Hamburgs bester Stadtteil

Lokstedt – ein Sandwich-Stadtteil, der am schnellsten wächst

Wahrzeichen des Stadtteils und das wohl höchste Einfamilienhaus der Stadt: Der 1910/11 mit neogotischen Formen erbaute Wasserturm an der Buchenallee wird seit Mitte der 1980er-Jahre privat bewohnt.

Wahrzeichen des Stadtteils und das wohl höchste Einfamilienhaus der Stadt: Der 1910/11 mit neogotischen Formen erbaute Wasserturm an der Buchenallee wird seit Mitte der 1980er-Jahre privat bewohnt.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Wo ist es in der Stadt am schönsten? Teil 47 unserer Serie: Bodenständigkeit zwischen Zylinderviertel und Lenzsiedlung.

Hamburg. Die wichtigste Frage gleich zu Beginn: Heißt es jetzt Lokstedt oder Lookstet? Nun, die einen sagen so (kurz und knapp), die anderen so (dänisch-gedehnt, so wie es bis 1866, bis die zackigen Preußen übernahmen, üblich war). Keine zwei Meinungen gibt es zwischen Zylinderviertel und Stellinger Schweiz dagegen auf die Frage nach dem „Stadtteil der Herzen“: Logo, Lokstedt!

Hier wollen alle bleiben – und noch mehr wollen hin. Kaum ein Stadtteil wächst schneller, kaum einer ist insbesondere bei jungen Familien beliebter. Schließt eine Post- oder Bankfiliale, zieht binnen kürzester Zeit eine neue Kita ein. Ist diese Popularität nur ein Gefühl? Vielleicht. Aber eines, das auf jedem frisch freigerissenen Grund zu Fakten aus Beton und Stein wird. Ich glaube ja, Bagger irren nicht.

Entlang des Veilchenwegs sind schon vor Jahren in architektonischen Würfeln neue Nachbarschaften entstanden, an der Niendorfer Straße wird gerade groß gebaut - „Magna“ heißt das Quartier passenderweise. Und entlang der Julius-Vosseler-Straße, an deren Ende in den 1973 von der Saga erbauten Hochhäusern der Lenzsiedlung 3000 Hamburger aus mehr als 30 Nationen zu Hause sind (auch Ex-Fußballprofi Patrick Owomoyela wuchs hier auf), mussten reihenweise idyllische Kleingärten weichen. Vermutlich für das, was man früher Reihenhäuser nannte und heute als Townhouses teuer bezahlt.

Nachrichten aus der ganzen Welt laufen hier zusammen

Warum Lokstedt so unglaublich beliebt ist? Das hat viele Gründe, schöne und ganz pragmatische. Einer davon ist - ja, Spötter dürfen jetzt jubeln - dass man so gut wegkommt. Das Motto: Gib mir 5! Mit den zunehmend überfüllten Bussen auf Europas meist frequentierter Linie ist der Rathausmarkt in nur gut 20 Minuten erreichbar. Und irgendwann, in naher Zukunft, hält hoffentlich noch eine weitere 5 am Siemersplatz: die neue U-Bahn. Wir sind also mittendrin - auch im Weltgeschehen, senden doch „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ jeden Abend vom Gelände des Norddeutschen Rundfunks aus die Nachrichten in Millionen bundesdeutsche Wohnzimmer.

Trotz der zentralen Lage lebt man im Grünen. Zugegeben, das erschließt sich nicht sofort, wenn man stadtauswärts auf dem langen Lokstedter Steindamm, auf der linken Seite die riesige Trainingsanlage des SC Victoria (da kickt unter anderem der junge van der Vaart), auf der rechten das Wahrzeichen des Stadtteils, der 54 Meter hohe Wasserturm, auf den wenig charmanten Siemers­platz zurast. Wobei auch dieser Verkehrsknotenpunkt besonders ist: Wo sonst bitte muss man sich schon ganz rechts einordnen, um links abzubiegen? Da steht also jeden Tag mindestens ein Ortsunkundiger quer auf der Kreuzung.

Tatsächlich lohnt es sich, links abzubiegen. Aber am besten schon am Brunsberg. Denn in den Jugendstilvillen des Zylinderviertels, zu dem mehrere Bilderbuch-Alleen gehören - unter anderem die Sottorfallee, in der das Bürgerhaus Lok­stedt vom Bridge-Brunch bis zum Lach-Yoga ein vielseitiges Programm bietet – lässt es sich schöner wohnen. Das wussten schon die gut betuchten Bürger (alle mit Zylinder, daher der Name!), die sich Ende des 19. Jahrhunderts hier ihre Sommerresidenzen errichten ließen und durch elektrisch beleuchtete Prachtstraßen spazierten. Denn 1891 erhielt das damals eben noch preußische Lokstedt Glühlampen. 65 Stück! Als erstes Dorf Deutschlands!

Lokstedt: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 28.793
  • Davon unter 18: 4837
  • Über 65: 5842
  • Durchschnittseinkommen: 41.778 € (2013)
  • Fläche: 4,9 km²
  • Anzahl Kitas: 22
  • Anzahl Schulen: 3 Grundschulen; 2 Gymnasien
  • Wohngebäude: 3221
  • Wohnungen: 15.138
  • Niedergelassene Ärzte: 61
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 1369; Aufgeklärt: 463

Uwe Seeler schätzt die unaufgeregte Normalität

„Lo“ steht im Althochdeutschen übrigens für Wald. Der liegt zwar ein paar Kilometer weiter, im Niendorfer Gehege. Dafür gibt es in Lokstedt nach wie vor viele wunderschöne Parks. Der größte ist der Amsinckpark, den der Kaufmann Wilhelm Amsinck 1868 als Landschaftsgarten im englischen Stil anlegen ließ, 1870 erbaute der spätere Rathaus-Architekt Martin Haller die heute unter Denkmalschutz stehende weiße Villa auf einem Hang, der sich bei Schnee wunderbar als Rodelberg eignet. Aber auch der Von-Eicken-Park mit seinem großen Ententeich und dem weitläufigen Spielplatz, der Lohbekpark und der Willinks Park sind Naherholungsgebiete vor der Haustür. Kleiner Geheimtipp: Der Lüttge-Garten in der Straße Hinter der Lieth, liebevoll gepflegt, ist die Heimat von mehr als 160 Rhododendren-Arten und regelmäßig für Besucher geöffnet.

Zum Einkaufen – mittwochs am Vormittag gern auf dem Wochenmarkt – gehen die Lok­stedter in die Grelckstraße. Eine Straße, die den dörflich-bodenständigen Charme des Viertels spiegelt wie keine zweite. Es ist diese unaufgeregte Normalität, die auch HSV-Legende Uwe Seeler schätzt, der gern im Restaurant Papillon im Hotel Engel essen soll, und in die sich viele verlieben. Wenn auch erst mit der Zeit.

Als ich vor zehn Jahren aus meiner winzigen Altbauwohnung in der Nähe der Osterstraße nach Lokstedt zog, da habe ich auch nicht gedacht, dass ich kommen würde, um zu bleiben. Und ich habe viele Neu-Lokstedter unter meinen Freunden, denen es genauso geht. Ein bisschen ist der Stadtteil – weil der Vergleich auch geografisch passt – wie ein „Sandwich-Kind“: eben leicht zu übersehen in der Mitte und weder so selbstverständlich selbstbewusst wie das extrovertierte Eppendorf noch so szenig-studentisch wie das junge Eimsbüttel. Das Gute: Die unterschiedlichen Welten beider Nachbarn liegen nur wenige Fahrradminuten entfernt.

Konditor Thomas Horn wurde als „Torten-Tuner“ bekannt

Auch in der engen Grelckstraße lässt sich alles ohne SUV erledigen. Auf wenigen Metern sind alle versammelt: der Italiener Il Tramonto, bei dem man nicht nur nach „Sonnenuntergang“ (so heißt es übersetzt), sondern schon beim Mittagstisch den einen oder anderen Nachrichtensprecher trifft, die freundliche Schneiderin, der nette Apotheker, der schmucke Blumenladen Magnolia, ein Frisör, das liebevoll geführte Kleine Hofcafé und natürlich – allein wegen der purpurroten Fassade nicht zu übersehen – die Confiserie Horn. Bei Anja und Thomas Horn schmeckt alles – im Sommer das Eis, im Winter die Zimtsterne und immer die Gourmet-Törtchen.

Dass Kuchen Horns Spezialität sind, ist seit 2012 sogar bundesweit bekannt: Da backte „unser“ Konditor auf Kabel Eins als „Torten-Tuner“ verrückte Riesengebilde aus Teig. Bei Horns treffen sich Jung und Alt, ebenso wie einige Meter weiter in einem ebenfalls roten Gebäude an der Haltestelle Oddernskamp: Wo oben Senioren residieren, machen unten im hauseigenen Hallenbad die Jüngsten in der Schwimmschule Wasserlust ihr Seepferdchen. Und die Generation dazwischen? Die arbeitet – zu einem großen Teil im Stadtteil.

Stadtteilserie: Zylinderviertel in Lokstedt
Stadtteilserie: Zylinderviertel in Lokstedt

Denn auch das DAX-Unternehmen Beiersdorf und NXP Semiconductors, früher Philips, sind hier ansässig. Und Lehrer werden zahlreich gebraucht, denn neben dem Gymnasium Corveystraße gibt es unter anderem (noch) das Lycée Français und die Grundschule Döhrnstraße mit deutsch-italienischem Zweig. In der Freizeit ist man im Turnverein Lokstedt aktiv, bei der engagierten freiwilligen Feuerwehr, die auch immer einen Laternenumzug organisiert, oder im Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins. Denn für Lok­stedt, das ist jetzt klar, geht es vor allem in eine Richtung: steil nach oben.

Lokstedt: Das sind die Highlights

1. Von-Eicken-Park

Stadtteilserie: Von-Eicken-Park in Lokstedt
Stadtteilserie: Von-Eicken-Park in Lokstedt

Jogger und Mütter mit Kinderwagen drehen ihre Runden um den großen Ententeich, Schüler aus dem anliegenden Lycée Français verbringen ihre Freistunde auf der Wiese, und Kinder toben auf dem von alten Bäumen gesäumten Spielplatz: Der Park am Rütersbarg, in dem sich der Namensgeber, Tabakunternehmer Carl Heinrich von Eicken, einst eine bescheidene Villa bauen ließ, zählt zu den beliebtesten Treffpunkten im Viertel.

2. Il Tramonto

Taufe, Geburtstag, Einschulung? In Lokstedt feiert man das beim Italiener. Oder bei Mustafa. Was in dem Fall beides aufs Il Tramonto hinausläuft: Seit 2004 serviert der sympathische Wirt in seinem Restaurant an der Grelckstraße, das er 2017 noch um die benachbarte Fläche der frei gewordenen Schlecker-Filiale erweiterte, hausgemachte Pasta und die beste Trüffel-Pizza weit und breit.

3. Kletterzentrum

Von Lokstedt aus geht es hoch hinaus, denn die Alpen sind nicht weit. An der Döhrnstraße liegt das Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins, mit drei Hallen die größte Anlage in Norddeutschland.

So sind Eppendorfer – Poetry-Slam von Jenny Dorothea Horst