Hamburgs bester Stadtteil

Neue Mitte Altona – ein Versprechen für die Zukunft

Erzieher Dennis mit den Kindern der Elch-Gruppe der Kita
Sandvika. Der gerade eröffnete Spielplatz direkt vor ihrer
Haustür ist der neue Hit im
Viertel – besonders für die
eher kleinen Bewohner.

Erzieher Dennis mit den Kindern der Elch-Gruppe der Kita Sandvika. Der gerade eröffnete Spielplatz direkt vor ihrer Haustür ist der neue Hit im Viertel – besonders für die eher kleinen Bewohner.

Foto: Michael Rauhe

Wo ist es in der Stadt am schönsten? Teil 10: Der nigelnagelneue Stadtteil, der in Wahrheit gar kein Stadtteil ist.

Hamburg. Der schönste Stadtteil Hamburgs ist die Neue Mitte Altona. Ein wunderbarer erster Satz, der gleich drei Fehler beinhaltet. Nummer eins: Die Neue Mitte Altona heißt offiziell gar nicht Neue Mitte Altona, sondern nach Angaben des Bezirksamts nur Mitte Altona. Nummer zwei: Mitte Altona ist auch kein Stadtteil, sondern ein Quartier. Genauso wie zum Beispiel das benachbarte Gerichtsviertel, das zwar Viertel heißt, aber im Behördensprachgebrauch auch nur ein Quartier ist. Und Nummer drei: Natürlich ist dieses Quartier Mitte Altona auch nicht der schönste Ort Hamburgs. Noch nicht.

Die Neue Mitte Altona (sorry, klingt aber einfach besser) ist vor allem ein Versprechen für die Zukunft. Dann, wenn auch das Holsten-Areal umgebaut, der Fernbahnhof nach Diebsteich verlegt und die bislang nur geplante Bauphase zwei abgeschlossen ist, gibt es möglicherweise wirklich kaum bessere Orte in Hamburg zum Leben. Dann kann man über einen Stadtteil (noch einmal sorry, aber mit dann insgesamt 4800 Wohneinheiten ist es einfach ein gefühlter Stadtteil) reden, der inklusiv sein wird, autoarm, familienfreundlich – und vor allem unschlagbar zentral.

Neue Nachbarschaft in der Neuen Mitte: Alle sind offen

Das alles ist natürlich: Zukunftsmusik. Dass aber auch der Sound der Gegenwart vielversprechend klingt, konnten die Mutigen, die trotz Baulärms schon in der Neuen Mitte wohnen, in den vergangenen Wochen laut und deutlich hören. Ein später Sonnabend im August. Aus dem Hinterhof des Wohnkomplexes zwischen Eva-Rühmkorf-Straße, Helga-Feddersen-Twiete, Emma-Poel-Straße und Domenica-Niehoff-Twiete ist dumpfer Bass zu hören. „Hallo Lieblingsmensch“ von Namika dröhnt aus den Boxen, die mitten auf dem Hinterhofspielplatz platziert sind.

Überall hängen Lampions, das ganze Areal ist liebevoll geschmückt und im Fahrradraum ist eine Bar mit Bier satt aufgebaut. Hier und da spielen Kinder, die ausnahmsweise etwas länger aufbleiben dürfen, Verstecken. Die Erwachsenen stehen mit Papptellern, auf denen Grillgut und Salate aufgetürmt sind, in Kleingruppen im Hinterhof und unterhalten sich. Sommerfest schimpft sich das Ganze. Organisiert von Nachbarn für Nachbarn.

Natürlich wird sich geduzt. Jeder hier ist neu, jeder hier ist offen. „Ach, Du kommst aus der Schanze?“, fragt einer. „Und Du? Aus Eimsbüttel? Aus welcher Straße denn genau“, fragt der andere. Die Schanze, Eimsbüttel, Ottensen, St. Pauli, Altona, die Elbe – das „Very Best of Hamburg“ liegt nur wenige Fahrradminuten entfernt. Eine Woche später. Wieder Sonnabend. Wieder Musik. Wieder Getränke. Wieder Essen. Und wieder beste Stimmung im Hinterhof. Diesmal aber einen Häuserblock weiter.

Die Neue Mitte ist eng gebaut

Zwischen Eva-Rühmkorf-Straße, Glückel-von-Hameln-Straße, Susanne-von-Paczensky-Straße und Mariannenruh-Platz flitzen jede Menge Kinder durch die Gegend, Seifenblasen fliegen, überall hängen Luftballons, Bananenbrot und Hotdogs stehen bereit. Es regnet, aber das stört hier keinen. Wie auch, wenn die Organisatorin des Ganzen auf den Spitznamen Sunny hört.

Wer den Charme der Neuen Mitte erkennen will, der muss hinter die Betonklötze und die immer noch zahlreichen Kräne schauen. Die Bauten seien lieblos zusammengeschustert, hat vor Kurzem erst ein PR-Profi in der „Mopo“ geschimpft. Und tatsächlich ist die Neue Mitte eng gebaut. Ohne Einfamilienhäuser, ohne weiße Gartenzäune und ohne großzügige Vorgärten.

Modernster Spielplatz Hamburgs

Und trotzdem ist genau dieses Zusammengeschusterte das Besondere des Stadtteils, der qua Definition gar kein Stadtteil ist. In der neuen Sandvika-Kita (im Mai 2018 eröffnet) beim großen Park, der das inoffizielle Zentrum der Neuen Mitte werden soll, weiß man, wie das gemeint ist. Hier spielen Kind 1 (Mama: Lettin, Papa: Grieche) mit Kind 2 (Mama: Russin, Papa Portugiese) und Kind 3 (Mama: Polin, Papa: waschechter Hamburger) auf dem modernsten Spielplatz Hamburgs, der erst Mitte August eröffnet wurde. Müssen die Eltern von einem der Kinder länger arbeiten, passen die anderen Eltern auf die Dreikäsehochs auf. Man mag sich, man schätzt sich, man hilft sich. Multikulti at it’s best.

Nachbarschaftshilfe nennt man das wohl auf Hochdeutsch. Und die soll in der Neuen Mitte genauso gefördert werden wie barrierefreie Zuwege (es gibt einen speziellen Bordstein für Rollstuhlfahrer und für Blinde), Lastenfahrräder oder E-Autos. Mathias Eichler und Björn Ruhkieck sitzen im großen Konferenzraum ihres Quartiersbüros an der Harkortstraße. An den Wänden hängen Pläne, Skizzen, Animationen. Hier stehen Infos zu einem Wohnprojekt mit blinden und sehbehinderten Menschen, dort stehen Infos zum Thema „Wohnungen für Flüchtlinge“. Eichler, der jeden Tag aus dem nahe gelegenen Bahrenfeld mit dem Fahrrad kommt, ist sich sicher: „Das wird funktionieren.“

Großer Park soll im Oktober fertig werden

Wer in Mitte Altona wohnt, der muss an die Zukunft glauben. An den großen Park, der im Oktober fertig werden soll. An die Einkaufsmöglichkeiten, die ebenfalls sehr zeitnah in die alten Bahngebäude reinkommen. An eine komplett umgebaute Harkortstraße, auf der im Idealfall schon Ende 2020 zwei neue Buslinien verkehren. Und an all die Gastro-Angebote, die aus dem „Familiengetto“ (O-Ton eines Anwohners) ein Eimsbüttel light zwischen Ottensen und Schanze machen sollen. „Man muss sich eben vorstellen, wie alles aussieht, wenn es erst einmal fertig ist“, sagt Björn Ruhkieck, der aus Altona-Altstadt auch keinen langen Arbeitsweg hat. „Unser Zwischenfazit fällt sehr positiv aus“, sagt Eichler. „Man fühlt die gute Nachbarschaft.“ Im schönsten Nicht-Stadtteil Hamburgs.

Neue Mitte Altona: Das sind die Highlights

Ein Spielplatz als Zentrum

Neues Zentrum der neuen Mitte Altona
Neues Zentrum der neuen Mitte Altona

Der neueste Spielplatz Hamburgs ist auch gleichzeitig die neueste Attraktion der Neuen Mitte. Erst am 16. August wurde der 300.000 Euro teure und 1200 Quadratmeter große Spielplatz von Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) eingeweiht und ist – zumindest für alle Kinder und Familien – schon jetzt das inoffizielle Quartierzentrum.

Nigelnagelneue Pizzeria

Restaurant Heat in Neue Mitte Altona
Restaurant Heat in Neue Mitte Altona

Das Gastroangebot in der Neuen Mitte ist bislang noch sehr übersichtlich. Doch das ist nicht der Hauptgrund, warum die nigelnagelneue Pizzeria „Heat“ (Harkortstraße 81) ein absolutes Muss ist – nicht nur in der Neuen Mitte, sondern in ganz Hamburg. Das selbst formulierte Selbstverständnis: Das Heat „ist wild, frei und lecker“. Noch Fragen?

Die Innenhöfe

Hinterhof in Neue Mitte Altona
Hinterhof in Neue Mitte Altona

Außen Beton, innen Hof. Wer das wahre Leben in der Neuen Mitte sucht, der muss hinter die Fassaden gucken. Fast jeder Häuserblock hat seinen eigenen Innenhof – natürlich immer mit eigenem Spielplatz. Hier trifft man sich, hier spricht man sich. Nachbarschaft für Fortgeschrittene – zum Beispiel zwischen Eva-Rühmkorf- und Emma-Poel-Straße.

*Der Autor, früher ein überzeugter Schanzianer, ist Ende 2017 als einer der ersten mit seiner Familie in die Neue Mitte gezogen. Noch immer fehlen ihm Brunos Käseladen, das Transmontana und der Stromkasten auf dem Schulterblatt, auf dem man sein Feierabendbier trinken kann. Aber: Cafés sollen ja bald in der Neuen Mitte eröffnet werden – und Stromkästen gibt es bereits jede Menge.