Hamburgs bester Stadtteil

Harvestehude – großes Kino trifft große Oper

Steht für Harvestehude: die Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern.

Steht für Harvestehude: die Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern.

Foto: Thorsten Ahlf

Wo ist es in der Stadt am schönsten? Schwere Frage. Wir versuchen sie zu beantworten. Teil 44: Eine Liebe fürs Leben.

Hamburg. Eines gleich mal vorweg: Harvestehude ist kein Dorf und auch nicht wie ein Dorf – obwohl es viele idyllische grüne Straßen und Ecken hat. Harvestehude, das war, ja, das ist großes Tennis, großes Kino, Kultur und noch einiges mehr. Dieser Stadtteil steht für Vielfalt, aber auch für Vielschichtigkeit, die in diesen insgesamt 162 Zeilen bloß angerissen werden können. Vor allem aber steht das eigentlich so mondäne Harvestehude trotz einiger (zu augenfälliger) Veränderungen noch immer für das hanseatisch Dezente. Das ist das Schöne.

So wie damals, als wir Gymnasiasten uns Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre von Eppendorf aus mit der U-Bahn zur Hallerstraße aufmachten, um in der Prä-Becker-und-Stich-Ära im Tennisstadion Rothenbaum den ausdauernden Spanier José Higueras, den kantigen Australier Peter McNamara (gegen US-Legende Jimmy Connors), Rasta-Man Yannick Noah oder „die Katze“ Miloslav Mečíř siegen zu sehen. Als finaler Höhepunkt einer Woche mit Schüler-Dauerkarte für 75 D-Mark. Auf Stehplätzen wohlgemerkt, unter Schatten spendenden Bäumen auf der Osttribüne. Alles so schön grün dort.

Gewiss, die Anlage, bereits seit 1932 Sitz des Clubs an der Alster und seit inzwischen drei Jahrzehnten Hauptadresse des Deutschen Tennis-Bundes, hat außer vielen Bäumen auch an Charme verloren. Spätestens als der DTB 1997 den jetzigen Center-Court mit seinem spindelförmigen schließbaren Dach fertigstellen ließ, wirkte es, als wäre ein Ufo mitten in der Villengegend gelandet. Dass Deutschlands größtes Tennisstadion mit seinen 13.200 Sitzplätzen aber auch für andere Zwecke taugt, zeigten mit ihren Auftritten der Dalai Lama und der gealterte italienische Star-Tenor Luciano Pavarotti.

Harvestehude: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 17.944
  • Davon unter 18: 2715
  • Über 65: 3729
  • Durchschnittseinkommen: 111.088 € (2013)
  • Fläche: 2,1 km²
  • Anzahl Kitas: 19
  • Anzahl Schulen: 2 Gymnasien; 1 Stadtteilschule
  • Wohngebäude: 1352
  • Wohnungen: 10.190
  • Niedergelassene Ärzte: 151
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 1173; Aufgeklärt: 412

Und nach zuvor drei Major-Turnieren ist Hamburg dank des Rothenbaums spätestens seit der WM in diesem Juli der Nabel der Beachvolleyball-Welt. Auch nach Meinung der Athleten und internationalen Berichterstatter war es die bisher größte, stimmungsvollste und beste Beach-WM-Party aller Zeiten – ohne dass sich Anlieger, darunter Rechtsanwälte und Ärzte, hier im Süden Harvestehudes über Lärm beschwerten.

Die Grenzen zum benachbarten Stadtteil Rotherbaum – man beachte das „r“ – sind hier fließend, sie verlaufen entlang der Hallerstraße und Alsterchaussee, auch wenn offenbar selbst manche Medienmacher nicht genau wissen, wo sie arbeiten. Etwa die Fröhlich-Funker vom Stadtsender NDR 90,3, die tagtäglich mit Staumeldungen aus dem „Verkehrszentrum Rotherbaum“ nerven. Dabei nimmt das NDR-Gelände zwischen Rothenbaumchaussee und Mittelweg mit dem unter Denkmalschutz stehenden klangtreuen Rolf-Liebermann-Studio an der Oberstraße mehr als fünf Hektar Fläche in Harvestehude ein.

Doch nicht etwa die Gemeinde St. Johannis Harvestehude – sie liegt in Ro­therbaum (!) –, sondern die 1962 erbaute Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern ist das geistige und kulturelle Zentrum Harvestehudes. Unweit von Hamburgs grünstem Verkehrskreisel sind Klassik und Kirchenmusik Trumpf. Seit ihrer Gründung kooperiert die Hamburger Camerata, inzwischen ein renommiertes Kammerorchester, mit der Hauptkirche; der Knabenchor St. Nikolai konzertiert hier, ebenso die 30 Jahre junge Seniorenkantorei St. Nikolai. Und die Schauspiel-Stars Martina Gedeck und Matthias Brandt, die hier Ende Mai lasen, erlebt man in Hamburg auch nicht so oft. Zudem zieht Ex-ZDF-Mann Knut Terjung mit seiner Montags-Gesprächsreihe und immer neuen Gästen regelmäßig Hunderte von Zuhörern in die Hauptkirche.

Harvestehude - St. Nikolai
Harvestehude - St. Nikolai

Abwechslung für Groß und Klein speziell bei Sonnenschein bietet der drei Hektar große Innocentiapark jenseits von Rothenbaumchaussee und Hoch­allee. Es soll Leute aus der Kreativwirtschaft geben, die hier bei gutem Wetter jede Mittagspause verbringen, um aufzutanken. Das frische Essen bekommen sie zweimal pro Woche auf dem nahen Isemarkt (Isestraße).

Im Innocentiapark mischt sich das Publikum

Der Park indes lockt mit seiner großen Wiese nach Feierabend und an den Wochenenden bis in den Herbst Jung und Alt ins Freie. Väter, Mütter, Familien, Freunde und Bekannte schleppen Holzbänke heran und feiern im Grünen Kindergeburtstage und mehr. Künstlerisch erproben können sich Menschen ab fünf Jahren ganzjährig in der Malschule in einem fast 110 Jahre alte umgebauten Toilettenhäuschen, geleitet von der rührigen Marlene Brandt.

Das Leben im Park ist bunt, weil sich im Innocentiapark mit Spielplatz und Tischtennisplatten das Publikum mischt. Manche kommen aus ihren Stadtvillen und Etagenhäusern, viele andere aus den Grindelhochhäusern. Die denkmalgeschützten zwölf „gelben Riesen“ sind begehrte Adressen – weil für diese zentrale und meist hochpreisige Lage mit viel Grün drum herum immer noch bezahlbar. Die Hochhäuser sind Heimat für 3500 Menschen. Eine Kleinstadt inmitten von Harvestehude.

Großes Kino trifft große Oper

Klar, der Stadtteil hat noch so viel mehr zu bieten: das Theater im Zimmer in der weißen klassizistischen Villa (Alsterchaussee 30) oder das Holi-Kino, das – obwohl an der U-Bahn Hoheluftbrücke gelegen – gleichfalls zu Harvestehude gehört. Dank regelmäßiger Live-Übertragungen aus der New Yorker „Met“ heißt es hier: Großes Kino trifft große Oper.

Die gibt es manchmal hautnah an der Hundewiese am Fährdamm, wenn „Leila“ oder „Chico“ Herrchen oder Frauchen doch mal komplett von der Leine gehen. Das Alstervorland ist eben nicht nur für Spaziergänger und „Balz-Jogger“ da. Hier, zwischen Harvestehuder Weg und Sophienterrasse, sind mit dem Projekt „Wohnen an der Außenalster“ 200 neue Wohnungen und Häuser für etwa 340 Millionen Euro entstanden – eine ganz andere Hausnummer. Manche nennen es – frei von Neid – „Reichen-Getto“. Noch mal etwas anderes als ein Dorf oder eine Kleinstadt.

Uns aber bleibt die Vorfreude auf großes Tennis und die große Beach-Party 2020 am Rothenbaum – sowie die schönen Stunden im Park.

Harvestehude: Das sind die Highlights

1. Grindelhochhäuser

Harvestehude - Grindelhochhäuser
Harvestehude - Grindelhochhäuser

Die „gelben Riesen“ sind markante Höhepunkte des Stadtteils. Die zwölf Häuser, bis auf zwei alle im Besitz der städtischen Saga, wurden zunächst für britische Besatzungsoffiziere konzipiert, waren dann die ersten Wohnhochhäuser für Bundesbürger. Eines der von 1950 bis 1956 erbauten Häuser (Grindelberg 66) ist Sitz des Bezirksamtes Eimsbüttel. Die Cafeteria66 (12. Stock, Mo–Fr, jew. bis 14.30 Uhr) bietet auch für „Betriebsfremde“ eine tolle Aussicht.

2. Tennisstadion Rothenbaum

Harvestehude - Tennisstadion
Harvestehude - Tennisstadion

1894 fanden an diesem Standort die ersten „Internationalen Deutschen Meisterschaften im Tennis“ statt, seit 1924 das größte deutsche Herren-Turnier. Am Sitz des DTB und des Clubs an der Alster mit dem großen Stadion (bis zu 13.200 Sitzplätze) fliegen seit 2016 einmal im Jahr auch die Beachvolleybälle übers Netz, 2019 sogar bei der WM.

3. Isemarkt
Für viele Hamburger noch immer der schönste, in jedem Fall der längste Freiluftmarkt Europas: Auf dem Isemarkt blüht dienstags und freitags (8.30–14 Uhr) das Treiben auf 970 Metern unterm Hochbahn-Viadukt. Zwischen den U-Bahn-Stationen Eppendorfer Baum und Hoheluftbrücke gibt es von Ananas bis Zypressen fast alles: Obst, Gemüse, Pflanzen, kalte und warme Speisen. Dafür sorgen 250 Händler.