23.06.13

Studium

Geisteswissenschaftler brauchen einen Karriereplan

Was kommt nach Goethe und Schiller? Germanisten & Co. haben kein festes Berufsbild. Darum müssen sie sich umso mehr Gedanken über ihre Zukunftsgestaltung machen.

Von Andrea Pawlik und Britta Schmeis
Foto: Getty Images

Goethe und Schiller als Studienthema – warum nicht? Aber einen Plan zum Geld verdienen braucht man trotzdem
Goethe und Schiller als Studienthema – warum nicht? Aber einen Plan zum Geld verdienen braucht man trotzdem

Erst einmal studieren, was Spaß macht: Kulturwissenschaften, Soziologie oder Sinologie. Wer sich für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheidet, hat meistens nicht die steile berufliche Karriere vor Augen.

"Ich habe den Eindruck, dass die meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler ihr Studium aus Leidenschaft wählen", sagt Frauke Narjes, Leiterin des Career Center an der Hamburger Universität. Was ja auch keineswegs ein schlechtes Motiv ist. Narjes: "Wenn man sich einmal erfolgreiche Leute anguckt, fällt auf, dass sie das, was sie tun, immer auch gern tun."

Geisteswissenschaftler können sich auf "alles" bewerben

Schwierig wird es aber mitunter dann, wenn es an die Jobsuche geht. Während Ingenieure und Mediziner genau wissen, auf welche Stellen sie passen, können Geisteswissenschaftler sich auf alles oder nichts bewerben. Der Weg zum Traumjob ist bei ihnen deutlich komplizierter – und braucht darum gute Planung.

"Es ist blauäugig, einfach drauflos zu studieren, ohne sich Gedanken zu machen, in welche Richtung der spätere Beruf gehen soll", sagt Frank Wießner. Er arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und kritisiert, dass vor allem Bachelor-Studenten am Ende ihres Studiums oft ohne durchdachten Plan dastünden.

Ab dem dritten Semester konkrete Ideen entwickeln

Frauke Narjes empfiehlt darum schon Studienanfängern, sich Gedanken darüber zu machen, womit sie später einmal ihr Geld verdienen möchten. Ab dem dritten Semester sollten die Ideen konkreter werden, findet sie, und spätestens im fünften oder sechsten Semester sollten Studenten beginnen, ihr künftiges Berufsfeld einzugrenzen.

Kariereberaterin Madeleine Leitner empfiehlt, drei bis fünf Ideen zu entwickeln, was man machen möchte. Leitende Fragen können dabei sein: "Wie wichtig ist mir die Bezahlung?" oder "Mit welchen Menschen umgebe ich mich gern?" Oder auch: "Möchte ich lieber organisatorisch tätig sein oder im persönlichen Kontakt arbeiten?"

Es sei ein bisschen wie bei Selbstständigen, sagt Frauke Narjes: "Was ist meine Geschäftsidee, und was kann ich anbieten?"

Stellenanzeigen nach Berufsbildern durchforsten

Anschließend geht es darum, Berufsbilder zu finden, in denen so gearbeitet wird, wie man selbst es möchte. Hilfreich findet Narjes es zum Beispiel, sich Stellenanzeigen anzusehen, um einen Eindruck zu bekommen, welche Anforderungen in welchem Beruf gestellt werden.

Nicht vernachlässigen, sollten Studenten "die realistische Einschätzung ihrer Vorstellungen", sagt Madeleine Leitner. Sie müssten intensiv recherchieren, wie der jeweilige Joballtag aussieht.

Praktika sind natürlich immer ein probates und wichtiges Mittel, um Berufe kennenzulernen. "Schließlich kann man sich 50 Schokoladenkuchenrezepte anschauen – ob eines davon schmeckt, weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat", zieht Narjes einen Vergleich.

Sich nie auf nur einen Informanten verlassen

Auch Gespräche mit Menschen aus der Praxis seien nützlich. Die trifft man zum Beispiel auf Job- oder Firmenkontaktmessen – oder auch im Bekanntenkreis. "Wichtig ist aber, jeweils mit mehreren Personen zu sprechen", betont die Career-Center-Chefin. "Fragt man nur einen und der ist gerade frustriert von seinem Job, entsteht ein völlig falscher Eindruck."

Auch die Arbeit als Werkstudent oder Jobber ist übers Geldverdienen hinaus nützlich und ermöglicht einen Abgleich der eigenen Vorstellungen mit der beruflichen Realität. Dementsprechend ist es auch "am sinnvollsten, in Bereichen zu arbeiten, in denen man später einen Job sucht", sagt IAB-Experte Frank Wießner.

Übers Praktikum in einen festen Job

Ein weiterer Pluspunkt: Arbeitgeber besetzen ihre freien Stellen oft über persönliche Kontakte – und den engagierten Praktikanten kennen sie ja schon.

Tatsächlich gebe es aber Studenten, die den Praxisbezug zu vermeiden versuchen, sagt Frauke Narjes von der Studienberatung. Die Gründe sind vielfältig, eine Angst zu scheitern stecke mitunter dahinter. Für sie – aber nicht nur für sie – kann ehrenamtliche Arbeit ein Einstieg in die Berufserfahrung sein. Auch dabei kann man seine Stärken und Vorlieben kennenlernen.

Projekt "Service Learning" an der Uni Hamburg

Sinnvoll sind ebenso Seminare zur beruflichen Orientierung, wie sie inzwischen viele Hochschulen anbieten. An der Uni Hamburg können Studenten zum Beispiel am Projekt "Service Learning" teilnehmen.

Unter anderem wurden in diesem Rahmen schon eine Wettbewerbsanalyse für die Hilfsorganisation Terre des hommes angefertigt und für den Eimsbütteler Turnverband die Zukunftsperspektiven seines Sportangebots ausgelotet.

"Fishing for Experiences" sorgt für Praxiserfahrung

"Für Geisteswissenschaftler besonders interessant finde ich auch das Projekt 'Fishing for Experiences'", sagt Narjes. Es ist eine Kooperation von Uni, HAW Hamburg und TU Harburg. Dabei arbeiten Ingenieure, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftler als Projektmanager in einem Team. "Schließlich gibt es interkulturelle Missverständnisse nicht nur zwischen Nationalitäten, sondern auch zwischen akademischen Disziplinen", hebt Narjes hervor.

Aber egal, wie Geisteswissenschaftler sich ihrem Beruf nähern: "Wer sich erst nach dem Examen Gedanken darüber macht, ist zu spät dran", sagt Narjes.

Auch Arbeitgeber aus der Wirtschaft in Betracht ziehen

Auch Wirtschaftsunternehmen sollte niemand von vornherein als Arbeitgeber ausschließen. Man müsse sich immer erst mit etwas auseinandersetzen, bevor man es ablehnen dürfe, findet die Studienberaterin.

Wer im Gegenteil sogar Interesse an Wirtschaftsthemen entwickelt, kann sich im Nebenfach bei den "WiWis" einschreiben – oder seinen Master nicht in Anglistik, sondern in Business Administration (MBA) machen. Schaden wird das nie: "Wirtschaftliches Denken braucht man heute in jedem Beruf", sagt Frauke Narjes.

(mit dpa)
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