Hamburgs bester Stadtteil

Barmbek-Süd – Gangster in Anzügen und Rapper-Pullis

Ein Hauch New
York in Hamburg: Seit 1973
markieren die
100 Meter hohen
Mundsburg-Türme an der Ecke
Hamburger Straße und Winterhuder Weg die
Grenze zwischen
Barmbek-Süd
und Uhlenhorst.

Ein Hauch New York in Hamburg: Seit 1973 markieren die 100 Meter hohen Mundsburg-Türme an der Ecke Hamburger Straße und Winterhuder Weg die Grenze zwischen Barmbek-Süd und Uhlenhorst.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 21: Zwischen „Barmkenese“ und „Barmbronx“.

Hamburg. Noch ein paar Meter, dann ist es geschafft. Nur wenige Schritte sind es von der Bushaltestelle Mundsburg auf der Uhlenhorst zur anderen Seite des Winterhuder Wegs. Aber diese Schritte haben es in sich. Kaum ist man aus dem Bus gehüpft, wird man von Kinderhorden umzingelt, die einem Aktienpakete, echte Cartier-Uhren oder fliederfarbene Ralph-Lauren-Pullover („zum um die Schultern legen, Monsigneur!“) andrehen wollen, um ihr Taschengeld aufzubessern. Man kann sogar mit Kreditkarte zahlen … Nur ein Scherz auf Kosten der feinen Uhlenhorster. Die haben’s ja. Und wir gegenüber haben doch nichts – in Barmbek-Süd.

Wir haben keine Elbe, keine Alster, keine Reeperbahn. Keinen Michel, keine Elbphilharmonie, keine Speicherstadt. Und doch ist Barmbek-Süd das ideale Sprungbrett: Nirgends lebt man so nah an der Alster wie hier zwischen Osterbekkanal im Norden und Eilbekkanal im Süden, ohne absurd dicke Geldbündel auf den Tisch legen zu müssen wie in Winterhude, Harvestehude, Rotherbaum oder auf der Uhlenhorst. Miet- und Kaufpreise in Barmbek-Süd sind im Vergleich nur moderat sauteuer geworden in den letzten Jahren.

In Barmbek-Süd bevorzugt man ehrliche Gardinenkneipen

Aber wenn man dann und wann auf der Straße Telekom-Aktien, falsche Cartier-Uhren oder fliederfarbene Primark-Pullover verhökert, um sich das Taschengeld aufzubessern, kann man es sich gerade so leisten. In Barmbek-Süd lebt man zentral und doch in Ruhe, wenn einem gerade nicht ein Neubau vor das Küchenfenster geklatscht wird: Nachverdichtung ist besonders im Komponistenviertel oder auch „Barmkenese“ („Das Blankenese von Barmbek“, sagte Sänger Stefan Gwildis schon vor vielen Jahren) das aktuelle Stichwort.

Barmbek-Süd: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 35.438
  • Davon unter 18: 3760
  • Über 65: 4939
  • Durchschnittseinkommen: 32.679 € (2013)
  • Fläche: 3,1 km²
  • Anzahl Kitas: 26
  • Anzahl Schulen: 3 Grundschulen, 3 Stadtteilschulen
  • Wohngebäude: 2121
  • Wohnungen: 22.242
  • Niedergelassene Ärzte: 56
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 2807, Aufklärt: 971

Aber auch der Osten des Quartiers erfreut sich besonders im Umfeld der Schön Klinik großer Beliebtheit bei Zugezogenen und natürlich Investoren und Miethaien. Die „baschen“, sprich groben, mundgebissenen Barmbeker, wie Uhlenhorster und Winterhuder sie einst nannten, sind nur Folklore.

Seit den Wiederaufbaujahren zerschneiden die Hamburger Straße, das „Mundsburg Center" und das renovierte EKZ „Hamburger Meile“ das ehemalige Arbeiterviertel in zwei Hälften, in denen es alles spiegelbildlich gibt. Zum Spazieren, Entspannen und Spielen gibt es im Osten den Eilbek Park, im Westen Osterbek Park, Johannes-Prassek-Park, Elsa- und Schleidenpark. Die besten Burger brät im Osten die „Louiskitchenbar“ an der Dehnhaide, im Westen „Kohldampf“ in der Weidestraße. Leckere Kuchen und tollen Kaffee holt man im Osten bei „Schmidtchen“ (Friedrichsberger Straße), „ElbBarista“ (Alter Teichweg) und „Café Elbe“ (Von-Essen-Straße), im Westen in der „Konditorei Münch“ (Weidestraße) oder im „Genascht“ (Mozartstraße). Nichtmehrgeheimtipps sind das Pulled-Pork-Klein­od „Spajz“ (Flotowstraße), der Feinschmecker-Imbiss „Curry Pirates“ (Mozartstraße), und das retro-charmante „Lords Deli“ (Beim Alten Schützenhof). Gerade entdeckt werden „Pamboli Tapas Bar“ (Imstedt) und „Supa Panda Ramen“ (Weidestraße). Die Pfunde wird man in der „Bartholomäustherme“ oder im „Holms Place“ wieder los.

Barmbek-Süd ist übrigens bei allen guten Nachbarschaften ein Großstadtrevier und kein „Dorf“ wie gewisse 49 andere Stadtteile. Sensationen, die einen mit saurem Schnapsatem anschreien, wie geil sie sind („Schanze! Geili! Kiez! Geiligeili!“), muss man dennoch woanders suchen. Es gibt das UCI-Kino im „Mundsburg Center" oder die Theater in der Marschnerstraße und in der Bugenhagenkirche, auch Kampnagel, Ernst Deutsch Theater und Stadtparkbühne sind gut erreichbar. Gehobene Drinks finden sich eher in Winterhude, in Barmbek-Süd bevorzugt man noch ehrliche Gardinenkneipen wie die „Capri Stube“ (Von-Essen-Straße) im Osten. Oder „Zum guten Topfen“ (Mozartstraße) im Westen: Bei Sonne versammeln sich dort Alt-Barmbecker (jawoll, mit ck!) zwischen Ölfässern in HSV- und St.-Pauli-Farben. Bier auf neutralem Grund.

In der „Barmbronx“ bestellen Rapper ihre dicken Pullis

Das war es dann auch mit Cornern, wenn nicht gerade alles frische Luft vor dem „Freundlich + Kompetent“ schnappt. Der aus Winterhude an die Hamburger Straße gezogene Club ist mit täglichen Konzerten und Partys von Montag bis Sonnabend ein guter Treffpunkt, um seine bei „Aight!* Evolution“ bestellte Streetwear zu zeigen. Das an der Dehnhaide ansässige Modelabel kultiviert seit sieben Jahren das „Barmbronx“-Gefühl zwischen dem U-Bahn-Viadukt am Barmbeker Markt und dem Skatepark am Flachsland. Das verbreiteten schon US-Boys wie Method Man vom Wu-Tang Clan, aber auch schwere Hamburger Hip-Hop-Jungs wie Gzuz. Dicke Pullis aus Barmbek-Süd, wo Gangster wie Julius Adolf Petersen, der „Lord von Barmbeck“ (jawoll, mit ck!), vor 100 Jahren noch in edelsten Anzügen provozierten.

Das Unterschlupfhaus des Lords steht noch gegenüber von „Lords Deli“ an der Ecke Beim Alten Schützenhof und Bartholomäusstraße. Hier ist man „mitten inne Stadt, mitten in Barmbek“, wie Lotto King Karl singt. Süd, wohlgemerkt! Barmbek-Nord geht auch noch einigermaßen im Sommer: „Da hat’s um null Grad, aber im Winter wird es kälter und kälter und kälter. Ist schließlich der Norden“, wie es in der berühmten Barmbek-Dokumentation „Willkommen bei den Sch’tis“ heißt, die mit den Vorurteilen zwischen Nord- und Süd-Barmbekern spielt. Lotto King Karl wohnt jetzt übrigens in Winterhude. Dafür muss er aber auch viele Konzerttickets, Pullover und Smudo-Autogrammkarten verkaufen.

Barmbek-Süd: Das sind die Highlights

Eilbek Park
Der Stadtpark ist nah in Barmbek-Süd, aber manchmal eben nicht nah genug. Hier an der Südgrenze des Quartiers, wo die Wandse zum Eilbekkanal wird, finden sich sonnige und schattige Plätzchen, Spielplatz und breite Radwege. Das entsprechende Pendant an der Nordgrenze ist der vor einigen Jahren neu angelegte Johannes-Prassek-Park am Osterbekkanal.

„Freundlich + Kompetent“

Stadtteilserie Barmbek Süd
Stadtteilserie Barmbek Süd

„Da gibt es immer charmante Livemusik“, weiß nicht nur Sänger Johannes Oerding, der seine ersten Jahre in Hamburg in Barmbek-Süd verbrachte. In dem kirchenähnlichen Backsteingewölbe mitten im „Mundsburg Center“ (Hamburger Straße 13, Mo–Sa ab 17 Uhr) lässt man mit guten Drinks, Bands und Partys nicht nur die drei Mundsburg-Türme tanzen.

„Lords Deli“
Wer sich im „Freundlich + Kompetent“ einen eingeschenkt hat, kann den Kater im hell und luftig eingerichteten Café und Bistro (Beim Alten Schützenhof 16, Mi 9–17 Uhr, Do/Fr 9–21 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr) mit dem vielleicht besten Kaffee des Viertels sowie leckeren hausgemachten Frühstücks-, Mittags- und Abendkleinigkeiten angehen. Praise the Lord!