Am Ohr des Kunden

Foto: Heiner Köpcke

Auf Hörgeräteakustiker wartet ein sicherer Job. Sie üben ein medizinisches Handwerk aus, das Einfühlungsvermögen und Kontaktfreude verlangt

Welche Farbe hätten Sie gern? Chestnut, Golden Blonde, Granite, Olive, Turquoise Blue – oder doch lieber hautfarben? Die Farbnamen für die kleinen Geräte klingen wie Versprechungen. Insgesamt kann der Kunde zwischen 16 unterschiedlichen Farbtönen und Nuancen wählen, wenn er sich für ein Hörsystem entscheidet. Diese Geräte sind heutzutage so winzig, dass sie selbst bei einer Kurzhaarfrisur nicht auffallen. Zugleich sind die Hörsysteme moderne Hightech-Produkte mit ausgeklügelter Technik und einem enormen Leistungsvermögen.

"Kleiner können die Hörsysteme nicht mehr werden, denn sie müssen bedienbar bleiben", sagt Marie-Kristin Dietz, die als Hörgeräteakustikerin Menschen jeden Alters berät. Die 25-Jährige, die ein Musikgymnasium in Schwerin besuchte und Saxofon in einer Band spielte, kam mit 19 Jahren nach Hamburg, um Musikwissenschaften zu studieren. Nach ihrem Grundstudium entschied sie sich jedoch für die Hörakustik, weil sie mehr mit Menschen statt mit Büchern arbeiten wollte. Überdies faszinierte sie die Komplexität des menschlichen Ohres. Marie-Kristin machte bei Köchling Hörgeräte in Hamburg-Lohbrügge eine Ausbildung zur Hörgeräteakustikerin und hat gerade ihre Meisterprüfung mit Erfolg bestanden. "Die Tätigkeit ist vielseitig, hat medizinische, chemische, technische und psychologische Komponenten. Denn wir arbeiten mit Menschen."

Von der ersten Beratung eines Kunden bis zur endgültigen Anpassung des Hörgeräts können drei Wochen oder auch drei Monate vergehen. Die Kunden werden später weiterhin betreut, denn alle drei Monate wird ein Servicetermin angesetzt. Bei Menschen, die lange Zeit so gut wie nichts mehr gehört haben, werden die Geräte zunächst nicht voll eingestellt. "Hörentwöhnte Menschen müssen erst langsam an eine akzeptable Lautstärke herangeführt werden", sagt Linda Breitwieser, Auszubildende im dritten Lehrjahr und eine Kollegin von Dietz. Diese Annäherung könne bis zu einem Jahr dauern. Die 25-jährige Linda Breitwieser wollte immer einen technischen Beruf ergreifen und machte zunächst eine Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten. Mit ihrem Interesse an Medizintechnik und für Menschen war der Schritt zur Hörtechnik nicht mehr weit.

Da für diesen Beruf Lebenserfahrung und Menschenkenntnis wichtig sind, weil viele Kunden älter sind als 50Jahre, bevorzugt Ausbilder Michael Köchling Bewerber, die mindestens 18 Jahre alt sind und einen Führerschein haben. Er habe jedoch auch mit 16-jährigen Realschülern bereits positive Erfahrungen gemacht. Köchling, der mit 16 Jahren zunächst eine Ausbildung zum Augenoptiker, mit 19 eine weitere zum Hörgeräteakustiker und später noch seinen Meister machte, betreibt fünf Geschäfte und hat drei Auszubildende. "Dieser moderne Beruf des Gesundheitshandwerks erfordert Know-how und handwerkliches Können. Ferner müssen Hörgeräteakustiker Verantwortungsbewusstsein, Entscheidungs- und vor allem Kommunikationsfähigkeit mitbringen", sagt Köchling. Auf der anderen Seite biete der Beruf jungen Menschen einen sicheren Arbeitsplatz. "Denn wir haben in unserer Branche Vollbeschäftigung."

Rund 2,5 Millionen Menschen tragen Hörgeräte. Und es werden immer mehr, denn Schwerhörigkeit gehört zu den zehn häufigsten gesundheitlichen Problemen. Seit der Gründung dieses Berufes vor über 50 Jahren arbeiten mehr als 12.000 Hörgeräteakustiker in etwa 5000 Fachgeschäften.

Der menschliche Faktor spielt in der Hörgeräteversorgung eine große Rolle, das Einfühlen in die Befindlichkeiten des Gegenüber. "Hörgeräteakustiker verkaufen keine Hörgeräte, sondern passen sie in Zusammenarbeit mit den Kunden an deren individuelle Hörverluste an. Das ist eine sehr verantwortungsvolle und befriedigende Tätigkeit", sagt Marie-Kristin Dietz.

Aber es besteht nicht nur Kontakt zu den Kunden. Hörgeräteakustiker arbeiten mit Hals-Nasen-Ohren-Ärzten zusammen, ebenso mit Rehabilitationszentren, Schwerhörigenschulen und Seniorenheimen, manchmal auch mit Logopäden, Phoniatern, Sozialhelfern und Pädaudiologen. "Der Beruf überschneidet sich mit anderen Fachgebieten. Das macht ihn interessant und anspruchsvoll", sagt Ausbilder Köchling. Da Hörsysteme komplexe digitale Geräte sind, die mit einem Computerprogramm individuell eingestellt werden, müssen sich Akustiker ständig weiterbilden. Dazu gehören Schulungen der Hersteller über die neue Software in den Geräten. "Die Durchlaufquote der Geräte beträgt etwa eineinhalb Jahre", sagt Köchling.

Der Beruf des Hörgeräteakustikers zählt zu den gefahrengeneigten Gesundheitshandwerken. Dies bedeutet, dass andere Personen, die diesen Beruf nicht erlernt haben, keine Hörgeräte anpassen dürfen.

Berührungsängste dürfe man in ihrem Job allerdings nicht haben, "denn man arbeitet schon sehr nah am Menschen, beispielsweise bei Hörtests und der Anpassung der Geräte", sagt Linda Breitwieser. Azubis müssen vor allem offen, freundlich und geduldig sein. Häufig sei die Ablehnung gegenüber einem Hörgerät reine Unwissenheit. "Man muss zudem immer beide Seiten überzeugen, den Hörsystemträger wie dessen Familie, und überdies die Kosten rechtfertigen", sagt Linda.

Diese betragen – je nach Leistungsvermögen und Extras – zwischen 300 und 3000 Euro pro Hörsystem. Es gibt sogar wasserdichte Systeme, mit denen man duschen kann und Fernbedienungen, die im Restaurant sinnvoll sind. Rund 2500 verschiedene Hörsysteme sind auf dem Markt, die sich bei Bedarf noch modifizieren lassen.

Und welche Farbtöne sind derzeit bei ihren Kunden besonders gefragt? Silber und Blonde, lautet die einstimmige Antwort der beiden jungen Frauen.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.