer die Grünen wählt, dem werden also große Veränderungen versprochen. Das macht auch Grünen-Chefin Anna Gallina deutlich. „Wir wollen starke Anreize setzen, damit Hamburg zur klimagerechten Stadt wird. Andere dagegen legen die Hände in den Schoß“, so Gallina. „Wir wollen aufzeigen, wie Hamburg einen Strukturwandel gestemmt bekommt, durch den wir auch in den 20er- und 30er-Jahren in Wohlstand leben können. Da hat Katharina Fegebank von allen die klarsten Vorstellungen.“

Dabei haben die Grünen die Rollen gut verteilt: Während Parteichefin Gallina und Umweltsenator Jens Kerstan den Konflikt mit dem Gegner suchen, gibt sich Spitzenkandidatin Fegebank als eine Art Landesmutter, bleibt stets freundlich, herzlich und verbindlich – und stößt so bis tief ins konservativ-bürgerliche Lager auf Sympathien. Dass sie sich auch mal mit ihren Zwillingen vor dem Senat fotografieren lässt, empfinden manche Genossen zwar als unpassend – die Grünen aber haben das wohlkalkuliert. Für die grüne Urklientel sollen die Babyfotos im Rathaus zeigen, dass moderne Frauen Kinder und Karriere kombinieren. Und dass solche Mutter-Kinder-Bilder nebenbei auch bei anderen Zielgruppen Punkte bringen – das muss ja kein Schaden sein.

CDU will verstärkt mit Anzeigen bei Facebook arbeiten

Am schwersten hat es derweil Marcus Weinberg, der Kandidat der weit abgeschlagenen CDU. „Noch ist er für viele Hamburger ein unbeschriebenes Blatt“, räumt Kerstin Flemming von der Agentur Guru ein, deren Kampagne in Schleswig-Holstein Daniel Günther zum Ministerpräsidenten machte. In Hamburg geht es Guru darum, „das zu schaffen, was die CDU zuletzt oft nicht geschafft hat, nämlich das Herz des urbanen Milieus zu erreichen“.

Die Kampagne werde „authentisch, mutig, überraschend und anders“ sein. Dabei will die CDU verstärkt mit Anzeigen bei Facebook arbeiten, das exakt passende Botschaften sehr gezielt nur in bestimmten Stadtteilen oder an bestimmte Zielgruppen ausspielen kann.

Einerseits soll Weinberg nahbar erscheinen: als Altonaer Familienvater, Vespa-Fahrer und FC-St.-Pauli-Fan. Andererseits will er als „Visionär“ Ideen aus der Von-Beust-Zeit aufgreifen. „Wir wollen das Leitbild ,Wachsende Stadt‘ weiterentwickeln und Wachstum nach heutigen Anforderungen gestalten“, so Weinberg. „Hamburg muss sich ehrgeizige Ziele setzen, Wachstum kreativ, klug, dynamisch und nachhaltig gestalten und dafür viele Menschen gewinnen.“

Regierungsbildung könnte sehr schwierig werden

Bei alldem ist die Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 doppelt besonders. Erstens könnte sie als einzige Landtagswahl des Jahres nachwirkende Signale setzen. Sollte die SPD ihre Führung behaupten, könnte Hamburg den Trend für die ganze Partei ins Positive drehen. Zweitens könnte die Regierungsbildung sehr schwierig werden. Denn nach Umfragen sind sowohl eine rot-grüne oder grün-rote Mehrheit möglich wie auch ein grün-schwarzes oder rot-schwarzes Bündnis.

Der aggressiv geführte Kampf um die Macht könnte also nach der Wahl wochenlang weitergehen – in zähen und von Giftspritzereien begleiteten Koalitionsverhandlungen. Bis zum obligatorischen Versöhnungsbier zwischen den Wahlkampf-„Feinden“ könnte es womöglich Sommer 2020 werden.